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Kinoladen b-ware!: „Dies ist kein Kino“

Paulo Goncalves Da Senhora, Alexander Lauber und der kleine Maulwurf (v. l.) freuen sich im b-ware! auf das Publikum. Der Maulwurf kann seine Vorfreude am deutlichsten zeigen.

Paulo Goncalves Da Senhora, Alexander Lauber und der kleine Maulwurf (v. l.) freuen sich im b-ware! auf das Publikum. Der Maulwurf kann seine Vorfreude am deutlichsten zeigen.

Foto:

AKUD/Lars Reimann

Die Fenster des großen Eckladens sind allesamt mit Filmplakaten beklebt. Darüber steht in großen, schwarzen Buchstaben „Dies ist kein Kino“. Betritt man das Ladenlokal in Friedrichshain unweit des Boxhagener Platzes, wird schnell klar, warum. Während der erste Raum mit kitschigen Bildern an unverputzten Wänden und Möbeln aus allen möglichen Epochen an eine Szenebar erinnert, sieht es im nächsten wie im Filmmuseum aus: Filmrollen, mehrere Projektoren – der älteste über 100 Jahre alt – und ein Spulenturm, ein schrankgroßes Gerät zum Zurückspulen der Bänder. In einem weiteren Raum, dem sogenannten Wohnzimmer, kann man in einer riesigen DVD-Sammlung stöbern, Kaffee trinken oder Filme ansehen, die mit einem Beamer an die Wand projiziert werden.

„Was wir machen, lässt sich schlecht in Kategorien pressen. Aber man kann sagen: Wir sind eine Cinethek mit Bar und zeigen jeden Tag aktuelle Filme“, erklärt Paulo Goncalves Da Senhora, den alle nur „Skalli“ nennen. Die Cinethek – anders als bei Videotheken gibt es keine Pornografie – heißt „Filmkunst“ und zählt zu den besten Adressen für Cineasten in der Stadt. Über 15 000 Filme stehen zur Auswahl, neben den obligatorischen Blockbustern und Klassikern auch viel Unbekanntes aus dem Ausland. „Wir sind immer auf der Suche nach Filmen, die man in Deutschland nicht kennt“, sagt Skalli.

Die Filmvorführungen laufen unter dem Namen „b-ware! Ladenkino“. Denn früher waren die Filmkunst und das Ladenkino an unterschiedlichen Orten. Hinter dem Namen würde zwar kein ausgefeiltes Konzept stehen, aber doch schon eine Überlegung, erklärt Skalli. So müsse B-Ware, also Ware zweiter Wahl, nicht unbedingt schlecht sein. „Wir wollen die Sachen zeigen, die nicht im Vordergrund stehen. Und das kann Arthouse, Trash, Vergessenes und Untergegangenes sein – alles was irgendwie weg vom Mainstream ist“, sagt er. Die Idee, einen Laden zu einem Kino umzufunktionieren, geht auf die Anfänge der Filmgeschichte zurück. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es einen regelrechten Kino-Boom in Berlin, und die meisten Kinos entstanden einfach in leerstehenden Ladengeschäften. Es handelte sich meist um langgestreckte, schmale Räume, wobei Leinwand und Projektor an den entgegengesetzten Enden aufgebaut waren. Dazwischen saßen die Zuschauer dicht gedrängt auf bloßen Holzstühlen oder -bänken. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, und es muss laut, stickig und eng gewesen sein. Die Filme waren meist nur wenige Minuten lang, feste Anfangszeiten existierten nicht. Und so wurden die Ladenkinos im Volksmund „Schmales Handtuch“ oder „Flohkiste“ genannt. Der Eintritt kostete ein paar Pfennig, Kinder bezahlten weniger.

„Wir haben auch so angefangen und unser ehemaliges Büro zu einem Kino gemacht“, erzählt Skalli. Mit Freunden zusammen hat er 2005 ein Ladenkino in der Nähe des S-Bahnhofs Ostkreuz eröffnet. Zur selben Zeit haben sie auch Open-Air-Kino veranstaltet, und zwar in den nun untergegangenen Perlen der Berliner Clubkultur wie der „Bar 25“ und dem „Kiki Blofeld“.

Der Maulwurf für die Kleinen

Und genau wie diese sind auch Skalli und seine Truppe von der Gentrifizierung Friedrichshains betroffen. „In einer der Hallen auf dem RAW-Gelände haben wir ein Kino gebaut. Als wir fast fertig waren, gab es Ärger mit dem Eigentümer“, sagt Skalli. Das Ergebnis seien ein jahrelanger Rechtsstreit und eine Menge Schulden gewesen. Und auch das Ladenkino am Ostkreuz mussten sie aufgeben, nachdem die Miete immer teurer geworden war.

Seit zwei Jahren ist das Ladenkino in den selben Räumen wie die Cinethek. Und noch immer wird es im Kollektiv von zehn Leuten ehrenamtlich betrieben. Was sie verbindet ist die Idee eines anderen Kinos. „Bei den meisten Kinos werden die Zuschauer wie eine Herde reingelassen, wie eine Herde rausgelassen und vorher an der Kasse geschröpft“, sagt Skalli. Sie dagegen wollen Kino zum Anfassen machen.

Daher sammeln Skalli und seine Mitstreiter Gegenstände aus der Film- und Kinogeschichte. Neben unzähligen Bildwerfern aus mehreren Jahrzehnten besitzen sie auch Wundertrommeln, Daumenkinos und alte Kinderprojektoren. Damit bringen sie kleinen Kindern im „Knirpsenkino“ bei, wie die Bilder laufen lernten. Nachdem die Kleinen das Prinzip verstanden haben, können sie dann selbst eine Filmvorführung nachspielen. Gezeigt wird jeweils der „Kleine Maulwurf“.

Neben dem „Knirpsenkino“ gibt es noch andere Veranstaltungen, wobei die bekannteste sicherlich „Die schlechtesten Filme aller Zeiten“ ist. Diese wählt Oliver Kalkofe, bekannt für seine skurrilen TV-Parodien, für den Sender Tele 5 aus, meist handelt es sich dabei um trashige Machwerke über Monsterfische, Killerfrösche oder Rasta-Aliens. Die Moderation dafür macht er im Ladenkino, in dem die Sendung dann später auch gezeigt wird.

Alle, die im Ladenkino und in der Cinethek mitmachen, sind Filmverrückte. „Eigentlich beschäftigen wir uns die ganze Zeit mit Filmen. Entweder schauen wir gerade einen oder wir schrauben an einem Projektor herum“, erzählt Skalli. Und Filme genieße man am besten in einer gemütlichen Runde und mit einem anständigen Drink. Und wer will, kann sich danach gleich noch eine DVD für Zuhause mitnehmen. So haben Skalli und seine Truppe den Eckladen zu einem Ort für Menschen wie sie selbst gemacht. Kein Kino eben.

b-ware! Ladenkino, Gärtnerstraße 19, www.ladenkino.de, Preise: 4-6 Euro