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Krebs: Ein harter Kampf

Offene Fragen: Elvira Muffler berät Patienten, die nicht wissen, welche Therapie sie machen sollen, wie sie ihr Leben finanzieren oder wie sie ihre Angst bekämpfen sollen.

Offene Fragen: Elvira Muffler berät Patienten, die nicht wissen, welche Therapie sie machen sollen, wie sie ihr Leben finanzieren oder wie sie ihre Angst bekämpfen sollen.

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BLZ/Gerd Engelsmann

Wandlitz -

Dafür, dass Elvira Muffler in ihrer Arbeitszeit nur mit todernsten Problemen zu tun hat, wirkt sie geradezu gefasst und ausgeglichen. Vielleicht ist solch besonnene Unerschütterlichkeit auch notwendig, um anderen Menschen in ihrem Kampf gegen den Krebs helfen zu können. Elvira Muffler ist Psychoonkologin, das heißt: Sie berät Krebspatienten oder deren Angehörige, wenn sie die schreckliche Nachricht von der Krankheit erfahren haben oder wenn sie dagegen ankämpfen, wenn sie alle paar Wochen zur Chemo müssen oder jeden Tag zur Strahlentherapie.

Die 50-Jährige sitzt in ihrem Haus in Wandlitz (Barnim) im gemütlichen Patientenzimmer und sucht eine Landkarte heraus. Im Regal hinter ihr stehen Krimis und Ratgeber über Vögel, aber das dickste Buch heißt: „Der König aller Krankheiten“. Der 670-Seiten-Wälzer ist eine Biografie über den Krebs. „Sehen sie hier“, sagt Elvira Muffler und zeigt auf die Karte: Obwohl jedes Jahr etwa 15.000 Brandenburger an Krebs erkranken, gibt es nur drei Beratungsstellen in den 14 Landkreisen und den vier großen Städten. In Potsdam und dort, wo Mufflers Verein „Krebsberatung Berlin-Brandenburg“ tätig ist, in Wandlitz und Lübben (Dahme-Spreewald).

Keine öffentliche Förderung

„Brandenburg ist ziemlich schlecht ausgestattet mit ambulanten psychosozialen Beratungsstellen“, sagt die 50-Jährige. Aber noch dramatischer sei die Lage in Mecklenburg-Vorpommern. Dort gibt es gar keine Stellen. Deshalb bekämen sie regelmäßig auch Anrufe aus Rostock oder Greifswald. Aber auch aus dem Ostteil Berlins, weil dort ebenfalls keine Beratungsstelle existiert.

Medizinische Ratschläge werden nicht erteilt , dafür sind die Ärzte zuständig. Es geht um praktische Lebenshilfe in der Krise: Wo bekomme ich welche Reha-Maßnahmen? Wie stelle ich den Antrag für eine Pflegestufe? Wo gibt es finanzielle Hilfen? Wo bekomme ich eine Perücke, wenn durch die Chemo die Haare ausfallen? Und es geht um psychologische Hilfe. Wie bewältige ich die Krankheit? Wie die Therapie? „Krebs ist meist nicht zu spüren“, sagt Elvira Muffler. Die Chemo aber sehr wohl. „Die Patienten sind oft in einem Dilemma: Das, was mich umbringen könnte, spüre ich nicht, aber das, was mein Leben retten soll, also die Behandlung, fühlt sich an, als würde es mich umbringen.“

Elvira Muffler und eine Kollegin bieten die für die Patienten kostenlose Beratung bislang ehrenamtlich oder auf Honorarbasis an. Bezahlt wird dies aus Spenden, die der Verein sammelt. Im Vorjahr waren es 15 000 Euro. Der Verein hat nun fünf ausgebildete Berater gefunden, die die Aufgabe gern für den gesamten Kreis Barnim übernehmen würden. Dafür wären 165.000 Euro nötig. „Aber eine öffentliche Förderung gibt es dafür nicht“, sagt sie. „Wir finanzieren uns nur aus Spenden.“

Karin Heinz ist eine der Betroffenen. „Mir hilft die Beratung sehr“, sagt die 45-jährige Krankenschwester, bei der im vergangenen Jahr Brustkrebs diagnostiziert wurde. Sie war völlig überrascht, da es vorher keine Fälle in der Familie gab. „Mein Leben wurde mir von einem Tag auf den anderen unter den Füßen weggezogen“, erzählt sie. Wer Krebs hat, der erlebt Todesängste und fürchtet immer, dass der Krebs zurückkommt. „Diese Angst bleibt“, sagt sie. „Aber ich will mein Leben nicht von der Angst bestimmen lassen. Dabei helfen mir die Gespräche. Hier kann ich mich auch mal fallen lassen und Dinge ansprechen, mit denen die Familie und Freunde oft völlig überfordert sind.“

Krankenkassen zahlen nicht

Weil die Beratungen so wichtig sind, fördert die Deutsche Krebshilfe als größte Organisation ihrer Art bundesweit 27 Beratungsstellen, nur fünf davon sind im Osten der Republik, die nördlichste in Magdeburg. „Das Problem ist, dass jeder gern ein flächendeckendes Netz hätte, aber die Politik nicht dafür zahlen will“, sagt Sprecherin Svenja Ludwig. „Das bedeutet, dass diese Form der Beratung nur von Spenden getragen wird, aber wir können dafür nicht dauerhaft zahlen.“

Das Dilemma erklärt Bernd Müller-Senftleben vom Potsdamer Gesundheitsministerium. „Diese Beratungen sind dringend erforderlich“, sagt er. Aber die Finanzierung sei nicht geregelt. „Wir überlegen in Gesprächen mit dem Bund und großen Fachgesellschaften, wie wir die Beratungsstellen dauerhaft finanzieren können.“ Eigentlich müssten die Krankenkassen zahlen, aber die verweisen darauf, dass es kein Bundesgesetz gibt, das sie dazu verpflichtet. Die Frage müsse auf Bundesebene geklärt werden. „Deshalb können die Beratungsstellen vom Land auch keine Förderung bekommen“, sagt er. „Wir können nicht Aufgaben des Bundes finanzieren.“

Elvira Muffler geht davon aus, dass es noch Jahre dauert, bis es endlich öffentliches Geld gibt. „So lange müssen wir mit Spenden überleben.“ Der Verein hat nun sogar mietfreie Räume gefunden, in denen die Beratungen künftig stattfinden sollen. Doch die sind renovierungsbedürftig. Die Suche nach Geld, nach Sachspenden, nach Fördermitgliedern für den Verein geht also weiter. „Demnächst will ich zu den Gerichten gehen und die Richter bitten, dass uns Bußgelder zugewiesen werden, zu denen Leute verurteilt werden.“