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Berliner Zeitung | Kollektionen der Designer: Bill Kaulitz und Granatäpfel im Regen bei der Fashion Week
20. January 2016
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Kollektionen der Designer: Bill Kaulitz und Granatäpfel im Regen bei der Fashion Week

Lala Berlin: Bill Kaulitz kam in Gedenken an Prince in einer durchsichtigen Schluppenbluse.

Lala Berlin: Bill Kaulitz kam in Gedenken an Prince in einer durchsichtigen Schluppenbluse.

Foto:

dpa

Persian Queen Goes Berlin“, das sei das Motto ihrer neuen Kollektion, verriet die Designerin Leyla Piedayesh vorab. Sie habe sich vom antiken Persepolis inspirieren lassen, indem etwa Statuen den Ausgangspunkt für Printmotive bildeten, diese wurden bröckchenweise verwendet, als Spolien gewissermaßen. Die Schnitte sind weit und schlicht, an Streetwear orientiert, die Farben winterlich unauffällig, schwarz, grau, khaki.

Nur sah man das alles eher nur fragmentarisch im me Collectors Room, denn die Chefin des Labels Lala Berlin hatte auf eine Präsentation am Model verzichtet und stattdessen einen Film in Musikclip-Länge produzieren lassen, mit drei Frauen zwischen sehr jung, jung und 60-plus, letztere verkörpert von dem Best-Ager-Model Anna von Rüden.

"Esst und trinkt noch"

Mit diesen Dreien geht es in Augenblicken durch einen Tag in Berlin, vom Aufwachen mit ein bisschen Yoga über das Spazierengehen im Tiergarten bis zum Ausgehen am Abend, recht realistisch sind bei dieser Tour auch immer wieder rote Ampeln eingebaut. Live spielte dann noch der Lieferant des Soundtracks, Jesper Lund, und Gäste wie Heike Makatsch, Bibiana Beglau und Dominic Raacke hatten vor dem späten Einlass genug Shoulder Rubbing im Foyer betreiben können, wobei, niemand posierte freudiger für Fotos als Bill Kaulitz.

„Esst und trinkt noch“, rief die Designerin hinterher ihren Gästen nach, als sich die Menge hurtig wieder zerstreute. Man nahm sich also noch einen Granatapfel vom abgegrasten Büffet und fragte sich, ob das, was getragen werden soll, nicht auch besser so vorgeführt werden sollte. Damit die Bilder bleiben.

Treibende Beats, unterbrochen von Streichern: Der Sound während der Show von Marc Cain im weißen Zelt am Brandenburger Tor war gut abgestimmt mit den klassischen Schnitten der weiblichen Models. Anfangs dominierten schwarz und weiß, strenge, klassische Schnitte, Hosen weit über der Hüfte, am ausgefallensten waren da noch die Hornbrillen und die Ansteckblumen. Nach einigen Minuten rückten Pastellfarben in den Mittelpunkt, ein dunkles Grün war ein wiederkehrendes Element, ob nun am Revers oder als breite Krawatte. Trotz stilistischer Ausreißer zeigt Marc Cain klassische, schlichte Frauenmode mit herben, männlichen Einschlag, Weiblichkeit wird nicht überbetont, sondern schwingt selbstverständlich mit.

Marcel Ostertag hat seine Kollektion dem Regen gewidmet und präsentierte dementsprechend Strickpullover mit Wassertropfenzählmuster, Regenmäntel, Prints von neblig-spätherbstlichen Blätterlandschaften und allerlei mehr oder weniger Wind-und-Wetter-Taugliches, Kontrastreiches, aber auch Seltsames: lange Militarymäntel aus Kunstpelz über Spitzenkleidern, Jogginganzüge aus cremefarbenem Fransenstoff, ultrakurze Hotpants zur Bomberjacke oder Bleistiftröcke mit transparenten Plastikeinsätzen.

Die Farben: Lichtblau, Altrosé, Bordeaux, Schwarz und Creme. Beglückt wurden die Fans des Paradiesvogels zudem mit einem Imagefilm für die werten Sponsoren als Einstieg und der für den Designer typischen Conférencier-Einlage samt Dank an Mama Ostertag als Abschluss der Show.

Waren es im Sommer noch die 00er Jahre, an die sich Malaika Raiss modisch zurück besann, ging sie nun noch ein Jahrzehnt weiter rückwärts und ließ den Minimalismus der 1990er in ihre Kollektion einfließen. Das allein ist derzeit zwar nichts spektakulär Neues, aber es passt nur zu gut zur Design-Handschrift von Malaika Raiss. Das Tolle an dieser ist ja, dass sie sich nicht wirklich entscheiden kann. Die Mode der Berliner Designerin ist stets lässig, trotzdem feminin, puristisch, aber mit verspielten Details, zart und hart zugleich.

Oversizemäntel und Lingeriekleider

Eben diese Widersprüchlichkeit macht ihre Entwürfe so bezaubernd und gleichzeitig tragbar. Inspiriert habe sie in diesem Jahr der finnische Architekt Alvar Aalto, so Raiss. Und nicht nur die Silhouetten der Entwürfe, sondern vor allem die Installation in der Stage aus milchig-halbtransparenten und verspiegelten Raumteilern, an der die Designerin ihre Models entlanglaufen ließ, erinnerten an dessen klaren Baustil.

Eine hübsche Kulisse für ihre Kombinationen aus Oversizemänteln mit breitem Revers und seidigen Lingeriekleidern und -Tops, wie sie einst Kate Moss so gerne trug. Außerdem zu sehen: Glänzende schwarze Stoffe mit runden Nieteneinsätzen – als Spaghettiträgertop oder Midirock, raue, feine Rundhalspullover mit floralem Lochmuster, flatternde Rocksäume, seitlich gerüschte Ärmel und ein wenig Rosé, die die mädchenhafte Seite der Malaika-Frau hervortreten lassen.

Bei Dorothee Schumacher ging es indes zu wie auf dem Biba-Gedenktag. Die Boutiquenkette, die der europäischen Frau der 70er Jahre den Hippielook als Mainstream verkaufte, scheint die große Inspiration für Schumacher gewesen zu sein. In Abwandlungen davon liefen dann Models in Blümchenkleidern und Blockabsatzboots mit Reptilienprints, wie sie in den 90ern schon mal große Mode waren. Das Gesamtbild blieb blass, was nicht zuletzt an der sehr gedeckten Farbpalette liegen muss, die Schumacher für ihre Entwürfe ausgewählt hat.

Bei Anja Gockel hingegen kam wieder alles zum Einsatz, was der Stoffmarkt hergibt, Hauptsache es fällt irgendwie fließend und hat einen Stretchanteil, das ist pflegeleicht und spannt nicht. Gockels Hang zu günstigem Gewebe ruiniert ihre mitunter ordentlichen Ideen in jeder Saison treffsicher. Hinzu kommt das Geklingel, das jede Schau der Mainzerin umgibt, da wird getanzt, gewedelt und irgendwelche asiatischen Einflüsse werden verarbeitet. Und wenn irgendwo noch ein Meterchen Stoff übrigbleibt, dann wird der einfach an ein anderes Teil drangeheftet. So sieht’s jedenfalls aus.


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