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Krankschreibungen ohne Untersuchung: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Berliner Arzt

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DPA/ARCHIV

Ein Berliner Arzt schreibt offenbar Patienten krank, ohne sie untersucht zu haben. Das hat das Sat.1-Magazin "akte 20.16" in seiner Sendung vom Dienstagabend enthüllt. Das Magazin wurde durch diverse Internetforen auf den obskuren Arzt aufmerksam. Dort wird der sogenannte „Doc Holiday“ als schnellster Weg zur Krankschreibung empfohlen.

Mit versteckter Kamera machte eine Reporterin von „Akte 2016“ die Probe aufs Exempel: Nachdem sie sich in die Reihe der „Kranken“ eingereiht hatte, bekam sie bei Dr. Anton R. (67) ohne Umschweife binnen zwei Minuten eine Krankschreibung wegen Kopfschmerzen für eine Woche. Und zwar nicht im Behandlungszimmer, sondern vor aller Augen am Tresen des Empfangs. Eine Sprechstundenhilfe gab es nicht.

Eine zweite Reporterin gab Wochen später gleich zu, dass sie nicht krank sei, aber sie brauche Zeit für die Wohnungssuche. Der Arzt schrieb sie für eine Woche wegen Erkältung krank. Auch hier lief heimlich die Kamera mit. Das TV-Team hatte das Haus mit der Praxis mehrmals besucht und immer das gleiche Bild vorgefunden: Schlangen junger Leute, von denen beim Verlassen des Hauses einige anonym über ihren „Doc Holiday“ berichten, der pro Patient 40 Euro im Quartal von den Kassen bekommt.

So sagte eine junge Frau, sie sei nicht wegen einer Behandlung da – von Dr. R. würde sie sich nie behandeln lassen. Sie brauche einfach eine Krankschreibung. Das deckt sich mit Bewertungen des Arztes in Internetforen: „Man wird wie ein Tier abgefertigt. Schlechte Ärzte gibt es genug, aber er ist definitiv kein Arzt“, schreibt ein Patient.

„Bei schwierigen Fällen wird untersucht“

Ein anderer befindet: „Er ist ein Krankschreibungsdrucker in Person. Keine Behandlung, nur ein Flur voll Schulkinder, die eine Krankschreibung zum Schwänzen brauchen.“ Dem „Berliner Kurier“ sagte der Arzt, dass er die Sendung nicht gesehen habe – aber Stammpatienten hätten ihn angerufen und seien über die Vorwürfe „entsetzt“.

Er wies den Vorwurf zurück, Gefälligkeits-Krankschreibungen zu verteilen: „Bei schwierigen Fällen wird untersucht.“ Bei den anderen handele es sich um Stammpatienten, um deren Krankheiten er wisse und deren Mütter und Großmütter er schon kenne. „Ich führe die Praxis schon fast 40 Jahre.“

Die vielen Patienten, die die Fernsehleute angetroffen hätten, führte Dr. R. auf die Grippewelle zurück. Er schreibe bei Grippe nur zwei bis drei Tage krank, und für die Diagnose brauche man da keine detaillierte Untersuchung. Die Frage, warum er den ihm unbekannten Reporterinnen sofort Krankschreibungen übergeben habe, beantwortete er ausweichend mit dem Hinweis auf eine verschleppte Grippe.

Mittlerweile hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) die Staatsanwaltschaft informiert: Die rückte bereits am 11. Februar in der Praxis an, stellte Unterlagen sicher und ermittelt nun wegen wissentliches „Ausstellens unrichtiger Gesundheitszeugnisse“. Es drohen Geldstrafen oder bis zu zwei Jahre Haft.

Die KV wollte sich zum konkreten Fall nicht äußern und teilte mit: „Bei schweren Verstößen, wie sie in dem Beitrag dargestellt sind, wird durch die KV Berlin geprüft, ob Honorarrückforderungen geltend gemacht werden können, ob ein Disziplinarverfahren eingeleitet wird, ob ein Zulassungsentzugsverfahren beantragt wird.“