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Kino Krokodil in Berlin: Im Osten, wo die Zeit geräumig ist

Gabriel Karl Hageni und Debora Fiora sind die Seelen des Kino Krokodil.

Gabriel Karl Hageni und Debora Fiora sind die Seelen des Kino Krokodil.

Foto:

Paulus Ponizak

Ein flauschiges Fettsäckchen saß jahrelang in der Greifenhagener Straße 32, nämlich in der letzten Reihe des Kinos „Krokodil“. Die fröhliche Plüschkuh verkörperte das Lebensgefühl, das einen noch heute wohlig durchströmt, wenn man ins Kino kommt: Die Zeit ist mit einem Mal wieder geräumig; das ganze Gerümpel kommunikativer und ökonomischer Unwesentlichkeiten, all die Fußfesseln und Scheuklappen des Effizienz-drucks fallen von einem ab.

Statt Popcorn kann man Suschki knabbern, harte russische Kringel, wozu am besten schwarzer Tee schmeckt, der hier, am stählernen Foyer-Tresen, noch in Gläsern der sowjetischen Staatseisenbahn serviert wird. Gabriel Karl Hageni, Pfarrerssohn aus Freiberg in Sachsen, hat das Kino „Krokodil“ vor zehn Jahren im ehemaligen Kino „Nord“ eröffnet. Anfangs war es als Kino für den russischen Film gedacht, inzwischen prägen Filme aus ganz Osteuropa das Programm. Oder Filme von Deutschen über diese Region – wie Volker Koepps „In Sarmatien“, der hier, im „Krokodil“, bundesweit seine besucherstärkste Startwoche erlebt hat. „Wir sind eben hier im Osten oder in der Mitte Deutschlands stark vom europäischen Osten beeinflusst“, sagt Hageni, „das Rheinland ist mir einfach fremder“.

Neuen Mut geschöpft

Wenige Monate nach der Eröffnung des Kinos „Krokodil“ am 12. April 2004 fand Debora Fiora den Weg hierher. Sie kam aus Italien, studierte in Leipzig und Berlin Slawistik und hatte am Osteuropa-Institut der Freien Universität Seminare über den zeitgenössischen russischen Film besucht. Aus dem Praktikum im „Krokodil“ wurde ein neuer Beruf. Heute sind sie und Hageni die einzigen fest angestellten Mitarbeiter des Kinos, das von einem privaten Verein getragen wird.

Wirtschaftlich ist das „Krokodil“ so erfolgreich, dass es von der Filmförderungsanstalt als „Kriterienkino“ eingestuft wurde, das heißt: Es hat mindestens achttausend Besucher im Jahr und einen Umsatz zwischen vierzig- und hundertachtzigtausend Euro. Damit bekam es Fördergelder für die Umrüstung auf die digitale Projektion. Fiora und Hageni haben durch den Erfolg neuen Mut geschöpft und jetzt auch ihren eigenen Filmverleih gegründet. Denn noch immer finden – wegen der traditionellen Westbindung der Wirtschaftsstrukturen und Verteilungswege – viele Filme aus Osteuropa nicht den Weg in die deutschen Kinos.

„Panihida – Himmelreich“, eine deutsch-moldawische Koproduktion der Regisseurin Ana-Felicia Scutelnicu, ist ihr erster Film. Ein Film, der gleich für jenes Kino einsteht, dem das Interesse des neuen Verleihs gilt: „ein Kino eher der leisen Töne“, wie Hageni es formuliert, ein Kino, das zwischen Dokumentation und Fiktion balanciert, ein Kino, das Wirklichkeiten einfängt, die von der kommerziellen Weltausschlachtung gar nicht wahrgenommen werden.

„Panihida“ beschreibt ein Bestattungsritual im ländlichen Moldawien, dort, wo die sozialen Netze noch nicht virtuell sind, sondern – wie seit Jahrhunderten – auf körperlichen Naherfahrungen beruhen. Die Regisseurin hat das Begräbnis ihrer eigenen Großmutter nachgestellt, aber mit den echten Menschen vom Dorf. Und alles ist so erlesen ins Bild gesetzt wie auf den Gemälden der russischen „Wanderer“-Bewegung im neunzehnten Jahrhundert: Porträts und Landschaftspanoramen, Prozessionen und Interieurs erstehen vor uns, als wären sie von Ilja Repin oder Isaak Lewitan gemalt. Ein aktuelles Bild europäischen Lebens, von dem die digitale Bohème in den Internet-Cafés keine Ahnung mehr hat.

Ein bis zwei, vielleicht auch drei Filme pro Jahr will „Kino Krokodil Distribution“ künftig in den Verleih nehmen. Der nächste wird ein Dokumentarfilm aus Sibirien sein. Um die Filme zu finden, fahren Hageni und Fiora regelmäßig zu den Osteuropa- und Dokumentarfilm-Festivals nach Cottbus, Wiesbaden, Leipzig und Karlovy Vary. Beim Vertrieb wird ihnen das Netzwerk „Kino Climates“ hilfreich sein, das sich beim Filmfestival Rotterdam im Jahr 2010 als Plattform des unabhängigen Kinos gegründet hat:

Hier schicken schon jetzt Regisseure, die keinen Verleih gefunden haben, ihre Filme auf Tournee durch mehrere europäische Länder. Und auf diesem Wege setzen die Betreiber vom „Krokodil“ auch für „Panihida“ ihre Hoffnung auf Italien als Abspielland. Die vierhundert Titel in ihrem eigenen Filmarchiv, teilweise aus Beständen der Westgruppe der sowjetischen Armee, harren ohnehin noch der systematischen Auswertung. Gabriel Hageni ist da unerschrocken: „Ich bin ja kein bisschen frustriert nach zehn Jahren“.

Panihida – Himmelreich, Deutschland/Moldawien 2012, Dokumentarfilm, 61 Minuten, Farbe.

Kino Krokodil – Filme aus Russland und Osteuropa, Greifenhagener Straße 32, Friedrichshain. www.kino-krokodil.de