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Kreuzberg Basketball Beats: Sozialarbeit unterm Korb

Für eine optimale Spieler-Statur muss der Nachwuchs tatsächlich noch etwas wachsen: Trainingsstunde in einer Schul-Turnhalle bei den Kreuzberg Basketball Beats.

Für eine optimale Spieler-Statur muss der Nachwuchs tatsächlich noch etwas wachsen: Trainingsstunde in einer Schul-Turnhalle bei den Kreuzberg Basketball Beats.

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BLZ/Paulus Ponizak

Die Jugendlichen spielen eine Art Hinkelkasten. Sie hüpfen auf einem Bein hintereinander über einen Parcours aus größeren und kleineren Feldern. „Keep your balance“, ruft der Trainer. „Balance means control over your body“ und – nach einigem Nachdenken – „over your life!“ Gleichgewicht halten als Kontrolle über das eigene Leben. Die Jungs sind außer Atem, Schweiß perlt ihnen von der Stirn. Doch es sieht nicht so aus, als ob Anthony Baggette, der Chef-Trainer, ihnen eine Verschnaufpause gönnen würde.

Gegen den Rest von Berlin

Zwölf Jungs im Alter von 11 bis 16 Jahren sind an diesem Nachmittag in die Turnhalle der Hunsrückschule gekommen. Sie gehören zu den Kreuzberg Basketball Beats, einer Initiative des internationalen Kulturvereins Clear Blue Water. Während der Ferienzeit wollen sie ihre Technik verfeinern, denn in dieser Woche startet die neue Saison. Sie haben Dribblings geübt, Korbleger trainiert, Vier gegen Vier gespielt und mit Fastbreaks den Tempogegenstoß optimiert.

Großen Nachholbedarf scheinen sie nicht zu haben. Ihre Bälle landen fast immer im Korb und ihre Bewegungen sind so geschmeidig wie die der Harlem Globetrotters. Doch Anthony ist selten zufrieden. Es ist, als ob er einen Kampf führen würde. Die Beats gegen den Rest von Berlin, gegen die Berlin Tiger, gegen die Weddinger Wiesel, gegen die Marzahner Basketbären und gegen Alba, ja, vor allem gegen Alba. „The beauty of basketball is no contact“, ruft Baggette.

Etwa 100 Basketball-Vereine gibt es in Berlin, doch Alba Berlin ist eine Klasse für sich. Mit knapp 10 Millionen Euro Etat, 600 Mitgliedern und vielen Sponsoren gehört Alba zu den größten Vereinen Deutschlands. In der Bundesliga sind sie auf die Spitzenplätze abonniert. Zu Spielen in der O2 -Halle kommen bis zu 14 000 Menschen. Gegen die Riesen von Alba sind die Basketball Beats Zwerge.

Die Jungs, die zum Training kommen, haben vorher auf der Straße gespielt, rund um den „Görli“. Ihre Eltern hätten zu 90 Prozent Migrationshintergrund, ebenso viele würden von Transferleistungen leben, sagt Katrin Kühn, die Projektkoordinatorin. Was Katrin und Anthony machen, ist mehr als nur Sport. Sie sind Kiezexperten, Sozialarbeiter unter dem Korb, oft genug Kummerkasten. „Viele kommen aus schwierigen Elternhäusern. Wir wollen, dass die Kids wieder Vertrauen in die Zukunft gewinnen.“

Dabei gelten die Kreuzberg Basketball Beats als die heimliche Talentschmiede der hiesigen Korbszene. Das liegt auch an ihrer Spielweise. Anthony Baggette stammt aus Ohio, er war Highschool- und College-Spieler und hat die amerikanischen Trainingsmethoden mit nach Berlin gebracht. Dabei geht es um Schnelligkeit, Rhythmus und Kreativität. Gegen die Technik der Beats, die Anthony zusammen mit seinen Co-Trainern Alex Rapp, Nelson Brown, Moses Adekunle und Ali Durdu entwickelt hat, wirken andere Teams wie Figuren auf einer Spieluhr, mechanisch und ausrechenbar.

Abgeworben von Real Madrid

Unter den Spielern ist auch Malik Eichler. Er ist zwar erst 16, aber schon ein Riese mit seinen 2 Metern und 9. Er gilt als die große Basketballhoffnung Berlins, vielleicht sogar Deutschlands. Letztes Jahr wurde er von Real Madrid abgeworben und besucht jetzt die dortige Basketballakademie. Doch während der Ferienzeit trainiert er bei Anthony Baggette – in der Hunsrückschule.

Die Arbeit hat sich ausgezahlt. Im Berliner Mini-Turnier kämpfte die U 11 gegen die besten Mannschaften Berlins, darunter Alba, und errang den ersten Platz. Trotz des Erfolgs – oder vielleicht gerade deswegen – steht der Verein mit dem Basketballverband auf Kriegsfuß. Während des Turniers mussten die Jungs mit einem schwereren Ball spielen, der eigentlich für die höheren Altersgruppen gedacht ist. Zufälligerweise war es auch der Ball, mit dem der Gegner schon trainiert hatte. Die Beats gewannen trotzdem. Sie haben das Gefühl, manchmal ungerecht behandelt zu werden. Ständig hagele es Strafgelder für Nach- und Ummeldungen, für Verstöße gegen die Sportdisziplin und sogar für Schreibfehler. Der Etat ist knapp, die Trainer arbeiten alle ehrenamtlich. Ein wenig Geld kommt von der Sportjugend. „Doch das meiste geht für Straf- und Meldegebühren drauf“, sagt Katrin Kühn.

Im Frühjahr rief Bildungssenatorin Sandra Scheeres zusammen mit Alba, Hertha BSC und anderen Hauptstadt-Clubs ein neues Modellprojekt ins Leben: „Profivereine machen Schule“. Vereinstrainer sollen Nachhilfe geben. Man könnte auch sagen, sie ersetzen den Lehrermangel im Sportunterricht. Es ist der übliche Ansatz, wenn Vertreter des Profisports mit staatlichen Bildungseinrichtungen eine Partnerschaft eingehen: Die einen wollen den Nachwuchs rekrutieren, die anderen sollen dafür zahlen, der sozialpädagogische Nutzen bleibt unklar. 300 000 Euro kostet das Projekt in diesem Jahr. Es landet bei Vereinen, die ohnehin schon gut versorgt sind. Die Kids aus Kreuzberg brauchen keinen Trainer, sie brauchen zwölf paar neue Schuhe.

Der Verein im Internet: http://kreuzberg-basketball-beats.de/