19.10.2011

Kottbusser Damm: Längst nicht mehr Klein-Istanbul

Von Julia Haak
        

Einst soll am Kottbusser Damm der Dönerkebap im Fladenbrot erfunden worden sein. Nun wird die Einkaufsstraße ein wenig vornehmer und teurer.
Einst soll am Kottbusser Damm der Dönerkebap im Fladenbrot erfunden worden sein. Nun wird die Einkaufsstraße ein wenig vornehmer und teurer.
Foto: berliner zeitung/sven lambert (3)
Berlin –  

Wandel am Kottbusser Damm: Die Türken sind nicht mehr unter sich und sie sind offener geworden.

Das scharfe Messer macht den Unterschied. Bei Berber Yavuz am Kottbusser Tor in Kreuzberg findet man ihn noch, den traditionellen türkischen Friseur. Mit dem Messer schabt Hamdi Hamdi seinen Kunden die Bartstoppeln aus dem Gesicht, so dass ihre Gesichtshaut hinterher weich ist wie ein Babypopo. 50 Jahre sind vergangen, seit die ersten Türken mit dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei ins Land und auch nach Berlin gekommen sind, aber das Rasiermesser haben die türkischen Friseure in Berlin immer noch nicht weggelegt.

Der Kottbusser Damm und seine Verlängerung, die Kottbusser Straße, haben den entsprechenden Ruf für Läden dieser Art: Klein-Istanbul – der vielen Türken wegen, die hier leben und arbeiten, mit oder ohne deutschen Pass. Und auch wegen der hoch spezialisierten türkischen Infrastruktur von der Bank bis zum Reisebüro, von Baklava bis zu Teegläsern, angeboten von Menschen, die türkisch sprechen. Man kommt hier ohne Deutschkenntnisse prima zurecht. Aber Klein-Istanbul, stimmt das noch?

Bei Berber Yavuz auf den ersten Blick unbedingt. Eine Schamwand trennt den Damenfriseur von den Herren. Der Geruch von türkischer Seife hängt in der Luft. Hamdi Hamdi schäumt sie in einem kleinen Metallbecher mit heißem Wasser aus dem Samowar auf – orientalischer kann man eine Rasur nicht haben. Aber vor der Tür sitzen nicht nur Türken und warten. Eine Berlinerin mit eindeutig deutschen Wurzeln ist zum Haarefärben da, ein Mann mit dunkler Haut wartet auf den Platz unter dem Rasiermesser. Diskutiert wird über die steigenden Mieten in Kreuzberg – ein Thema, das verbindet. „Wir haben viel mehr deutsche Kunden als noch vor drei, vier Jahren“, sagt der Junior-Chef Anil Sasmaz.

Die Leute haben keine Manieren

Sein Vater hat das Geschäft vor 21 Jahren am Kottbusser Tor aufgemacht, weil hier schon damals viele Türken wohnten. Er stammt aus dem Süden der Türkei. Einen deutschen Pass hat er nicht. Sein Sohn aber schon. Und der sagt auch offen, was er von dieser Gegend hält: „Wohnen möchte ich hier nicht, zu viel Dreck, Drogendealer, Besoffene.“ Die Familie lebt im Bezirk Reinickendorf. „Die Leute hier haben keine Manieren. Sie können nicht mal deutsch. Die deutsche Sprache gibt es hier gar nicht“, sagt Anil Sasmaz. Er selbst spricht fehlerfreies deutsch. Und er hat auch festgestellt, dass der Kottbusser Damm lange nicht mehr so monokulturell türkisch, sondern viel durchmischter ist als noch vor ein paar Jahren. Aber es reicht ihm noch nicht.

Ein paar Läden weiter auf der gegenüberliegenden Straßenseite zeigt ein Kinderkleiderladen im Schaufenster reich geschmückte Beschneidungskostüme für kleine Jungs. Umhang, Schärpe, Stab, Mütze, Gürtel, Schuhe – alles zusammen für hundert bis zweihundert Euro. Drinnen gibt es auch Kleinmädchenträume in weißem Tüll und zwei türkischstämmige Verkäuferinnen, die ihre Kunden in deren Heimatsprache beraten. Sie sei in Berlin geboren und habe einen deutschen Pass, sagt Leyla Yalcin, die bei Kids Elegance verkauft. Nach kurzem Überlegen fügt sie hinzu: „Aber ich bin Türkin“.

