Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Klaus Wowereit und der BER-Skandal: Die Woche des Jongleurs
08. September 2012
http://www.berliner-zeitung.de/10536068
©

Klaus Wowereit und der BER-Skandal: Die Woche des Jongleurs

Flughafen ist ein Thema, auf das man Klaus Wowereit in diesen Tagen lieber nicht ansprechen sollte.

Flughafen ist ein Thema, auf das man Klaus Wowereit in diesen Tagen lieber nicht ansprechen sollte.

Foto:

dpa

Berlin -

Noch bis mindestens 27. Oktober 2013 muss sich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) mit dem BER-Debakel auseinandersetzen. Dann nämlich soll der neue krisen- und skandalgebeutelte Hauptstadtflughafen endlich eröffnet werden. Bis dahin muss Wowereit bei seinem Streifzug durch Berlin Fragen und Debatten zum lästigen BER-Thema aushalten.

FREITAG. Am Tag, als der Flughafen noch mehr Ärger zu machen beginnt als ohnehin schon, steht Klaus Wowereit in einer Messehalle mit lauter Musik und blickt auf eine Stereoanlage. Zwei Männer im Anzug reden auf ihn ein, sie fuchteln mit einer Fernbedienung, „alles top quality“ hört man den einen sagen, und „natürlich easy browsing“, den anderen. Klaus Wowereit lässt ihre Begeisterung an sich abprallen wie ein Tennisschläger den Ball, er sieht auf die bauchigen, auf irritierende Weise an Espressomaschinen erinnernden Lautsprecherboxen und macht: „Mhmhm.“ Erst als die Moderatorin Sylvie van der Vaart hinter einer Badezimmerfassade hervorspringt, die Fotoapparate klicken und die beiden Manager vor Begeisterung über die gelungene Überraschung aufschreien, bekommt Klaus Wowereit den zugewandten Blick, den er an- und ausschalten kann.

Der Mensch, auf den der Blick fällt, hat dann das Gefühl, dass dieser Wowereit jetzt ganz für ihn da ist. „Geht’s gut?“, fragt er leise die kleine blonde Frau, die sich fürs Foto an seine Schulter schmiegt, und für einen Moment scheint er sich ganz wohlzufühlen. Es ist Freitag, der 31. August, Eröffnungsrundgang des Bürgermeisters auf der Berliner Elektronikmesse IFA. 22 Hallen in zweieinhalb Stunden. Ein Pflichttermin. Immerhin: Elektronikmesse ist nicht Flughafen. Das ist schon mal gut.

Flughafen ist lästig. Flughafen ist ein Thema, auf das man Klaus Wowereit in diesen Tagen lieber nicht ansprechen sollte, es sei denn, man tut es so unschuldig wie ein paar Hallen weiter die Moderatorin von n-tv bei der Liveschaltung: „Wird er zur IFA in einem Jahr denn eröffnet sein?“. Er denke schon, sagt Wowereit, „wir sind hart daran, die Schlappe auszuwetzen.“ „Danke für das Gespräch“, sagt die Moderatorin. Die Liveschaltung ist vorbei. Keine Frage nach dem Untersuchungsausschuss, der bald klären soll, ob ihn als Aufsichtsratschef Schuld trifft daran, dass der Eröffnungstermin am 3. Juni wenige Wochen vorher abgesagt wurde. Nicht nach den Millionen, die jeder Monat kostet, den der neue Großflughafen stillliegt. Wowereit wird weitergeschoben in die nächste Halle. Manchmal funktioniert es. Manchmal reicht ein Satz, um das Durcheinander um den Flughafen abzuschütteln, das seit Monaten an ihm klebt wie ein schlechter Geruch.

Dass dieser Geruch sich bald noch enger um ihn legt, wird etwa zur gleichen Zeit auf einem anderen Rundgang klar. Die Mitarbeiter der SOKO BER des Bundesverkehrsministeriums, die die Fortschritte beim Bau des Flughafens überwachen sollen, inspizieren die Baustelle in Schönefeld. Vermutlich erfahren sie auf diesem Rundgang von Horst Amann, dem neuen technischen Leiter, dass erst mal nicht richtig weitergebaut werden kann, zu viele Probleme hat er bei seiner Überprüfung festgestellt. Der Brandschutz, aber nicht nur. Zwei, drei Monate ist man schon in Verzug, an den neuen Eröffnungstermin, den 17. März 2013, glaubt ohnehin niemand mehr. Und jetzt das.

MONTAG.Ob Klaus Wowereit schon informiert ist, als er am Montagnachmittag in einem Saal im Abgeordnetenhaus Platz nimmt, wo gleich der Kulturausschuss tagt? Horst Amann erstattet an diesem Tag noch einmal Bericht, zunächst dem Flughafengeschäftsführer und Brandenburgs Wirtschaftsminister. Dann den Gesellschaftern Bund, Berlin und Brandenburg. Amann war beauftragt, den neuen Zeitplan zu prüfen, damit ist er nun fertig. Man kann die Ergebnisse kurz so zusammenfassen: Die Prüfung ist bereits beendet, weil die Mängel auf der Baustelle so eklatant sind, dass er auf weitere Untersuchungen verzichtet. Ein Datum wird genannt: Oktober 2013.

