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Katholische Kirche: Ein Missbrauchsopfer wehrt sich

Ein 15-Jähriger wurde von einem Pfarrer der Herz Jesu Kirchengemeinde in Tegel missbraucht. Das Erzbistum nennt das Opfer den „Beschuldigenden“.

Ein 15-Jähriger wurde von einem Pfarrer der Herz Jesu Kirchengemeinde in Tegel missbraucht. Das Erzbistum nennt das Opfer den „Beschuldigenden“.

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BLZ/Markus Wächter

Manche Wunden heilen nie. Wenn sie nach Jahren wieder aufbrechen, kommt es für Beteiligte oft überraschend. So ist es auch in einem Missbrauchsfall, der die katholischen Kirchengemeinden Peter und Paul in Potsdam und Herz Jesu in Tegel betrifft. In der katholischen Kirche muss jetzt ein alter Fall neu aufgerollt werden, weil das Opfer plötzlich Druck macht. Ein des sexuellen Missbrauchs beschuldigter Gemeindepfarrer war rehabilitiert worden, obwohl der Kirchenleitung bekannt war, dass er tatsächlich einen Jungen zu einer sexuellen Handlung genötigt hatte.

Ihren Anfang nimmt diese Geschichte, als der damals 15 Jahre alte Stefan Lüttke sich von der Wohnung des Geistlichen auf den Heimweg macht. Was er auf diesem Weg erlebt, wird für ihn zu einem Alptraum, der ihn bis heute schwer belastet. Denn der Junge wird unterwegs sexuell missbraucht – von einem Kaplan seiner Kirchen- gemeinde in Potsdam, seinem Wohnort. An diesem Tag begleitete der erwachsene Mann den Jungen nach Hause. Über das, was damals geschah, hat Stefan Lüttke lange geschwiegen. Er wurde darüber krank. Er sagt, er habe damals nicht darüber sprechen können. Jetzt allerdings hat er nicht nur den Täter angezeigt, er beschuldigt auch das Berliner Erzbistum, den Fall vertuscht zu haben.

Heute ist Stefan Lüttke in der Lage, über jenen Abend im Jahr 1997 in Potsdam Auskunft zu geben. Er sitzt in einem Berliner Café und spricht äußerlich ruhig über das, was ihm passiert ist. „Die Tat fand an einem Sommerabend auf dem Heimweg von einem Treffen einer Firmgruppe in seiner Wohnung statt“, sagt er. Der Kaplan habe ihn um einen Spaziergang durch den Park gebeten. Er habe davon gesprochen, dass doch nichts dabei sei, sich nackt voreinander zu zeigen. Irgendwann hatte er den 15-Jährigen wohl soweit, dass er ihn anfassen konnte. Es sei zur gegenseitigen Masturbation gekommen, sagt Lüttke.

Jahrelang verdrängt

Der Täter habe später weitere Annäherungsversuche unternommen, die er aber abgeblockt habe, sagt Lüttke. Er versuchte, das Geschehene zu verdrängen. Bis ins Jahr 2010. Damals, als die Zeitungen voll mit Missbrauchsgeschichten waren, als heraus kam, dass einige Priester am Berliner Canisius Kolleg jahrzehntelang Schüler sexuell missbraucht hatten, als telefonische Hotlines eingerichtet und Ansprechpartner für Betroffene benannt wurden, geschah etwas mit Stefan Lüttke. Er rief bei diesen Hotlines an: bei der Bundesregierung und auch bei der katholischen Kirche. Er erzählte sein Erlebnis vom Heimweg. Bei dem Telefonat mit der Kirche bat er darum, den Fall ans Berliner Erzbistum weiterzugeben, um weitere Übergriffe des Mannes, der mittlerweile als Pfarrer die Herz Jesu Gemeinde in Tegel leitete, zu verhindern. Lüttke wollte dabei anonym bleiben.

Letzteres klappte nicht. Ein Jahr später erhielt er einen Brief des Pfarrers seiner Heimatgemeinde in Potsdam, in dem dieser auf den Missbrauch Bezug nahm. Wie er Kenntnis davon erlangt hat, kann das Erzbistum heute nicht erklären.

Stefan Lüttke sah keine Möglichkeit zu reagieren. 2010 wurde er zweimal wegen psychischer Probleme stationär im Krankenhaus behandelt. Das Erzbistum agierte ohne sein Zutun. Die Kirchenleitung nahm den Pfarrer vorerst aus dem Dienst und leitete eine kircheninterne Untersuchung ein. Berliner Tageszeitungen, darunter auch diese Zeitung, haben damals darüber berichtet. Es schien ein Fall zu sein, in dem die Kirche alles richtig machte.

Was weiter passierte, drang bisher nicht nach draußen. Das Polizeipräsidium Potsdam und die Berliner Polizei nahmen Kontakt zu Lüttke auf. Er habe aber damals wegen seines Gesundheitszustands keine Aussage machen können, sagt Lüttke. Im April vergangenen Jahres veröffentlichte das Erzbistum dann plötzlich im Rahmen eines im Gottesdienst verlesenen Publicandums die Mitteilung, dass die staatlichen und kirchlichen Untersuchungen gegen den Pfarrer „ergebnislos eingestellt worden“ seien. „Für Ihren Pfarrer steht der Wiederaufnahme seines priesterlichen Dienstes nichts mehr entgegen. Damit wäre auch eine Rückkehr in die Aufgaben des Pfarrers dieser Gemeinde möglich“, heißt es in der Verlautbarung. Mit Hinweis auf seinen angegriffenen Gesundheitszustand habe der Pfarrer jedoch dem Kardinal seinen Verzicht auf die Pfarrei Herz Jesu angeboten. Kardinal Woelki habe den Verzicht angenommen.

