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Kommentar zu Obamas Rede: Barack Obama wollte nicht

Obama am Brandenburger Tor (19.06.2013).

Obama am Brandenburger Tor (19.06.2013).

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dpa

Myanmar kam vor und Afghanistan. Und die Berliner Mauer und die Mauer in unseren Herzen. Es kamen die arbeitslosen Jugendlichen vor und die Atomwaffen, die strategischen und die taktischen. Guantanamo kam vor und die tapferen Berliner, die Überwachung der Bürger, der Klimawandel, die Flüchtlingswellen, die Einwanderer und die Schwulen und Lesben. Man könnte die Liste fortsetzen. Obama, wahrscheinlich einer der besten Redner der Welt, hat Berlin, hat das Brandenburger Tor genutzt, um eine schlechte Rede zu halten.

Er hat über vieles geredet, um nichts sagen zu müssen. Er hat sich hinter der Floskel von „Frieden mit Gerechtigkeit“ versteckt, um nicht Stellung zu beziehen. Er bekam großen Applaus, als er sagte, er werde sich noch stärker einsetzen dafür, dass Guantanamo geschlossen werde. Dieser Applaus sollte ihn daran erinnern, dass seine Anhänger von ihm verlangen, genau das zu tun. Es gab nichts, über das er mehr als vier, fünf kurze Sätze verlor. Er sprach, wie ein Politiker spricht, dem man gesagt hat, welche Punkte er berühren muss, und wie er es hier machen muss.

Es gab keine Stelle, an der man hätte sagen können: Darum geht es ihm. Einfach deshalb, weil er schon im nächsten Augenblick an einer anderen Stelle war. Die arbeitslosen Jugendlichen, hingestellt als eine der großen Herausforderungen der Zeit, mussten einen Atemzug später dem nächsten Tagesordnungspunkt Platz machen. „Wir sind Bürger der USA, Bürger Deutschlands. Wir sind aber immer auch Weltbürger“, sagte er und schwuppdiwupp war er beim transatlantischen Bündnis, „der Grundlage für globale Sicherheit“.

Das war nett. Aber es ist Rhetorik aus einer Zeit, die Obama selbst nur noch aus den Geschichtsbüchern kennt. Es hat mit den wirklichen Problemen der globalen Sicherheit von heute kaum etwas zu tun. Das weiß er natürlich. Aber jetzt ist er hier, und hier fand der Kalte Krieg statt, und hier wird man es mögen, wenn man an ihn erinnert, werden ihm seine Leute gesagt haben. Er hat hier ganz offensichtlich keine Agenda. Darum hat er sie sich füllen lassen von den Worthülsen der Vergangenheit.

Dazu ein wenig „Freiheit mit Gerechtigkeit“, und fertig ist der Auftritt. Zu keinem der vielen Punkte – vielleicht hat jemand die Zeit, sie einmal durchzuzählen – hat er irgendetwas gesagt. An keiner Stelle hat er einen Vorschlag gemacht. Er hatte – das konnten wir vor dem Fernseher deutlich sehen – nichts vor. Er wollte die Sache hinter sich bringen. Das hat er geschafft.

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Aber er hat auch geschafft, Obama-Enthusiasten ihre Begeisterung zu nehmen. „Wir brauchen einen globalen Pakt für Klimawandel“, sagte er. Für diesen Satz bekam er den längsten Applaus. Aber mehr als dass die USA mehr tun müssen als sie bisher getan haben, brachte er nicht über die Lippen.

Das genügt nicht. Das genügt schon darum nicht, weil er, wenn er das wirklich will, was er sagt, er die Menschen dafür mobilisieren muss. Das heißt, er muss ihnen die Schritte benennen, die er gehen wird. Sonst werden sie ihn nicht begleiten auf seinem Weg. Wenn er diese Schritte nicht sagt, gehen wir davon aus, dass er den Weg nicht gehen möchte, dass er nur einmal mit einem Fähnchen winkt, damit wir lächelnd zurückwinken.

Barack Obama ist ja kein Klemmi, der es nicht schafft, die Menschen für das zu begeistern, was er will. Das macht diesen Auftritt so besonders peinlich. Wenn er wollte, denkt doch jeder, der ihn erlebt oder gar seine hinreißende Autobiografie gelesen hat, dann könnte er. Und zwar so! Also will er nicht. Der vielleicht wichtigste Politiker der Welt hat nichts vor. Das ist eine schreckliche Nachricht.

Man stelle sich nur vor, es wäre ihm zum Beispiel darum gegangen, die Anzahl der atomaren Sprengköpfe zu reduzieren – was für eine Rede hätte er halten können! Hier am Brandenburger Tor, an der Stelle, um derentwillen diese Sprengköpfe sich jahrzehntelang gigantisch vermehrten. Er hätte sprechen können von den Gefahren, die von den riesigen mehr oder weniger schlecht gewarteten Arsenalen der Massenvernichtungswaffen ausgehen. Nicht erst im Krieg, sondern auch mitten im Frieden. Niemand hätte so packend darüber sprechen können wie er.

Die viereinhalb Tausend – mehr sollen es nicht gewesen sein – am Brandenburger Tor wären aufgesprungen und hätten gebrüllt: Kill the bombs! Vielleicht nicht alle, aber ganz sicher die Schüler der Kennedy-Schule und die heute wieder einmal blonde Claudia Roth. Aber er wollte nicht. Das ist die traurige Botschaft Barack Obamas, des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, an diesem herrlich heißen Nachmittag am Brandenburger Tor.