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Berliner Zeitung | Klangkünstler: Der Wind macht die Musik
03. January 2013
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Klangkünstler: Der Wind macht die Musik

Musik bei Mondschein: Windräder machen nicht nur unangenehme Geräusche. Der aufmerksame Zuhörer kann eine Vielzahl von Tönen und Klangfarben identifizieren.

Musik bei Mondschein: Windräder machen nicht nur unangenehme Geräusche. Der aufmerksame Zuhörer kann eine Vielzahl von Tönen und Klangfarben identifizieren.

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ZB

Ich sitze im Zug. Wo bist Du?“ Diese zwei Sätze hat wohl jeder schon mal von einem telefonierenden Sitznachbarn in der Bahn gehört. Auch Karl Heinz Jeron musste die, wie er sagt, „schmerzfreien Zeitgenossen, die ihr Privatleben laut am Telefon kundtun“, oft stundenlang miterleben. Bis der Klangkünstler auf die Idee kam, die Telefonate der „notorischen Vielschwätzer als eigentherapeutische Maßnahme“ mitzuschreiben und daraus ein Musikstück zu fertigen.

Entstanden ist seine 17 Minuten lange Handy-Oper Hermes. Hermes gilt auch als Gott der Redekunst. Zwei von Karl Heinz Jeron gebaute und programmierte Roboter übernehmen in der Videoprojektion den Part der Tenöre. Das Libretto beinhalte alles, was eine dramatische Inszenierung benötige, erklärt Jeron: Sex, Liebe und Verrat.


"Tegel Drone" von Karl Heinz Jeron
Flugzeug Start- und Landegeräusche vom Chor der Kulturen der Welt gesungen

Jetzt möchte der Elektronikkünstler eine ebenso skurrile Idee umsetzen. In Brandenburg will der 50-Jährige Windräder zu einem Orchester formieren. „An lauen Abenden klingen Windräder wie die beruhigende Brandung des Meeres“, sagt Jeron.

Wohlwollende Klänge

Auf die Idee eines Windradkonzertes kam der Mann, der in Berlin-Kreuzberg lebt, im Jahr 2011 während eines sechsmonatigen Stipendium-Aufenthalts im Münsterland. Damals schrieb er an seiner Handy-Oper. „Ich bin oft in einem nahe gelegenen Windpark spazieren gegangen, um zu entspannen. Anwohner haben sich über die Geräusche der rotierenden Windräder beschwert. Ich dagegen nahm die Klänge sehr wohlwollend auf“, sagt Jeron.

Anfangs lauschte er zwei Stunden lang den Tönen der Windräder von immer anderen Ecken des Parks. Daraus wurde schließlich die Idee, eine musikalische Führung durch einen solchen Windpark zu organisieren.

Im havelländischen Nauen will Jeron ab diesem Frühjahr Führungen anbieten. „Nauen ist sehr gut vom Hauptbahnhof mit der Bahn zu erreichen“, begründet er die Wahl des Ortes für sein Windrad-Premierenkonzert. Er schließt aber nicht aus, dass er mit seinem Projekt auch in die Uckermark oder andere Regionen Brandenburgs fahren wird. „Das Umland von Berlin ist ja voller Windräder“, sagt der Künstler. Dass die Betreiber der Anlagen etwas dagegen haben könnten, schließt Jeron aus. „Ich zeige ja die positiven Seiten von Windrädern.“

Im Nauener Windpark stehen nach Angaben des Künstlers zehn bis 15 Windräder. Jedes dreht sich in seinem eigenen Takt, jedes hat eine andere Klangqualität. „Freunde, die mich im Münsterland besucht haben, waren überrascht, als ich mit ihnen durch den Windpark ging. Sie haben zunächst nur ein Summen oder Brummen wahrgenommen, sich dann aber darauf eingelassen, genauer hinzuhören“, erklärt Jeron. Sie konnten dann erstaunlich viele Töne und Klangfarben ausmachen.

In Nauen will Jeron mit einer ausgeklügelten Laufroute für die aufmerksamen Zuhörer ein breites Spektrum von Klängen mischen und Töne erlebbar machen. „Wenn der Wetterbericht grünes Licht gibt, dann werde ich im Frühjahr die Führungen machen.“ Ein Risiko. Denn niemand könne sagen, welche Musik der Wind machen werde. „Hören wird man aber immer etwas“, ist der Künstler überzeugt.

Lärm gehört für Jeron zum alltäglichen Leben einer technisierten Gesellschaft. „Lärm ist ein wichtiges Thema in einer Stadt“, sagt der Künstler, der 1987 aus dem Allgäu nach Berlin kam. Natürlich gebe es auch gesundheitsschädigenden Krach. „Mir kommt es aber darauf an, sich positiv auf anfangs vielleicht störende Geräusche einzulassen“, sagt Jeron. Er wolle den Menschen die Ohren öffnen.

Karl Heinz Jeron hofft, in diesem Jahr noch ein anderes Projekt aufführen zu können: Tegel Drone – eine Art Hommage an den Flughafen Tegel. Als Drone bezeichnet man in der Musik einen gleichbleibenden Grundton. Beim Tegel Drone singt ein Chor die Start- und Landegeräusche eines Flugzeugs nach. „Wenn der Flughafen geschlossen wird, dann verschwinden auch diese Geräusche“, sagt Jeron.