03.02.2012

Kohlehandlung: Am besten geht das Öko-Zeugs

Von Karin Schmidl
Zwei Generationen Kohle: Manfred Nitsche und Sohn Christian sorgen in Kreuzberg für warme Wohnungen.
Zwei Generationen Kohle: Manfred Nitsche und Sohn Christian sorgen in Kreuzberg für warme Wohnungen.
Foto: Markus Wächter
Berlin –  

Bei Machule, einer der letzten Kohlehandlungen in Berlin, gibt es viel mehr als nur Briketts. Das geschäft freut sich über die Minusgrade. Bei eisigen Temperaturen brummt das Geschäft.

Endlich ist es kalt. „Ich dachte schon, der Winter bleibt so grauenvoll warm“, sagt Manfred Nitsche. Er freut sich über die Minusgrade, weil dann sein Geschäft brummt. Nitsche ist Kohlehändler, einer der letzten in Berlin. Fünf oder sechs gibt es außer ihm noch, so genau weiß das niemand. Dass wieder einer aufgegeben hat, erfährt er immer nur von Kunden, die neu zu ihm kommen, aus Prenzlauer Berg oder Schöneberg.

Machule steht über dem Laden an der Reichenberger/Ecke Mariannenstraße in Kreuzberg. Machule klingt nach Maloche, nach schwerer Arbeit. Das ist es auch. Seit 40 Jahren ist Manfred Nitsche im Kohlehandel. Vor ihm waren das sein Großvater, sein Vater und sein Stiefvater, der Machule hieß – und dem Ganzen den Namen gab. Jetzt ist sein Sohn der Chef. Machule ist sozusagen Kohlehandel in vierter Generation.

Licht und Schatten: Die gefährliche Schönheit der Kälte

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„Das Unternehmertum steckt uns in den Knochen, wir können nicht katzbuckeln vor Chefs“, sagt Manfred Nitsche. Der 73-Jährige ist zwar längst Rentner und fährt gern mit dem Motorrad durch die Welt, zuletzt war er in Norwegen. Aber noch immer ist er fast jeden Sonnabend auf dem Hof.

Stammkunden sind rar

Im Büro hängt ein vergilbtes Foto, das Nitsches Vater als kleinen Jungen neben einem Pferdefuhrwerk zeigt. Das war gleich um die Ecke, an der Reichenberger 147. Dort hatten Nitsches Großeltern ein Fuhrgeschäft mit Gemüseladen und Kohleschuppen. Später zog man an die Lausitzer Straße, dann zum Paul-Lincke-Ufer, seit 1978 ist das Geschäft an seinem heutigen Ort. Die Kriegsbrache konnte Nitsche kostengünstig kaufen, weil die West-Berliner Politik in der Gegend großflächig Häuser abreißen und Straßen bauen wollte. Die Kreuzberger Hausbesetzer zählten zu Nitsches ersten Stammkunden.

Inzwischen sind Stammkunden rar geworden. Hausbesetzer gibt es kaum noch, und wenn, kaufen sie lieber im Baumarkt oder bei Lidl, wo das Zehn-Kilo-Paket Brikett für 2,99 Euro zu haben ist. Bei Nitsche kostet es 3,20 Euro. „Die sind gegen das Kapital und kaufen doch bei Kapitalisten“, schimpft er. Auch Künstler, die mit Bildern bezahlen, weil das Geld für Briketts nicht reicht, waren lange nicht da. Überhaupt werden immer weniger Wohnungen mit Kohle beheizt. Ihre Zahl in Berlin wird aktuell auf weniger als 39.000 geschätzt; 1990 waren es noch 400.000.

„Die Leute kommen erst, wenn es kalt wird“

Das Kohlegeschäft ist heute nur noch ein Beibrot, eine Nische. Das eigentliche Geschäft wird mit Heizöl gemacht. Und mit dem Spezialgebiet von Nitsches Sohn Christian, der Diplomingenieur für Heiztechnik ist: „Wir bieten Energieberatung für Hauseigentümer und Kontrollen von Hauswassersystemen auf Legionellen an“, sagt der.

Schön sortiert. Auch auf der Tastatur der Kasse ist das Angebot erkennbar.
Schön sortiert. Auch auf der Tastatur der Kasse ist das Angebot erkennbar.
Foto: Markus Wächter

Der 44-Jährige erinnert sich noch gut daran, wie er dem Vater früher beim Kohleaustragen geholfen hat. Versteckt habe er sich dabei vor Bekannten und Mitschülern. „Ich habe mich geschämt, weil wir so dreckig waren.“ Und weil der Beruf des Kohlehändlers einen schlechten Ruf hatte. Schummelei beim Abwiegen habe man dem Gewerbe häufig unterstellt. Auch deshalb führte der alte Nitsche als erster Kohlehändler in Berlin Bündelbriketts ein. Die praktischen 25-Kilo-Stapel lösten die staubigen Kohlehaufen auf dem Hof ab. „Und keiner konnte mehr sagen, er sei betrogen worden.“

Doch die Arbeit blieb Plackerei. Bis zu fünf Tonnen schleppten Nitsche und seine Saisonarbeiter in die Keller. Mit einer Tonne für 270 Euro kommt eine Zwei-Zimmer-Wohnung gut über den Winter, größere Wohnungen brauchen entsprechend mehr. Heute wird kaum noch eingelagert, sagt Nitsche. „Die Leute kommen erst, wenn es kalt wird.“ Dann stehen sie sonnabends bei ihm Schlange und laden den Kofferraum ihrer Autos voll.

Kaminöfen sind in

Nitsche ist 1986 aus Kreuzberg weggezogen. Die soziale Mischung sei immer schlechter geworden, sagt er. Zu viele billige Wohnungen, zu viele Chaoten. Sogar im Jugoslawien-Urlaub mit dem Boot sei er darauf angesprochen worden: „Als Kreuzberger warst du der Assi.“ Inzwischen stellt er einen Imagewandel fest. „Heute heißt es, whow, Kreuzberg!“ Es sei inzwischen cool, dort zu wohnen, auch mit Kohleofen.

Viele junge Leute zögen in die Nachbarschaft, darunter Holländer, Franzosen, Spanier und Italiener. Er merkt das bei Bestellungen, die zunehmend auf Englisch erfolgen. Verlangt werde auch immer mehr „Öko-Zeugs“, wie Nitsche die gepressten Holzbriketts nennt, die bei ihm in sauberen Plastiksäcken auf dem Hof gestapelt sind. Sie sind ein Verkaufsschlager, so wie das Kaminholz in der Remise. „Kaminöfen sind in“, sagt Nitsche.

Er hat selber einen in seinem Haus in Lichtenrade. Wegen der Gemütlichkeit und der guten Raumluft würden auch wieder mehr Kachelöfen eingebaut, zusätzlich zur modernen Heizung. Was für die Mieter nicht gerade billig ist, aber auch in Kreuzberg in Mode kommt. Wird Kreuzberg vielleicht bald so etabliert wie Lichtenrade? „Nee“, sagt er und lacht, „Hier gibt es noch genügend Chaoten.“

Es sieht also nicht so aus, als würde bei Machule bald das Licht ausgehen. Jedenfalls nicht in den nächsten 20 Jahren. Eine fünfte Generation Kohlehändler wird es allerdings kaum geben. Christian Nitsches Tochter Helene ist jetzt 20 und studiert Business Administration of Industries . Sie will mal im Ausland arbeiten. Im Geschäft der Familie in Kreuzberg war sie noch nie.

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