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Kriminalität am Görlitzer Park: Berliner Gewerbetreibende beschweren sich beim Senat

Ercan Yasaroglu ist Inhaber vom Café Kotti. Er wendet sich gemeinsam mit rund 50 anderen Geschäftsleuten an den Berliner Senat.

Ercan Yasaroglu ist Inhaber vom Café Kotti. Er wendet sich gemeinsam mit rund 50 anderen Geschäftsleuten an den Berliner Senat.

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Ercan Yasaroglu, Inhaber vom Caf

Die Scherben der vergangenen Nacht sind gerade aufgesammelt. Das Wartehäuschen der Bushaltestelle in der Adalbertstraße ist eingeschlagen worden, so wie fast jede Woche, sagt Oktay Toprakci, der am Kottbusser Tor einen Imbiss betreibt. Und Vandalismus sei nur das sichtbarste von vielen Problemen.

Anwohner und Geschäftsleute wie Toprakci beklagen am Kotti eine Zunahme von Gewalt, Drogenhandel und Kriminalität. Erst am vergangenen Wochenende war ein 26-Jähriger bei einer Messerstecherei schwer verletzt worden, der zweite Fall innerhalb eines Monats.

Brief an den Senat

Rund 50 Gewerbetreibende vom Kottbusser Tor schicken am Freitag (30. Oktober) einen Aufruf an den Senat. Sie hätten ihre Anliegen mehrfach beim Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und der zuständigen Polizeidirektion vorgetragen, heißt es darin: „Bis jetzt wurde leider nichts unternommen.“ Ercan Yasaroglu, Betreiber des Café Kotti, hat den Aufruf angestoßen. „Wenn man mit Polizisten über das Problem spricht, bitten sie, dass wir uns an die politisch Verantwortlichen wenden“, erzählt er.

Der Durchgang zur Dresdener Straße sei nachts kaum noch passierbar, sagt Oktay Toprakci. Es sei unsicher, Touristen würden ausgeraubt. „Und die Dealer sind aggressiv, sie bedrängen die Gäste.“ Sein Umsatz sei eingebrochen. Die Ursache für die Entwicklung liege ein paar hundert Meter weiter, im Görlitzer Park. „Da wurde sauber gemacht, aber das Problem hat sich nur verlagert“, meint Toprakci. Die Dealer seien Richtung Kotti ausgewichen, um den Polizeikontrollen zu entgehen.

Der Kiez ist schon seit Jahrzehnten das, was die Polizei als „kriminalitätsbelasteten Ort“ bezeichnet. Doch die Lage habe sich drastisch verändert, sagt Ercan Yasaroglu: „Früher konnten wir mit den Leuten sprechen, wenn es ein Problem gab, man kannte sich.“ Heute werde die direkte Ansprache häufig als Konfrontation verstanden.

Auch Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) nimmt die Entwicklung ernst. „Aus Gesprächen und dem, was ich selbst sehe, habe ich den Eindruck, dass sich die Situation verschärft“, sagt sie. Viel Spielraum gebe es auf Seiten des Bezirks jedoch nicht. Das Bezirksamt beteilige sich finanziell nun an einem Zaun, der um den Spielplatz eines benachbarten Privatgrundstücks gezogen und nachts abgeschlossen werde. Damit soll ein Umschlagplatz des Drogenhandels wegfallen.

Den Anwohnern und Ladenbetreibern reicht das nicht. In den Augen von Avni Kazanci, Inhaber vom Fischimbiss Taka, rächt sich die verfehlte Politik des Bezirks. „Sie haben zu lange zugesehen und nichts getan“, sagt er mit Blick auf die Drogenproblematik. Es gebe unter den Drogenhändlern eine große Konkurrenz, neben den Alteingesessenen drängten die afrikanischen Flüchtlinge und organisierte Gruppen aus Osteuropa auf den Markt.

„Die Sicherheitslage ist Sache der Polizei, da hat der Bezirk keine Kompetenz“, sagt Bürgermeisterin Monika Herrmann. Es reiche nicht aus, wenn der Innensenator in der Öffentlichkeit auf den Tisch haue, aber untätig bleibe: „Ich habe nichts dagegen, wenn am Kotti ein Einsatzfahrzeug platziert wird.“

Die Debatte, wer die Verantwortung trägt, ist bekannt – vom Görlitzer Park, aus der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule und vom Oranienplatz. Die Senatsverwaltung für Inneres wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Polizei ist hilflos

Ein Kreuzberger Polizist reagiert ernüchtert. Man könne die Situation nicht schönreden, sagt er. Am Kottbusser Tor sammelten sich neben Dealern und Kleinkriminellen Gestrandete aus aller Welt. Unter Alkohol- und Drogeneinfluss sei die Schwelle zur Gewalt dann gering. Die Polizei habe keine Mittel, um darauf angemessen zu reagieren. Nachts stünden nur sechs Einsatzfahrzeuge zur Verfügung, auch zu den Stoßzeiten am Wochenende. „Es ist ein Ausmaß, das wir vorher nicht kannten.“



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