An dem langen Sitzungstisch im Kulturausschuss sitzt Klaus Wowereit neben André Schmitz, seinem Staatssekretär für Kultur, der mal gesagt hat, es sei geradezu unheimlich, wie der fleißige Aktenleser Wowereit sofort auf Schwachstellen stoße. Wie es passieren konnte, dass die erschreckenden Schwachstellen in der Flughafenplanung Wowereit entgehen konnten, ist eine der Fragen, die immer wieder mal gestellt werden, seit bekanntwurde, dass es mit der Eröffnung Anfang Juni nichts wird. Und die nun immer näher kommen.

Klaus Wowereit hängt ein bisschen schief am Tisch, er macht keinen unentspannten Eindruck, aber das muss nicht heißen, dass er sich auch so fühlt. Frisch sieht er nicht aus, sein weiches Gesicht wie zu fest geknetet, zerknautscht irgendwie. Sein einziger Redebeitrag in den ersten zwei Stunden besteht aus einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen, die der Meinung sind, dass am Tempelhofer Feld nicht eine neue teure Landesbibliothek gebaut werden muss, wo doch der Flughafen so viel mehr kostet. Wowereit redet lange, im Prinzip sagt er: Die Bibliothek wird gebaut.

Danach lässt er sich rüberfahren zum Potsdamer Platz, wo ein paar neue Sterne mit Schauspieler- und Entertainer-Namen in den Boden eingelassen wurden, der Berliner Versuch eines Walk of Fame wie in Hollywood. Vor den meisten Sternen steht der dazugehörige Schauspieler oder Entertainer. Thomas Gottschalk ist da, Bully Herbig, Hannelore Hoger, Katharina Thalbach. Klaus Wowereit nimmt sich Zeit, er geht von Stern zu Stern. Es sind 20.

Er mag sowas. Klaus Wowereit, der mit dem Showbusiness so gut kann, das ist Teil des Klischees, zu dem er geworden ist in den letzten zwölf Jahren. Lässiger schwuler Bürgermeister, lässiges Berlin. Sie sind irgendwann verschwommen, die Stadt und er. Man konnte manchmal vergessen, dass er auch Politiker war und nicht Türsteher dieses riesigen, lauten, etwas runtergerockten Clubs, der Berlin hieß und von dem jeder sagte, da müsse man hin.

Es wirkt ein bisschen wie Ironie, dass diese erste Septemberwoche zu anderen Zeiten genau so eine lässige Bürgermeister-Woche gewesen wäre. Aus Wowereits Terminplan: Richtfest des Bikini-Hauses am Bahnhof Zoo, Präsentation des neuen VW-Golf in der Nationalgalerie, Geburtstagsfeier der Musikfirma Universal, Vogue Fashion Night im Kaufhaus des Westens. Da ist er Stammkunde.

Aber irgendwann im Laufe des Tages wird sie die Woche, an deren Ende die Aufsichtsratssitzung ist. Die wird vorgezogen, entscheiden Wowereit und Platzeck. Vom 14. auf den 7. September. Das neue, späte Datum und wer das alles bezahlen soll: Am Freitag soll es verkündet werden.

DIENSTAG.Es braucht ein altes Karussellpferd, um einen Einblick zu bekommen in die Gefühlslage von Klaus Wowereit. Der Schaustellerverband bringt ihm an diesem Dienstag eines vorbei. Ein Pressetermin im Amtszimmer, eigentlich. Aber dann wühlt die nette Dame am Eingang vom Rathaus ratlos in ihren Papieren und sagt, hier stehe es: keine Journalisten und Fotografen nach oben lassen. Und der Termin? „Ich kann ja mal raufbimmeln“, sagt die Pförtnerin und bimmelt rauf, ins Sekretariat des Bürgermeisters. „Keine Presse“, berichtet sie dann.

Später am Tag wird Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck bestätigen, dass die Flughafeneröffnung verschoben ist. Zum vierten Mal. Vielleicht hat Klaus Wowereit einfach keine Lust, diese Nachricht zusammen mit einem Foto von sich und einer Karussellfigur veröffentlicht zu sehen. Womöglich mit dem Vorschlag, in Zukunft mit dem Pferd nach Berlin zu reisen, wenn es durch die Luft halt nichts wird. Vielleicht beginnt er auch gerade, sich Sorgen zu machen. Ausgerechnet das Projekt, das er zu seiner Sache gemacht hat, das für ihn stehen könnte und dabei ernstzunehmender wäre als der Türsteher der Hauptstadt – ausgerechnet das ist zu seinem ersten echten Problem geworden. Seit drei Monaten heißt es, dass mehr als sein Ruf in Gefahr sei, wenn es noch später wird mit dem Flughafen. Die Sympathiewerte bei den Berlinern sind schon nach unten gesaust. Platz 1, das war mal seiner. Auf dem sitzt jetzt Frank Henkel von der CDU. Wowereit ist auf Platz 10.

