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Kleingärten in Berlin-Schmargendorf: Ein Teil der Kolonie Oeynhausen darf bleiben

Im Winter sieht selbst die grünste Lunge grau aus. An der Forckenbeckstraße in Schmargendorf, mitten in der Stadt, werden 150 Schreberhütten abgerissen.

Im Winter sieht selbst die grünste Lunge grau aus. An der Forckenbeckstraße in Schmargendorf, mitten in der Stadt, werden 150 Schreberhütten abgerissen.

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Andreas Klug

Der Kompromiss ist gefunden, die Vernunft hat gesiegt. Doch was helfen Kompromiss und Vernunft, wenn doch die Wehmut nicht aufhört. Die Wehmut über das Ende von 125 Jahren Laubenpieperei in der Kleingartenkolonie „Oeynhausen“ in Schmargendorf – oder vielmehr der Hälfte davon. Bis Ende des Monats müssen mehr als hundert Parzellen an der Forckenbeckstraße geräumt werden.

„Das bedeutet für einige von uns, dass sich ihr ganzes Leben ändert“, sagt Alban Becker, Vorsitzender des Kleingärtnervereins. Er selbst sei ja erst sechs Jahre da, doch ein Nachbar sei der Enkel eines der Gründer der Kolonie Ende des 19. Jahrhunderts. Dieser Enkel, ein Mann von mehr als 70 Jahren, habe einen Teil seiner Kindheit im Garten verbracht. „Dem tut die Räumung schon weh“, sagt Becker. Er berichtet von Tränen und Wut. „Einige haben gesagt, sie würden sich anketten“, sagt Becker. Am Ende habe man beschwichtigend auch auf diese Gartenfreunde eingewirkt, sodass einem Abzug Ende des Monats wohl nichts entgegenstehe.

„Fauler Kompromiss“

Tatsächlich nämlich sind offenbar die meisten Gärtner des Streitens müde. Auf einer Mitgliederversammlung im Dezember hatte sich eine große Mehrheit dafür ausgesprochen, auf das Kompromissangebot des Investors einzugehen. „Auch wenn das ein fauler Kompromiss ist“, wie Becker sagt.

Dieser Kompromiss sieht den Abzug der Pächter von 152 Parzellen in „Oeynhausen“ vor, damit dort Wohnhäuser gebaut werden können. Die andere Hälfte kann als Kolonie weiter bestehen. Damit geht ein Streit zu Ende, der vor acht Jahren begonnen hatte und zwischenzeitlich mit einer Strafanzeige Beckers gegen Bezirksbaustadtrat Marc Schulte (SPD) eskalierte, weil dieser in Verhandlungen mit dem Investor Unterlagen unterdrückt habe. Aber das ist auch ein Beispiel dafür, wie es sich für ein Thema mobilisieren lässt und es zu einem Bürgerbegehren kommt, dessen Maximalziel am Ende doch scheitert.

Als am 25. Mai 2014 mehr als 80.000 Wahlberechtigte aus Charlottenburg-Wilmersdorf – das waren 77 Prozent aller Teilnehmer an der Abstimmung – für den Erhalt der kompletten Kolonie stimmten, wähnten sich die Kleingärtner am Ziel. Niemand, so ihr Kalkül, würde sich über so ein eindeutiges Votum hinwegsetzen.

Streit um Schadenersatz

Dabei lag damals längst der Kompromissvorschlag auf dem Tisch. Um eine komplette Bebauung des 92.000 Quadratmeter großen Grüngeländes mit dreigeschossigen Wohnhäusern durch die Groth-Gruppe zu verhindern, hatte sich die rot-grüne Mehrheit im Bezirk Anfang 2013 für eine Bebauung der halben Fläche mit Sechsgeschossern ausgesprochen. Doch das Trommeln der Kleingärtner wurde erhört. Mit der CDU an der Spitze, die die SPD nach Herzenslust vorführte, kippte das Bezirksparlament den Beschluss.

Jetzt hieß es: Wir wollen alles! Das Bürgerbegehren schien diese Position zu stärken. Die SPD um Stadtrat Schulte und Bürgermeister Reinhard Naumann, die argumentiert hatte, ein möglicher Schadenersatz im zweistelligen Millionenbereich für eine versagte Baugenehmigung würde den Bezirk ruinieren, standen enorm unter Druck.

Doch am Ende siegte die normative Kraft des Faktischen. Nach dem zwischen Groth-Gruppe, Bezirksamt und Kleingärtnern ausgehandelten Kompromiss bleiben 150 Parzellen erhalten. Auf dem zu räumenden Areal sollen 900 Wohnungen entstehen, von denen 65 preisgebunden sein sollen. Darüber hinaus sind 28 Grundschulplätze und eine neue Kita mit 80 Plätzen geplant. Die Laubenpieper erhalten ein neues Vereinsheim.


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