Lüttke erscheint dies im Nachhinein als schlechter Scherz. „Für mich als Opfer war diese Vermeldung wie ein zweiter Missbrauch“, sagt er. Im vergangenen September fand er schließlich die Kraft und wandte sich ans Erzbistum. Was er dort erlebte, empfindet er als Skandal. Er sei auf einen Missbrauchsbeauftragten getroffen, der ihm im Gespräch signalisiert habe, es lohne sich doch nicht, gegen Windmühlen anzukämpfen. Außerdem wurde ihm klar, dass man im Erzbistum sehr wohl wusste, dass man keinen Unschuldigen rehabilitiert hatte.

Stefan Lüttke erfuhr davon in einem Gespräch mit dem Generalvikar Tobias Przytarski am 5. Dezember 2013. Lüttke hatte um dieses Gespräch gebeten. Anwesend waren auch ein mit Lüttke befreundeter Anwalt und der Missbrauchsbeauftragte der Kirche Pater Josef Schulte. In diesem Gespräch räumte der Generalvikar ein, dass der beschuldigte Priester im Jahr 2010 in einer Unterredung mit dem damaligen Weihbischof Matthias Heinrich und dem Dompropst Stefan Dybowski die Tat wie von Lüttke geschildert zugegeben hatte. Weil er am Ende aber ein Gesprächsprotokoll nicht unterzeichnete, hat das Erzbistum das Tateingeständnis offenbar als nicht vorhanden bewertet. „Weder der Weihbischof noch der Dompropst, die Zeugen des Tateingeständnisses wurden, übermittelten ihr Wissen an die Staatsanwaltschaft Potsdam, sondern legten den Fall zu den Akten“, sagt Lüttke. Er bezeichnet das als Behinderung der Arbeit der Staatsanwaltschaft.

Stefan Lüttke hat die Sache bei der Staatsanwaltschaft Potsdam Mitte Dezember dann selbst angezeigt. Am 8. Januar wurde er als Zeuge vernommen. Mit Datum vom 3. Februar teilt der zuständige Staatsanwalt Stefan Lüttke mit, dass er das Verfahren eingestellt habe, da die angezeigte Straftat verjährt sei.

Stefan Lüttke lässt die Sache aber keine Ruhe. Er reagiert empfindlich auf Formulierungen seitens des Erzbistums wie „minderschwerer Fall“ oder man habe ja den Täter nicht ewig beurlauben können. Er will jetzt Öffentlichkeit. „Die Situation der Opfer wird sich wenig ändern, wenn sie zurecht, aber auch tragisch – in Deckung bleiben, während die Täter offen agieren können“, sagt er. Lüttke greift Kardinal Rainer Maria Woelki an, dem er im vergangenen September in einem Brief seinen Fall schilderte. Woelki gab die Sache an den Generalvikar, der Lüttke dann zu besagtem Gespräch einlud. Lüttke sieht die Verantwortung für den zweifelhaften Umgang des Erzbistums mit dem Fall bei Woelki. Wider besseren Wissens wolle Woelki einen Sexualtäter wieder als Priester einsetzen, sagt Lüttke. So ein Erzbischof sei falsch in seinem Amt, sagt Lüttke. Lüttke erwartet von der Kirche eine Entschuldigung.

Mangelhafte Aufklärung

Eine Nachfrage beim Erzbistum bestätigt Lüttkes Sicht der Dinge in weiten Teilen. „Der Vorwurf wurde im Wesentlichen bestätigt“, sagt Erzbistums-Sprecher Stefan Förner zum Gespräch der Kirchenvertreter mit dem Pfarrer. Das Ergebnis des Gesprächs sei aber für eine juristische weitere Verfolgung der Tat untauglich gewesen. Offenbar hatten die Kirchenvertreter dem Pfarrer zuvor nicht deutlich gemacht, dass dieses Gespräch kein seelsorgerisches, sondern Teil eines Verfahrens sein würde. Erst als der Mann zum Schluss zur Unterschrift aufgefordert wurde, sei ihm das klar geworden und er weigerte sich, so die Darstellung des Bistums. Die Aufzeichnung sei mittlerweile der Staatsanwaltschaft zugeleitet worden. Förner bezeichnet die mangelhafte Aufklärung des Täters als Fehler.

Als Fehler muss man auch die vollständige Rehabilitierung des Pfarrers im vergangenen Jahr bezeichnen. Mittlerweile sieht es die Kirche selbst so. „Es ist nachvollziehbar, dass der Wortlaut des Publicandums den Beschuldigenden verärgert und verletzt hat. Insbesondere die Formulierung, die kirchliche Untersuchung sei ,ergebnislos’ eingestellt. Dies ist allenfalls in einem engen strafrechtlichen Sinn richtig. Wir nehmen die erneute Verletzung des Opfers mit Bedauern wahr und ernst“, teilte das Erzbistum am Donnerstag mit.

Wieder eingesetzt wird der Priester als Seelsorger nun offenbar nicht mehr. Zuletzt sei er in der Verwaltung tätig gewesen, sagt Sprecher Förner. Zurzeit ist er krank. Aus Rom sind im vergangenen Jahr Auflagen gemacht worden. Ein forensisches Gutachten soll erstellt werden, damit sei der Täter einverstanden. Bewegung kommt in die Sache aber erst, seit Lüttke aktiv geworden ist. „Alles hat sich grundlegend geändert durch das Melden des Opfers“, so Förner. Das Erzbistum hat noch einmal den Vatikan eingeschaltet. In Rom sei angefragt worden, wie man mit den zuletzt getroffenen Entscheidungen – gemeint ist die rehabilitierende Verlautbarung – umgehen solle. Eine Antwort steht aus.

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