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Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus: Noch eineinhalb Monate

Zeichen der Solidarität: die israelische Flagge bei der Kundgebung „Kein Antisemitismus in Friedenau“.

Zeichen der Solidarität: die israelische Flagge bei der Kundgebung „Kein Antisemitismus in Friedenau“.

Foto:

dpa

Berlin -

In den vergangenen drei Wochen, nach dem gewalttätigen Übergriff von mutmaßlich arabischstämmigen Jugendlichen auf einen Berliner Rabbiner, stand bei Aycan Demirel das Telefon nicht still. Ständig riefen Menschen bei ihm an, die wissen wollten, was migrantische Jugendliche eigentlich gegen Juden haben. Denn Demirel ist der Kopf der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus. Die Initiative ist auf migrantische Jugendliche spezialisiert. Wer Demirel anruft, erhofft sich also davon einen direkten Einblick in die Köpfe dieser Jugendlichen.

Nun ist ihre Initiative in finanziellen Schwierigkeiten. Mitten in einer bundesweiten Debatte über Antisemitismus bei Einwandererkindern geht den preisgekrönten Experten auf diesem Gebiet das Geld aus. Noch eineinhalb Monate, schätzt Demirel, dann ist das Budget erschöpft. Anfang November wird er deshalb wohl zwei Mitarbeiter entlassen müssen. Zwei von Dreien.

Migrantische Jugendliche werden als Teamer ausgebildet

Die Kreuzberger Initiative entwickelt ihre Projekte in einer Altbauwohnung an der Oranienstraße. Hier werden pädagogische Konzepte erdacht, Tagungen konzipiert, Projekttage für Schulen entwickelt, Publikationen verfasst. Etwa 100 Projekttage veranstaltet die Initiative jedes Jahr an Berliner Schulen. In ihrem Konferenzsaal werden Jugendliche als Teamer ausgebildet – vor allem migrantische Jugendliche. Sie gehen mit den pädagogischen Mitarbeitern in die Berliner Schulen. Gemischte Teams, auch in kultureller Hinsicht sind eine Stärke der Initiative.

Derzeit sitzt Demirel dort mit seinen Mitarbeitern, dem Bildungsreferenten Sherko Kejo und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Andreas Koch zu Krisengesprächen zusammen. Drei Männer: Wenn sie nicht noch Geld auftreiben, werden wohl Kejo und Koch gehen müssen.

„Wir brauchen Hilfe“

Demirel und seine Kollegen beschäftigen sich seit zehn Jahren mit Antisemitismus bei Jugendlichen. „Begonnen haben wir, aufgrund unserer eigenen Wahrnehmung, dass es sich um ein spezifisches Problem unter Migranten handele“, sagt Demirel. Allerdings habe das damals niemand hören wollen. Sie seien auf Abwehr gestoßen, sagt Demirel, die Bezirkspolitik etwa habe Türken und Araber, Kurden und Bosnier als rassistisch unterdrückte Minderheiten wahrgenommen, die nicht auch noch als Antisemiten stigmatisiert werden sollten. Das hat sich ins Gegenteil verkehrt. Heute gilt Antisemitismus unter Migranten als dringendes Problem. „Doch wir haben ein Antisemitismusproblem in der ganzen Gesellschaft“, sagt Demirel, der selbst türkische Wurzeln hat.

Aber jetzt muss er sich erstmal mit sich selbst beschäftigen. „Wir brauchen Hilfe“, sagt Demirel. Ganz konkret fehlen für dieses Jahr noch 20.000 Euro in der Kasse und für das nächste 50.000. Wenn Demirel und seine Kollegen dieses Geld nicht auftreiben können, wird es außerdem auch noch weniger staatliche Fördermittel geben.

Modellförderung führt zu Finanzierungsproblemen

Denn die Initiative finanziert sich zur Hälfte aus einem Bundesprogramm gegen Rechtsextremismus. Das Geld wird nur unter der Bedingung gezahlt, dass es den Empfängern gelingt, die anderen 50 Prozent woanders aufzutreiben. Zum Beispiel bei der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Dort hat man die Initiative in den vergangenen Jahren immer unterstützt. Im derzeitigen, auf drei Jahre befristeten Projektzeitraum mit knapp 200.000 Euro – kommendes Jahr eingerechnet. Falls das Projekt fortgeführt werden kann.

Die Initiative ist ein Beispiel für Probleme in der Praxis, die eine solche Modellförderung mitbringt. Gern hätten Demirel und seine Mitstreiter eine regelmäßige Finanzierung zum Beispiel aus dem Berliner Landshaushalt. Allerdings sah der Berliner Senat „aufgrund begrenzter Haushaltsmittel“ dafür bisher keine Möglichkeit. Unterstützt werden im Bereich Antisemitismusprävention schon das Anne Frank Zentrum, Zeitzeugenbegegnungen, Jugendarbeit, Schule ohne Rassismus und Beratungsteams.