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Kommentar zur East Side Gallery: Berliner Mauer? Kannste vergessen!

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Aus dem historischen Bauwerk aus DDR-Zeit soll ein Teil herausgetrennt und auf der Spreeseite dieses Mauerrests, parallel zu dem von den DDR-Grenztruppen zugewiesenen Ort, wiederaufgebaut werden.  Foto: dpa
Berlin –  

Die East Side Gallery ist das längste originale Mauerstück. Die ganze Welt weiß um den Wert dieses Bauwerks. Nur Berliner Senat und Bezirk offenbar nicht. Was für eine Schande!

Die Athener brauchen ja auch Geld. Aber würden sie die Akropolis zu einer einträglichen Shopping Mall umfunktionieren und vorn ein paar antike Säulen rausreißen für die Lieferanten-LKW-Zufahrt? Selbst in Griechenland wird das eher nicht passieren. Würde Francois Hollande den Eiffelturm quietschrot anpinseln, wenn ein Sponsor Kohle für das defizitäre Frankreich lockermacht?

Undenkbar. Würde die deutsche Haupt- und ehemalige Mauerstadt Berlin ihren neben dem Brandenburger Tor weltweit bekanntesten Bau, die East Side Gallery, Stück für Stück zertrümmern, weil die Erbauer geplanter Hotels und Luxuswohnungen das wünschen?

50 Meter sind schon weg

Kein Problem! Hau weg, den Scheiß! Rund 50 Meter sind schon weg vom mit 1,3 Kilometer längsten noch erhaltenen Mauerstück, geopfert für einen repräsentativen Zugang zur Mehrzweckhalle von der Spree aus. Und weitere Lücken sind, wie berichtet, geplant. In zehn Jahren wird das Mauerdenkmal an der Mühlenstraße aussehen wie die eingeschlagene Frontzahnreihe eines Eishockeyspielers.

Wo einst DDR-Grenzer DDR-Bürger erschossen, nur weil sie rüber wollten von Friedrichshain nach Kreuzberg, blinkt schon heute lustig eine auf dem Todesstreifen montierte Riesen-Reklametafel. Es wird nicht die einzige Geschmacklosigkeit bleiben. Die Gegend hat attraktive Wasserlage, da kommt noch mehr Beton und Halligalli.

Wenn nicht politisch noch etwas geschieht, das letzte durchgehende Stück des „Antifaschistischen Schutzwalls“ vor weiterer Zerstörung zu retten. Nach Rettungs-Aktivität sieht es derzeit nicht aus. Die Ignoranz gegenüber dem Wert des historischen Erbes des einst geteilten Deutschland ist gleichmäßig über Parteien und Institutionen verteilt – sieht man von Denkmalschützern wie dem Mauergedenkstättenchef Axel Klausmeier ab. Die denken von Berufs wegen in 50-Jahres-Kategorien und nicht in den üblichen Fünf-Jahres-Legislaturperioden. Sie fragen: Was wird 2063 noch von der Teilung der Stadt zwischen 1961 und 1989 und von ihrer Überwindung zu sehen sein?

Sie wissen auch, dass eine Aufgabe von nationaler Bedeutung keine Bezirksangelegenheit sein kann wie eine Schulturnhalle. Sie sind auch nicht so schmalspurig desinteressiert wie der Finanzsenator, der dem klammen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Folgekosten einer seit 1990 denkmalfeindlichen Bauplanung am Mühlenstraße überhelfen will. Das ist gleichwertig mit einer Aufforderung zum Mauerabriss. Und der Bausenator ist mit Bauen befasst, da stand die Mauer schon immer im Wege.

Blickdicht. Unüberwindbar. Trennend. Das sah man der Mauer am Mühlendamm 1990 noch an. Wer Lücken in das Bauwerk reißt, zerstört das Denkmal, meint unser Autor.
Blickdicht. Unüberwindbar. Trennend. Das sah man der Mauer am Mühlendamm 1990 noch an. Wer Lücken in das Bauwerk reißt, zerstört das Denkmal, meint unser Autor.
Foto: Berliner Verlag/H.J. Mirschel

Das schlimmste am Fall East Side Gallery ist, dass Senat, Parlament, Bezirke und Öffentlichkeit aus vergangenen Diskussionen über den Umgang Berlins mit seiner jüngeren Geschichte offenkundig nichts gelernt haben. Schon einmal, vor etwa zehn Jahren, musste der Senat von der eigenwilligen Chefin des Hauses am Checkpoint Charlie, Alexandra Hildebrandt, mit einer spektakulären Mauer-Protestaktion zum Jagen getragen werden. Es war eine Peinlichkeit sondergleichen für Wowereit &Co, aber daraus erwuchs das Mauerkonzept mit vielen dezentralen Erinnerungsorten. Dazu gehört unverzichtbar die East Side Gallery, und zwar unzerstört.

Denn dieser längste erhaltene Mauerabschnitt veranschauliche „besonders gut die räumliche Trennwirkung der Mauer im Stadtgefüge“, heißt es in dem Senatskonzept. Zudem sei sie der Ort, der an die „euphorische Maueröffnung und die ästhetische Aneignung der Betonmauer“ durch Bürger und Künstler aus aller Welt erinnere. Vielleicht sind die bunten Bilder aber auch ein Fluch, weil sie den brutalen Charakter des DDR-Sperrwerks verdecken. Das senkt die Hemmschwelle, dieses Dokument der Teilung nach Belieben weiter in bunte Dekoelemente zu zerlegen.

Zwangsläufig ist das nicht. Um 2006 gab es eine ähnliche Situation an der Bernauer Straße: Baurecht auf dem Todesstreifen, alles schien gelaufen, die Baggerfahrer ließen die Motoren an. Damals stoppte der Senat die Zerstörung des Denkmalortes in letzter Minute. Heute freut man sich über 700.000 Mauer-Gedenkstättenbesucher jährlich. Man weiß also in Berlin, wie es gehen könnte – wenn man denn wollte.

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