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Kriminalität in Berlin: Tausende Euro auf ein Konto von Onkel Wanja

Bei manchen Arbeitsangeboten schnappt die Falle zu, und man ist kriminell.

Bei manchen Arbeitsangeboten schnappt die Falle zu, und man ist kriminell.

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Getty Images/iStockphoto

Rund 300.000 Euro Schaden fügte der Täter der Deutschen Bahn zu. Mit den Nummern gestohlener Kreditkarten erwarb er fast 1700 Bahncards. Über sogenannte Finanzagenten verkaufte er sie weiter. Von dem Gewinn behielt er 93.000 Euro. In den nächsten Wochen wird vor dem Berliner Landgericht gegen ihn der Prozess eröffnet.

Seine Mittäter, die die Bahncards weiter verkauften, waren leichtfertig zu Komplizen geworden. Sie waren auf vermeintliche Jobangebote in E-Mails, Annoncen und Internet-Jobbörsen hereingefallen. Von einem lukrativen Zusatzeinkommen für einfache Heimarbeit ist in solchen Anzeigen stets die Rede.

Teil eines Netzwerks

Die Jobangebote richten sich an sozial Schwache, an Hartz-IV-Empfänger, Senioren – und neuerdings auch an Flüchtlinge. Wer eine solche Arbeit annimmt, kann sich schnell strafbar machen. Denn froh über den Geldsegen nach langer Arbeitslosigkeit, hat man sich unwissentlich zum Teil eines kriminellen Netzwerks gemacht – zu einem Finanzagenten, wie Strafverfolger diese Tätigkeit nennen. „Diese Menschen werden missbraucht, ohne zu wissen, in welchem System sie organisiert sind“, sagte Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) am Freitag bei einer Pressekonferenz.

Die meisten der 300 im vergangenen Jahr festgenommenen Finanzagenten hatten seriös aussehende „Arbeitsverträge“ mit seriös wirkenden „Firmen“ unterschrieben. Die Kommunikation erfolgte ausschließlich per E-Mail, was die zu Tätern gewordenen Menschen allerdings nicht stutzig machte.

Seit Jahren steigen die Fälle von Computerbetrug und Betrug über das Internet. Internationale Tätergruppen hacken Konten, eröffnen falsche Internet-Shops oder kapern Ebay-Accounts unbescholtener Nutzer. Über diese wird dann Ware billigst angeboten. Der gutgläubige Käufer zahlt für Ware, die er nie sieht, unwissentlich auf das Konto eines Finanzagenten. Um die Beute in reales Geld umzuwandeln – es zu waschen – bedienen sich die Täter der Finanzagenten. Deren „Arbeit“ besteht darin, ihr Privatkonto zur Verfügung zu stellen. Nach Eingang einer Zahlung heben sie in der Bankfiliale den Betrag in Bargeld ab. Das muss schnell geschehen, damit die Bank das Geld nicht zurückbucht. Per Bargeldtransfer schicken sie dann das Geld ins Ausland.

Die Banden kalkulieren damit, dass Finanzagenten nach kurzer Zeit erwischt werden. Denn sie haben ein offizielles Konto und zu ihnen führt die Spur. Die Justiz spricht von „leichtfertiger Geldwäsche“, für die es Geld- oder Haftstrafen bis zu zwei Jahren gibt. „Neben reisenden Einbrechern ist das die größtwachsende Seuche“, so Heilmann. Die Hintermänner sitzen in Russland, Weißrussland, der Ukraine und den baltischen Staaten. „Dort gibt es gute IT-Fachleute, die die Internet-Attacken begehen“, sagte Staatsanwalt Marcus Hartmann. „Dort sind auch jene, die die Lock-Anzeigen schalten.

Die Strafverfolger kennen auch die „vorsätzlichen Finanzagenten“: Geldwäscher, die wissen, was sie tun und denen bis zu drei Jahre Haft drohen. Ihnen vertrauen die Banden nicht nur Kleinbeträge von höchstens 5000 Euro an, sondern sechsstellige Summen. Berlin ist laut Hartmann ein Schwerpunkt dieser Taten, weil es hier eine große russische Community gebe.

Inzwischen gibt es erste Verfahren gegen Flüchtlinge, die Finanzagenten waren, nachdem sie bei ihrer Anerkennung ein Girokonto bekamen. „Die wissen nicht, was verboten und erlaubt ist, weshalb man die hervorragend anwerben kann“, so Hartmann. „Das wird in nächster Zeit ein Riesenproblem.“ Heilmann will deshalb unter Flüchtlingen eine Aufklärungskampagne in mehreren Sprachen starten. „Mit der jüngsten Asylrechtsverschärfung kann das bis zur Abschiebung führen.“

Auch mit den Banken redet der Senator, um die Aufklärung von Geldwäsche mittels Finanzagenten zu erleichtern. Allerdings geben die Institute bislang keine Zahlen über Fälle, die ihnen aufgefallen sind, heraus. Die Banken haben Software, mit der sie verdächtige Kontobewegungen feststellen, etwa wenn ein Hartz-IV-Empfänger, der sonst nur kleinere Kontobewegungen hat, plötzlich mehrfach einen großen Betrag gebucht bekommt, der schnell wieder abgehoben wird.

Verliebt in eine Ukrainerin

Nicht immer sind es Jobs, über die Finanzagenten geködert werden. Vor einiger Zeit lockten Täter über ein Dating-Portal einen 55-jährigen Berliner an. Er hatte sich in eine hübsche Ukrainerin verliebt, die auf der Webseite gezeigt wurde. Er erwartete sie mit Rosen am Flughafen Schönefeld. Zuvor hatte ihn ein gewisser Onkel Wanja, ein angeblicher Verwandter der Frau, gebeten, einige Tausend Euro auf sein Konto überweisen zu dürfen. Auf dessen Wunsch hob der liebestrunkene Mann das überwiesene Geld ab und schickte es dann in die Ukraine. Seine Angebetete stieg nicht aus dem Flugzeug. Dafür baten ihn zwei Polizisten mitzukommen.


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