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Kommentar zur Pädophilie-Debatte: Zu aufreizend für Berlins Sittenwächter

Anstößig? „Die Verlobung der Heiligen Katharina“ des italienischen Malers Guercino von 1620.

Anstößig? „Die Verlobung der Heiligen Katharina“ des italienischen Malers Guercino von 1620.

Foto:

SMB/Gemäldegalerie

Kein Faschingsscherz und auch kein schlechter Traum stehen hinter dieser absurden Geschichte. Sie ist – leider – die nackte Wahrheit über die irrationalen Auswüchse einer soeben hochkochenden zeitgenössischen Debatte, ausgelöst um den Pädophilie-Verdacht gegen den Ex-Bundestagsabgeordneten Edathy und einen weiteren hohen Beamten aus der Exekutive unserer aufgeklärten Demokratie.

Das perverse Schmuddel-Image der Kinder-Pornografie nämlich wird, statt mit ganzer Kraft gegen die grenzenlosen und zugleich noch weitgehend geschützten Möglichkeiten des Internets, nun gelenkt auf ungeschützte Alte Meister, auf Kunst, die zum Welterbe zählt und seit Jahrhunderten, nicht mal in prüdesten Zeiten, Anstoß erregte.

Ein Spitzenwerk der Kunstgeschichte, eine meisterhaft gemalte Allegorie des antiken abendländischen Mythos von Amor, dem listigen, unberechenbaren Gott der Liebe, besser: des Verliebtseins schlechthin, gerät in den Argus-Blick von Sittenwächtern. Sie unterstellen dem Caravaggio-Bild, pädophile Gelüste zu erwecken: „...die ausdrücklich obszöne Szene dient zweifellos der Erregung des Betrachters; unter Rücksicht auf das Alter des ,Modells‘ ist dieses ,künstlerische Produkt‘ höchst verwerflich,“ heißt es in einem offenen Brief an die Gemäldegalerie.

Wie leicht lässt sich das einem Maler unterstellen, mal so rund 450?Jahre nach seinem Wirken. Dass der Italiener homoerotische Neigungen hatte, das verraten viele seiner Bilder. Dass Männerliebe und Pädophilie indes zwei ganz verschiedene Schuhe sind, das hat die Wissenschaft seit gut 100 Jahren belegt.

Der kleine Gott der großen Liebe

Freilich posiert der in einem exzellenten Naturalismus, in einem magischen Helldunkel gemalte nackte Amor-Knabe Caravaggios völlig ungeniert. Er gibt seinen kleinen Schniedelwutz den Blicken frei, den arglosen wie den argwöhnischen, mithin eben auch den begehrlichen. Das geflügelte Knäblein mit der Marmorhaut hat die Linke hinterm Rücken versteckt: Was tut er da?

So mutmaßen die Sittenwächter Schlimmes. Und zudem scheint der dreiste Bengel über alle irdischen Werte und allen menschlichen Ehrgeiz zu spotten, über Hochkultur und Bildungs-Huberei, über Kriegsrüstung und Lorbeer-Ruhm. Seine provokante Pose sagt: Ich bin der kleine Gott der großen Liebe. Meinem Pfeil kann keiner entkommen.

Caravaggio, geboren 1571 in Mailand, gestorben 1610 in Porto Ercole am Monte Argentario, hatte im italienischen Frühbarock durch seine neuartige und realistische Bildgestaltung Aufmerksamkeit erregt; er zählte so viele Bewunderer wie Neider. Vor allem in der Behandlung christlicher und griechisch-römisch-mythologischer Themen ging er neue Wege. Er verknüpfte das Sakrale mit dem Profanen und überwand dabei den gängigen Manierismus, diesen ästhetisierten Übergang von der Renaissance zum Barock.

Die Figuren wirken durch das stark einstrahlende Licht wie modelliert, und dieses wie andere Bilder sind mit starken Diagonalen versehen, was auf eine innovative Behandlung des Bildraums verweist. Da Caravaggio – der sich gern prügelte, wie seine Biografen berichteten, und der darob nach Neapel, Malta und Sizilien fliehen musste – offenbar auf Männer stand (das sagt man ja auch von Kunst-Titanen wie Leonardo und Michelangelo), bildeten sich Legenden. Sie machten den freizügigen Mailänder zum „Archetypen des verruchten Künstlers“, zumal es in seinen Bildern selten weibliche Gestalten gibt – und wenn, dann unerotisch.

Die Fantasien zur Caravaggio-Legende beflügelten nicht zuletzt seine Modelle: stadtbekannte Dirnen, aus denen er Marienbildnisse machte – und androgyne, weiche, hellhäutige Knaben und Jünglinge. Jedoch, einem Werk wie „Amor als Sieger“ zu unterstellen, es sei Vorlage für die perversen Neigungen pädophiler Männer und Frauen, das ist ein kunstfeindliches Argument; es schafft einen Ersatz-Kampfplatz für das eigentliche Problem.

Und so entgegnet der Direktor der Berliner Gemäldegalerie, Bernd Lindemann, den Schreibern jenes offenen Briefs, die verlangen, das „Amor“-Gemälde gehöre – wegen seiner angeblichen sexuellen Reize – von der Galeriewand genommen, mit dem Argument der Kunstfreiheit.

Zur Darstellung des Liebesgottes Amor gehöre die Jugend wie die Nacktheit, vergleichbar Bildern von Adam und Eva vor dem Sündenfall. Viele Hunderte Male wurde „Amor als Sieger“ in Publikationen abgebildet; es gibt tausendfache Reproduktionen, auch im Internet. Wie absurd also, das Original ins Depot verbannen zu wollen.

Überdies: Würde jede Gemäldegalerie auf dieser Welt ihre Bestände nach (missverständlichen) nackten (Kinder-)Posen zensieren, die Galerie-Wände hätten alsbald Lücken. Wie viele Putten und gemalte Jesusknaben im Mariens Schoß bräuchten ein Feigenblatt für ihr Pimmelchen, das doch – seinerzeit nach großem theologischem Disput – Gottes Sohn manifest zum Menschen aus Fleisch und Blut macht.

Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, Raum XIV/Seitenkabinett und Cranach-Saal.

Di+Mi+Fr 10–18/Do bis 20/ Sa+So11–18 Uhr. Tel.: 266?42?42?42, www.smb.de