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Berliner Zeitung | Kostümverkauf der Komischen Oper: Schlange stehen für eine Mönchskutte
16. January 2016
http://www.berliner-zeitung.de/23452404
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Kostümverkauf der Komischen Oper: Schlange stehen für eine Mönchskutte

Extravaganz zu vertretbaren Preisen.

Extravaganz zu vertretbaren Preisen.

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Markus Wächter / Waechter

Die Warteschlange ist am Sonnabendmittag mehrere hundert Meter lang, geduldig stehen die Menschen in der Kälte, lesen, trinken Kaffee, tippen auf ihren Handys. Eröffnet in Mitte ein neuer Primark oder gibt es jetzt schon Karten für die Berlinale?

Nein, die Wartenden wollen in die Komische Oper. Dort werden ein bis zwei Mal im Jahr Kostüme und Requisiten aus abgelaufenen Produktionen des Hauses verkauft. Das ist auch in anderen Häusern üblich. Doch so groß wie dieses Mal sei der Andrang noch nie gewesen, sagt der Sprecher der Komischen Oper, André Kraft. Schon kurz nach Bekanntgabe des Termins auf Facebook hatten über 7000 Menschen ihr Kommen online angekündigt. Tatsächlich waren es dann wirklich mehrere Tausend. „Es wird voll“, hatte die Komische Oper in einer „Stauwarnung“ die Besucher gewarnt.

Das Foyer als Laufsteg

Etwa 4000 Kleidungsstücke haben die Mitarbeiter aussortiert und im Foyer des Hauses wie in einem Bekleidungsgeschäft ausgehängt und zur besseren Orientierung geordnet: Historisches, Charme und Eleganz, Frommes im Partnerlook. Die Besucher wissen, warum sich das lange Anstehen lohnt. Denn jedes Kleidungsstück ist ein Unikat, eine Maßanfertigung aus hochwertigen Materialien für die Künstler des Hauses. Gewänder und Kostüme aus Produktionen wie der Csárdásfürstin, Die lustigen Witwe, Don Carlos und des Kaisers neue Kleider hängen auf Bügeln, mit den Namen der Künstler und einem Preis, der zwischen wenigen und mehreren hundert Euro liegt. Konfektionsgrößen gibt es nicht, wem ein Stück gefällt, der muss es anprobieren . „Bitte nur 3 Teile in die Umkleide nehmen“, werden die Gäste gebeten. Für manche wird das Foyer zum Laufsteg.

Sarah Settgast ist Designerin und Kinderbuchillustratorin. Und sie liebt Opern. Vier Mal hat sie „Giulio Cesare in Egitto" gesehen, jetzt steht sie im pompös gestalteten Barockkleid der Sesto Pompeo im Foyer, auf der Bühne spielte Theresa Kronthaler diese Rolle. Sarah Settgast ist ganz verzückt, dass sie dieses Kostüm in der Menge gefunden hat. 500 Euro kostet die Anfertigung, die in jedem Geschäft um Etliches teurer wäre. Aber wann wird sie dieses ungewöhnliche Kleid tragen? „Na ganz normal auf der Straße! Wir leben doch in Berlin!“, sagt die tätowierte Frau.

Man sieht an diesem Sonnabend in der Oper nur glückliche Gesichter. Es scheint, als finde dort jeder, was er sucht: Die Oberschülerin ein schickes Kleid für den Abiball, Kleinkünstler die passende Requisite für ihr neues Programm, Menschen, die Wert auf Ausgefallenes und Extravagantes legen, ein Kleidungsstück, das kein Zweiter tragen wird, und Anspruchsvolle, die zum Fasching oder für die kommenden Fetish-Partys das passende Outfit suchen. Sichtlich zufrieden steht ein dicker Mann in Mönchskutte an der Kasse. 20 Euro kostet das Kostüm aus Don Carlos. Ein echtes Schnäppchen. Und sitzt wie maßgeschneidert.


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