blz_logo12,9

Konzentrationslager: Bürokratie des Massenmords

Henry Schwarzbaums Eltern wurden in Auschwitz vergast. Er selbst hat Auschwitz und auch das KZ Sachsenhausen sowie zwei Todesmärsche überlebt.

Henry Schwarzbaums Eltern wurden in Auschwitz vergast. Er selbst hat Auschwitz und auch das KZ Sachsenhausen sowie zwei Todesmärsche überlebt.

Foto:

dpa

Oranienburg -

Henry Schwarzbaum ringt um Fassung. Der 93-Jährige steht an diesem Freitag mitten im einstigen Inspekteurs-Dienstzimmer. Hier hat früher der Mann gesessen, der die sogenannte Inspektion der Konzentrationslager (IKL) geleitet hat. Die Zentrale des Terrors in den KZ der Nazis, die Koordinationsstelle für den Massenmord an Juden, Sinti, Roma und sowjetischen Kriegsgefangenen. Hier wurde das Zyklon B bestellt, mit denen in den Lagern Juden vergiftet wurden. Menschen wie die Eltern von Henry Schwarzbaum, die die Nazis in Auschwitz ins Gas schickten. 1943 war das. Henry Schwarzbaum war mit auf dem Transport. Er ist der Gaskammer nur entkommen, weil er noch jung und kräftig genug für die Arbeit war.

Das einstige Inspekteurs-Dienstzimmer ist nun Kernstück der neuen Dauerausstellung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, die am Sonntag in Oranienburg in unmittelbarer Nähe der Gedenkstätte Sachsenhausen eröffnet wird. „Die Zentrale des KZ-Terrors. Die Inspektion der Konzentrationslager 1934 bis 1945. Eine Ausstellung am historischen Ort“ heißt sie. „Die IKL ist so gut wie unbekannt“, sagt Günter Morsch, der Direktor der Gedenkstättenstiftung. Und auch, dass es das Gebäude, in dem die IKL einst ihren Sitz hatte, noch existiert. In dem Gebäude befindet sich heute das Finanzamt, und auch die Gedenkstättenstiftung hat dort ihren Sitz. „Es ist das wichtigste noch erhaltene Gebäude der Schreibtischtäter“, erzählt Morsch. Und es sei Zeit gewesen, ihm endlich eine Ausstellung zu widmen. „In keiner Täterausstellung wird dieses Gebäude erwähnt. Als hätten die Kommandanten der Konzentrationslager alle Entscheidungen selbst getroffen“, sagt Morsch. Diesen „horrenden historischen Unsinn“ habe man nun begegnen wollen.

Interaktiv aufbereitet

Die Ausstellung ist in sechs Themenfelder gegliedert und interaktiv aufbereitet. Daneben werden Zeichnungen, Fotos, zahlreiche Geheimdokumente, aber auch scheinbar banale Sachen gezeigt, die den Terror erst greifbar machen. Zum Beispiel die originale Zyklon-Blechdose, mit deren Inhalt 200 Menschen umgebracht wurden. „Die Ausstellung veranschaulicht sehr eindringlich, wie die SS 32 KZ-Hauptlager mit über 1000 Außenlagern zentral gesteuert hat“, erklärt Morsch.

Jeden Monat kamen hier die Kommandeure aller Lager zusammen, trotz der teils großen Entfernungen. In dem großen Sitzungssaal besprachen sie alles bis ins Detail: die Hungerernährung in den Lagern, die Kleidung und Unterbringung der Häftlinge, Bestrafungen und Hinrichtungen, medizinische Experimente, die Euthanasieaktion 14f13, die Vordrucke für die Transporte in die Vernichtungslager, die Todesmärsche.

Morsch erzählt von der Konferenz Ende August 1941, in der es darum ging, die befohlene Ermordung von sowjetischen Kriegsgefangenen zu organisieren. „Dabei ist den versammelten Kommandanten ein in Sachsenhausen entwickeltes Erschießungsverfahren vorgeführt worden“, sagt er. Nachdem sieben bis neun Kriegsgefangene mit einem Genickschuss ermordet worden seien, sei man lachend und schenkelklopfend wieder in den Sitzungssaal gekommen und habe bei Kaffee und Cognac über andere Mordmethoden gesprochen. „Richard Glücks, der Nachfolger des ersten Inspekteurs Theodor Eiche, hat es dann jedem KZ-Kommandanten überlassen, wie sie die Kriegsgefangenen umbringen“, sagt Morsch. Mindestens 30 000 sowjetische Kriegsgefangene wurden in knapp einem Jahr ermordet. 13.000 davon im KZ Sachsenhausen. In Auschwitz wurde dafür erstmals das Gift Zyklon B eingesetzt, an dem die Menschen in einem abgedichteten Kellerblock qualvoll erstickten. Der Transport des Gifts in die Lager wurde dann durch die IKL geregelt.

1934 wurde die IKL gegründet, vier Jahre später zog sie von Berlin nach Oranienburg. Das hat mit Sachsenhausen zu tun. Dort war das Musterlager der Nazis, eine Art Trainingslager für alle Täter, wie Morsch erklärt. Rund 100 SS-Leute arbeiteten in der Inspektion der Konzentrationslager, jede Meldung aus den Lagern wurde von ihnen akribisch registriert, jede Häftlingsakte, jede Totenkartei. „Mord und Massenmord wurden hier zur Bürokratie“, sagt Morsch.

Henry Schwarzbaum schüttelt immer wieder den Kopf. „Es ist unvorstellbar, wie so wenige Menschen über so viele Leben bestimmen konnten“, sagt er. Er kann bis heute nicht verstehen, dass die Verantwortlichen der IKL nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Theodor Eicke, Kommandant des KZ Dachau und später erster Inspekteur der IKL, starb 1943 beim Absturz seines Aufklärungsflugzeuges. Richard Glücks, der ab 1939 die IKL führte, nahm sich 1945 das Leben. Nur zwei der Schreibtischtäter wurden wegen ihrer Verbrechen in der IKL verurteilt.

Die Ausstellung am Heinrich-Grüber-Platz 3 in Oranienburg ist Mo-Fr von 8-18 Uhr und Sa-So von 12-16 Uhr geöffnet.