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Kreuzberg: Rentnerin darf beim Zeitungsverkauf nicht sitzen

Emma Hartmann, 71, auf der Admiralbrücke.

Emma Hartmann, 71, auf der Admiralbrücke.

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Lars Reimann

Berlin -

So richtig gut ist es Emma Hartmann noch nie gegangen in ihrem Leben. Erst der schwere Job als Krankenschwester, 42 Jahre lang hat sie in einer Klinik geschuftet. Der Rücken ist kaputt, die Rente klein. Aber sie will nicht klagen, sagt die 71-Jährige. Und schon gar nicht jemandem zur Last fallen. Deshalb suchte sie sich einen Job, um zu den knapp 550 Euro Rente etwas dazu zu verdienen. Seit sechs Jahren verkauft Emma Hartmann Zeitungen. Im Sommer im Prinzenbad, den Rest des Jahres auf der Admiralbrücke in Kreuzberg.

Bei Wind und Wetter sitzt sie dort täglich von 9 bis etwa 14 Uhr auf einem Klappstuhl, das Angebot auf einem Ständer ordentlich aufgereiht. Doch mit dem Job könnte es jetzt vorbei sein – nach einer Anzeige macht ihr das Ordnungsamt das Leben noch schwerer. „Ich darf beim Verkauf nicht sitzen, soll die ganze Zeit stehen, die Zeitungen auf dem Arm tragen und alle sechs Stunden woanders hingehen“, sagt Emma Hartmann. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, wie so oft in den letzten zwei Wochen. Wieso, fragt sie, soll plötzlich falsch sein, was Jahre lang richtig war?

Stricksocken als Geschenk

Emma Hartmann stammt aus Kasachstan, sie spricht den etwas schwer verständlichen Dialekt der Wolgadeutschen. Vor neun Jahren kam sie nach Berlin, um hier ihre schwer kranke Schwester zu pflegen. Seit deren Tod ist sie allein in der Stadt, sie lebt in Kreuzberg in einer 42 Quadratmeter großen Wohnung. Wenn sie die 450 Euro Miete und die Kosten für Strom und Telefon bezahlt, bleibt kaum noch etwas übrig.

Doch das sei nicht so wichtig, meint sie und winkt ab. Finanziell lohnt sich der Job tatsächlich nicht – zwischen zehn und 50 Cent erhält sie pro verkaufter Zeitung, ihr „Verdienst“ liegt bei maximal vier Euro am Tag. Viel wichtiger als das Geld sind ihr die Kontakte: „Allein den ganzen Tag zu Hause wird man verrückt, da bin ich lieber hier.“

Emma Hartmann gilt als Institution auf der Admiralbrücke. Die meisten Nachbarn kennen sie, viele bleiben bei ihr stehen und plaudern ein bisschen. „Wie eine Familie ist das“, sagt die 71-Jährige. Zum Dank für die Herzlichkeit verschenkt sie selbstgestrickte Socken. „Ich puddel so gern“, sagt sie und holt das Strickzeug aus der Tasche.

Dass die kleine Frau mit dem grauen Haar, das sie gern mit einem braunen Samtkopftuch verhüllt, Probleme hat mit dem Amt, hat sich schnell herumgesprochen im Kiez. Dass die Polizei da war und ihren Gewerbeschein sehen wollte, weiß dort jeder. Irgend jemand, so heißt es, muss die alte Dame angeschwärzt haben. Jemand, dem ihr Geschäft mit den Zeitungen nicht gefällt. Dass die Gewerbeerlaubnis, die Emma Hartmann seit 2005 besitzt, nicht ausreichen soll, irritiert viele.

Unterstützung vom Stadtrat

„Wenn sie die Zeitungen im Sitzen verkaufen will, muss sie beim Ordnungsamt eine Straßensondernutzungserlaubnis beantragen“, sagt Nachbarin Britta Ahmed und spricht das sperrige Amts-Wort so aus, dass es lächerlich klingt. Für 100 Euro im Jahr kann man mit einer solchen Erlaubnis einen Tisch auf die Straße stellen.

„Was soll das, die alte Frau kann schlicht nicht die ganze Zeit stehen, das müssen die doch einsehen im Amt“, sagt Ahmed. Sie und ihre Nachbarn meinen, das Ordnungsamt solle sich lieber um die wirklichen Probleme kümmern, zum Beispiel um „Kampfradler“ auf Gehwegen oder um störenden Kneipenlärm. An der Admiralbrücke werden Unterschriften gesammelt für Emma Hartmanns „Bleiberecht“.

Auch im Kreuzberger Rathaus will man sich dafür stark machen – obwohl die Gesetzeslage streng genommen dagegen spricht: Straßenhändler müssen stehen. Und für die schmale Admiralbrücke gebe es generell keine Straßennutzungssondererlaubnis, sagt der zuständige Stadtrat Peter Beckers (SPD). „Ich werde mich aber dafür einsetzen, dass Frau Hartmann eine Duldung erhält, aus sozialen Gründen.“ Das heißt, sie kann erst mal weiter Zeitungen verkaufen und dabei sitzen. Solange, bis der Nächste kommt und das Gleiche für sich einfordert.