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Kinderschutzambulanzen: „Blaue Flecken sind ein Indiz für Misshandlung"

Baby

Ein Baby

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Imago

Was lange währt, wird gut, sagt ein Sprichwort. In diesem konkreten Fall aber hat es eigentlich viel zu lange gedauert. Seit Jahren schon warnen Psychiater, Rechtsmediziner, Sozialarbeiter und andere Fachleute, dass im Berliner Kinderschutz eine wesentliche Einrichtung fehlt: eine Kinderschutzambulanz. Ein Ort also, an dem bei einem Verdachtsfall schnell, kompetent und unbürokratisch untersucht werden kann, ob ein Kind Opfer von Gewalt geworden ist.

Der Grund für eine solche Forderung liegt auf der Hand: Bevor Kinder von ihren Eltern krankenhausreif geprügelt werden, gibt es Anzeichen für Gewalt – doch die können oft nur Profis richtig erkennen, zudem braucht es das Zusammenspiel mehrerer. Schätzungen des Senats zufolge gab es 2014 in Berlin etwa 2 500 Verdachtsfälle, in denen erst eine Untersuchung verlässliche Angaben darüber geliefert hätte, ob einem Kind Gewalt angetan wurde.

Um diese Lücke zu schließen, entstehen derzeit über das Stadtgebiet verteilt fünf Kinderschutzambulanzen. Angesiedelt sind sie jeweils in Krankenhäusern: an der Charité im Wedding, im DRK-Klinikum Westend, im Vivantes-Klinikum Neukölln, im St. Joseph Krankenhaus in Tempelhof sowie dem Helios-Klinikum in Buch.

50 misshandelte Kinder stationär

An der Charité liegt der Aufbau der neuen Ambulanz in den Händen von Sibylle Maria Winter. Die Psychiaterin ist kommissarische Leiterin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und gehört seit 2007 zur Kinderschutzgruppe der Charité. „In der Vergangenheit hatten wir etwa 50 Fälle pro Jahr, in denen Kinder wegen elterlicher Gewalt bei uns stationär behandelt werden mussten“, sagt sie. In der neuen Kinderschutzambulanz gehe es aber gerade um Fälle, in denen bislang nur ein Verdacht existiert. Als Beispiel nennt sie blaue Flecken bei einem Baby. Diese seien grundsätzlich ein Indiz, dass der Säugling misshandelt wird, so die Psychiaterin. „Woher soll ein Baby, das nicht krabbeln kann und auf einer weichen Unterlage liegt, einen blauen Fleck haben? Bei einem blauen Fleck ist Gewebe geschädigt – der entsteht nicht einfach so.“

Die Kinderschutzambulanzen, an deren Betrieb sich der Berliner Senat mit 600 000 Euro jährlich beteiligt, wenden sich in erster Linie an Fachleute, die tagtäglich mit Kindern zu tun haben und die Auffälligkeiten beobachten – Wesensveränderungen bei Kindern, blaue Flecke, Kratzer oder Bissspuren zum Beispiel. Eben jene Kita-Erzieherinnen, Lehrer, Schulpsychologen oder Sozialarbeiter können sich dann telefonisch unter einer bestimmten Nummer an die nächstgelegene Kinderschutzambulanz wenden und ihre Beobachtungen schildern. „Es geht aber ausdrücklich nicht um Fälle, bei denen Gefahr im Verzug ist“, betont Sibylle Maria Winter.

Notfalls ein MRT oder ein CT

Geht ein Anruf ein, wird das Kind wenig später (notfalls auch gegen den Willen der Eltern) in der Ambulanz vorgestellt. Dort werden bestimmte Ärzte angefordert, die die Verletzung des Kindes untersuchen – ein geschulter Chirurg beispielsweise kann erkennen, ob der gebrochene Arm tatsächlich vom Treppensturz kommt oder doch von Schlägen. „Zu Rate gezogen werden können auch ein Kinderchirurg, Kindergynäkologen und Neurochirurgen“, sagt Winter. Um zu erkennen, ob alte Verletzungen vorliegen, könne das Kind auch mit einer Magnetresonanztomographie (MRT) oder einer Computertomographie (CT) untersucht werden. Während die Anrufe von einer geschulten Kinderkrankenschwester entgegengenommen werden, steuert eine ärztliche Kinderschutzkoordinatorin die Arbeit der Ärzte – sie entscheidet, wer das Kind untersucht. Erhärtet sich ein Verdacht, wird das zuständige Jugendamt informiert. „Ich wünsche mir“, sagt Sibylle Maria Winter, „dass die Frage, ob das Kind schon bei der Kinderschutzambulanz war, in Verdachtsfällen immer gestellt wird.“

Etwa viermal im Jahr sollen sich die Kinderschutzambulanzen über ihre Arbeit austauschen. Sie sollen zudem auch nach einheitlichen Standards arbeiten. Psychiaterin Winter wünscht sich, dass unter den Anrufern auch viele Kinderärzte sind. „Sie begegnen in ihrer Praxis vielen Kindern“, sagt sie. „Aber leider beteiligen sie sich noch recht zögerlich an Kinderschutzmeldungen.“


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