Vor allem Türken und Araber statten hier ihre Kinder für die zahlreichen Feste innerhalb der Familie aus. Deswegen hat Erkan Cavan sein Geschäft auch gezielt an dieser Stelle der Stadt aufgemacht. „Was wir verkaufen, richtet sich an Ausländer“, sagt Cavan. Aber auch in seinem Laden hat sich etwas geändert. „Es kommen immer mehr Deutsche. Im März, April, Mai verkaufen wir die Kleidchen für die Kommunion und die Konfirmation.“ Ihm gefällt die Veränderung. Deshalb ist er auch der Meinung: „Hier ist längst nicht mehr Klein-Istanbul“.

Eine Einschätzung, die auch Arnold Mengelkoch, der Migrationsbeauftragte von Neukölln, teilt. Die östliche Straßenseite fällt in seinen Bereich. „Der Kottbusser Damm ist auch ein bisschen vornehmer und teurer geworden“, sagt Mengelkoch. Ein Bordell ist weggezogen und auch eine große Familie mit vielen straffälligen Mitgliedern. Eine Moschee hat sich einen anderen Standort gesucht. Dafür seien neue Leute gekommen. Seit kurzem rufen ständig Spanier bei ihm an und fragen nach Deutschkursen. „Auf die bin ich gar nicht eingestellt“, sagt Mengelkoch.

An den Läden in der Straße kann man die neue Nachfrage bereits ablesen. Italienische Feinkost, ein Bio-Supermarkt. Einiges weist darauf hin, dass auch die sprichwörtliche Toskana-Fraktion beginnt, den schmuddeligen Boulevard zu verändern. Im Baklava-Geschäft Sengüloglu fast am Hermannplatz mischen sich die Kulturen bereits in der Ladentheke. Neben süßen türkischen Blätterteigteilchen mit Pistazien und Walnüssen liegen Mandelhörnchen und Nussecken, Brezeln, Apfeltaschen und Muffins. Aber Masse und Vielfalt von Baklava und Co legen den Schluss nahe, dass die Kundschaft doch noch mehrheitlich türkisch ist. Der Ladeninhaber bestätigt das und entzündet vier Gaskocher auf denen er dann Künefe für zwei Kunden frisch zubereitet. Das ist eine Mischung aus Fadennudeln, geschmolzenem Käse, Butter und Sirup.

Es sind nicht nur die nicht-türkischen Zuzüge, die den Wandel im Kiez bewirken. Auch die ansässigen Türken haben sich verändert. Viele der Verkäufer in den Geschäften sind erst Anfang 20. Sie sprechen fehlerfrei deutsch, anders als ihre Eltern. Sie machen sogar Witze über schlechte Sprachkenntnisse von Türken und ihren ständigen Konsum mieser Daily Soaps im türkischen Fernsehen.

Die Mittelschicht wächst

176 000 Berliner haben türkische Wurzeln. Sie stellen mittlerweile eine sehr heterogene und durchaus auch aufgeklärte Bevölkerungsgruppe dar, meint der Migrationsbeauftragte Mengelkoch. Mit einer ständig wachsenden Mittel- und einer schrumpfenden Unterschicht. „50 Jahre Erfahrung, die Türken in Deutschland haben einen riesigen Sprung gemacht“, sagt Mengelkoch und erinnert an die Anfänge mit Analphabeten aus Anatolien. Nur die Heiratsgewohnheiten entsprächen weiterhin dem Klischee: Noch immer heirateten 90 Prozent der Türken Türken, 50 Prozent davon importierten den Partner aus der alten Heimat. „Auch aufgeklärte Leute machen das“, sagt Mengelkoch. Gefühlt sei die Wirklichkeit aber bereits eine andere.

Beim Friseur Yavuz jedenfalls verbinden sich bereits türkische und deutsche Traditionen aufs Schönste: Massiert wird das Gesicht nach der Rasur mit urdeutschem Kölnisch Wasser.

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