MITTWOCH. Um neun Uhr morgens sitzt Klaus Wowereit in einem Saal des Hotels Schweizerhof in Tiergarten und sagt, wie positiv Berlin sich entwickelt, wirtschaftlich gesehen. Eine Betriebsrätetagung der IG Metall, er spricht das Grußwort. Vielleicht fällt ihm beim Reden auf, dass es gewagt ist, vor einem Saal voller Betriebsräte den Wirtschaftsstandort Berlin zu loben, wenn ausgerechnet an dem Projekt, das 40 000 Arbeitsplätze bringen soll, so herumgemurkst wird. Wenn Hunderte Menschen, die einen dieser Arbeitsplätze bekommen und mit dem Geld gerechnet haben, nun nichts verdienen. Und andere, die Schulden gemacht haben, um auf dem Flughafen ein Geschäft zu eröffnen, jetzt auf diesen Schulden sitzen.

Jedenfalls sagt Klaus Wowereit auf einmal, dass es ihm unendlich leidtue, „dass wir den Flughafen am 3. Juni nicht zum Fliegen bekommen haben.“ Aber es könne doch nicht sein, dass Leute eine tierische Freude daran haben, dass da was schief läuft und die Schuldigen schon gefunden zu haben glauben. Das ist jetzt der andere Wowereit. Nicht der vorsichtige, misstrauische. Sondern der, von dem es heißt, er komme unter Druck in Fahrt. Und entscheide dann mit dem Bauch. Ansprechen, scheint der Bauch jetzt zu sagen. Nicht wegducken. Im Laufe des Tages bekommt man den Eindruck, er jongliert mit diesem Bauchgefühl. Prüft, was geht.

Mittags werden im Rathaus 21 neue Botschafter begrüßt, Klaus Wowereit spricht von der wechselvollen Geschichte der Stadt und plötzlich sagt er, dass Berlin auch seine aktuellen Themen habe. Die Verzögerungen beim Flughafen – das sei nicht erfreulich. Man arbeite aber hart daran, dass es bald viele neue internationale Verbindungen gibt.

Die neuen Botschafter sehen nicht so aus, als ob sie es Wowereit übelnehmen, dass sie bei ihrer Ankunft in Tegel gelandet sind und nicht in Schönefeld. Sie nippen am Sekt. Stimmt, sagt die Assistentin des Botschafters von Sambia, als sie vor zwei Wochen ankam, fand sie auch, dass die deutsche Hauptstadt einen ganz schön kleinen Flughafen hat. Dass auf der anderen Seite der Stadt ein viel größerer Flughafen quasi fertig herumsteht, wusste sie bis eben nicht.

Am Nachmittag rüber nach Charlottenburg: Richtfest beim Umbau des Bikinihauses am Zoo, das jahrelang vor sich hinschmuddelte. Die bayerischen Eigentümer haben was Schickes vor und haben schon aus dem Richtfest ein gesellschaftliches Ereignis gemacht. Klaus Wowereit steht zwischen Verbraucherministerin Ilse Aigner und Friede Springer, als der Bauherr in seiner Rede sagt, er könne jetzt nicht anders, als ein Thema anzuschneiden. Wegen dem, was da am Flughafen passiert sei, seien sie auf dieser Baustelle ja sensibilisiert. Ilse Aigner kichert laut und stößt Wowereit in die Seite. Er schaut nach unten.

Als er mit Reden dran ist, sagt er, Eröffnungen seien ja das Schönste für einen Bürgermeister. Alle lachen. Das Bauchgefühl hat funktioniert. Wowereit hat nichts gesagt, was man ihm vorwerfen könnte und die Flughafenpannen doch zu einer Pointe werden lassen. Hier, zwischen Champagnergläsern und Fingerfood, funktioniert das.

DONNERSTAG.Auf einer der neuen Landebahnen des Flughafen Berlin Brandenburg landet ein Flugzeug. Eine Sondergenehmigung, ein Ausstellungsstück für die Luftfahrtausstellung.

Er kommt, hatte die Dame vom KaDeWe gesagt. „Herr Wowereit kommt jedes Jahr!“

Dieses Jahr kommt er nicht. Die Vogue Fashion Night des KaDeWe, eine etwas eigenartige Veranstaltung, bei der sich viele Menschen schick machen, um an den Kosmetikständen im Erdgeschoss einzukaufen und dabei Sekt zu trinken, findet ohne Klaus Wowereit statt. Es ist der Abend vor der Aufsichtsratssitzung.

FREITAG. Ein Mann und ein kleines Kind laufen über den weiten Vorplatz des neuen Flughafens. Vielleicht wollte der Vater sein Kind mal rennen lassen, irgendwo, wo keine Autos sind und keine Menschen. Das geht hier gut. Es ist 17.30 Uhr, seit sechseinhalb Stunden tagt der Aufsichtsrat in einer Feuerwache auf dem Gelände. Plötzlich ist ein Flugzeug zu hören, das Geräusch wird schnell lauter. Ein Flugzeug über dem neuen Flughafen? Aber es ist nur ein Düsenjäger der Bundeswehr. Ein Übungsflug für die Luftfahrtausstellung nächste Woche.