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Kommentar: Berlin – Ditt heißt Schrippen und nich Brötchen, du Kackbratze!

Schrippen

Dit is ne Schrippe.

Foto:

imago/Müller-Stauffenberg

Den Slogan „Be Berlin“ habe ich nie verstanden. Kann man Berlin „sein“? Kann man nicht allerhöchstens Berliner sein? Zudem hat mich der auffordernde Tonfall und die verkrampfte anglophile Weltläufigkeit immer missmutig gestimmt. Be Berlin! Da wollte ich viel lieber Königs Wusterhausen sein, ein bezauberndes Örtchen, das auf niedersorbisch Parsk heißt. Ich habe gelesen, dass es jetzt einen neuen offiziellen Berlin-Slogan gibt. Er heißt: „365/24“. Warum, weiß ich nicht.

Berlin 365/24 – das erinnert mich an „Beverly Hills, 90210“, eine Fernsehserie, die ich in den Neunzigerjahren gerne schaute. 365/24 könnte aber auch eine Postfach-Nummer sein (in Königs Wusterhausen?), ein geheimer Code der Illuminaten oder ein Gericht in einem China-Restaurant.
Die Slogan-Erfinder sagen, dass 365/24 „three-sixtyfive-twentyfour“ ausgesprochen werden soll und darauf hinweist, dass Berlin 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag eine aufregende Metropole ist, die niemals schläft. Berlin hat immer geöffnet.

Wer jemals nachts in Rudow, Schöneweide oder am Potsdamer Platz war oder nachmittags vor dem Einwohnermeldeamt, der weiß, dass Berlin oft nicht geöffnet hat. Berlin schläft sehr gerne. Berlin ist the City that often sleeps. Warum auch nicht? Schlaf ist gesund. Berlin ist für viele, gerade jüngere Touristen, ja auch The City of Hangover and Vomit. And the City of total Filmriss.   

Michael Müller, der Bürgermeister von 365/24, sagt, dass das neue Motto hervorragend „den Charme der Stadt“ ausdrücke.
Ich glaube, der Charme der Stadt erschließt sich sicherlich nicht sofort. Aber hat Berlin das verdient? Dass man es bewirbt wie eine billige Baller-Baller-Bude, die immer offen hat? Wie eine Tankstelle mit Nachtschalter?   
Ich habe natürlich auch keine Idee für einen guten Slogan. „Berlin – So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben!“ Zu moralisch, ja. „Berlin – Ditt heißt Schrippen und nich Brötchen, du Kackbratze!“ Klingt ein wenig schroff.

Ich habe deshalb andernorts nach Inspiration gesucht. Städte-Slogans sind in Deutschland sehr beliebt. Die Stadt Koblenz wirbt mit: „Magnet am Deutschen Eck. Die Stadt zum Bleiben.“ Das macht mir, ehrlich gesagt, ein bisschen Angst. Das magnetische Koblenz, vielleicht kommt man da nie mehr weg? Andere Städte versuchen, aus einer Schwäche eine Stärke zu machen. „Chemnitz – Stadt der Moderne“. Heißt: Wir haben hier sehr viele DDR-Neubauviertel. Oldenburg wirbt mit dem geheimnisvollen futuristischen Slogan: „Übermorgenstadt“. Was bedeutet: Heute ist Oldenburg noch öde und fad wie ein Töpfchen zerkochter Strümpfe. Und morgen auch. Aber übermorgen und mit viel Alkohol ist Oldenburg der Knaller. Man muss als Tourist immer bis übermorgen bleiben in Oldenburg!

Hübsch ist auch: „Dortmund überrascht. Dich.“ Ob gut oder schlecht, das weiß man nicht. Die Stadt Mannheim wirbt mit „Leben im Quadrat“. Völlig zu Recht, denn jeder weiß, dass das Leben im Quadrat schöner und gesünder ist als das Leben im Pentagon oder Hexagon. Erstaunlich selbstbewusst tritt der Ort Bruchköbel auf. Slogan: „Da will ich leben.“ In Bruchköbel? Auch andere Städte lügen, ohne rot zu werden: „Paderborn überzeugt.“ „Bielefeld bewegt.“

Bringen diese Slogans irgendwas? Fährt jemand nach Bielefeld, weil „Bielefeld bewegt“? Könnte man sie  nicht abschaffen? Wäre es nicht unglaublich lässig von Berlin, einfach keinen Slogan zu haben? The City of no slogan! Würde man dadurch nicht sogar eine Botschaft auf der Meta-Ebene transportieren? Im Sinne von: Berlin – Wir sind geil, but we don’t talk about it, bitch!

Noch besser als kein Slogan wäre nur  Folgendes: Berlin wirbt mit: „Berlin – das grüne Herz Afrikas“. Das verwirrt natürlich erstmal. Afrika? Im Tschad gibt es einen kleinen Ort, der Berlin heißt. Wenn nun einige Zehntausend Berlin-Touristen, vornehmlich jene, die auf einem Bier-Bike sitzen oder bei der „Trabi-Safari“ mitmachen, fälschlicherweise in den Tschad reisten …
Das würde den Tschad sicher freuen. Und die Berliner auch.


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