Natürlich hat Joachim Weinhold (47) immer davon geträumt, von seiner Kunst leben zu können. Eigentlich träumt er das noch heute. Doch der Typ Armer-Eigenbrötler-Künstler-im-Hinterhausatelier ist er auch nicht. Deshalb arbeitet Weinhold tagsüber in der Mathematischen Fakultät der TU , um Geld zu verdienen. Danach – am Abend und im Urlaub – entsteht seine Kunst.
In der TU ist Weinhold seit 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter im 3D-Labor. Dort wurde kürzlich die Gips-Kopie einer Pharao Echnaton-Büste für die große Nofretete-Ausstellung „Im Licht von Amarna“ dreidimensional gedruckt. Das Verfahren ist technisch sehr aufwendig, funktioniert aber im Prinzip wie jeder Druckvorgang: Daten werden von einem Computer an den Drucker geschickt, der nicht flach auf ein Blatt druckt, sondern einen dreidimensionalen Körper aus einem Spezialgips herstellt.
Auf Echnaton sind die Labormitarbeiter – zwei Mathematiker, zwei Architekten und Künstler Weinhold – ziemlich stolz, aber sie haben auch schon mit Schiffstechnikern und Geologen, Physikern, Architekten und Medizinern zusammengearbeitet. Auch den Schädel von Eisbär Knut haben sie gedruckt. Anhand dieser 3D-Schädelkopie konnten die Wissenschaftler aus dem Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung dann zeigen, dass Knut nicht an einem Gendefekt litt.
Zum Glück ist das, was den Künstler Joachim Weinhold interessiert, gar nicht so weit von dem entfernt, was der wissenschaftliche Mitarbeiter macht. Denn Weinhold nennt sich zwar Bildhauer, arbeitet aber weder mit dem Meißel am Marmor, noch mit der Kettensäge am Holz. Er entwirft Objekte, die aussehen wie Gestalt gewordene Mathematik: sehr regelmäßig, manchmal kugelig, mit eigenartigen Ausbuchtungen und gleichmäßig angeordneten Löchern. „Ich wollte schon immer etwas herstellen, was es noch nicht gibt, ohne gleich Designer zu werden“, sagt Joachim Weinhold.
Nach dem Abitur in Lippstadt in Westfalen wurde er aber erst mal Tischler, denn die Weinholds sind seit fünf Generationen Tischler. „Das war der Kompromiss, den ich auf Wunsch meiner Eltern einging.“ Danach studierte er in Braunschweig das, wovon er immer geträumt hatte: Freie Kunst. Vor zwölf Jahren zog er nach Berlin, wo er schon immer wohnen wollte. Erfolg als Künstler hat er allerdings eher außerhalb, vor allem in Südkorea. Dort stellt er regelmäßig aus – während des Jahresurlaubs, der traditionell mit einem Korea-Besuch bei den Eltern seiner Frau, die auch Künstlerin ist, verbunden wird. Dort verkauft er manchmal auch etwas.
Würde Weinhold große Bilder malen oder schwere Plastiken gießen lassen, wären Ausstellungen in Korea und anderswo nicht so leicht zu organisieren. Doch Weinhold reist mit leichtem Gepäck. Alles, was er braucht, passt auf einen kleinen Computerstick – zur Sicherheit „lagert“ er seine Werke immer auf mehreren Computern und verschiedenen externen Festplatten.
Damit ist Joachim Weinhold der perfekte Berliner Künstler. Denn während viele seiner Kollegen verzweifelt bezahlbare Ateliers suchen, ist er mit einem Tisch für seinen Computer zufrieden. Lärm und Dreck macht er auch nicht, denn er lässt seine digital entworfenen Werke erst vor Ort ausdrucken. Ihre Größe ist festgelegt, denn die üblichen 3D-Drucker können maximal 25x35x20 Zentimeter große Einzelstücke drucken. Deshalb sind seine Werke klein und handlich, obwohl man sie sich auch als riesige, begehbare Objekte aus Metall vorstellen könnte.
Bis Weinhold dafür einen Finanzier gefunden hat, kann er zumindest virtuell durch eines seiner Werke wandern. Denn das 3D-Labor der TU besitzt eine sogenannte Cave („Cave Automatic Virtual Environment“ bedeutet auf Deutsch in etwa „Höhle mit virtueller Umwelt“). Mit Hilfe dieser saalfüllenden Versuchsanordnung und einer 3D-Brille kann man durch Körper jeder Art, durch ganze Häuser und auch eben auch durch ein Kunstwerk von Weinhold spazieren.
Nicht virtuell, sondern ganz real wird die nächste Aufgabe sein, mit der sich der wissenschaftliche Mitarbeiter Weinhold beschäftigt. Er betreut ein Projekt, in dem der Nutzen dreidimensionaler Kopien von Objekten und Kunstwerken aus Berliner Museen erforscht wird. Blinde zum Beispiel könnten anhand einer betastbaren 3D-Kopie erstmals ein Reiterdenkmal kennenlernen. Aber auch Sehende würden profitieren, wenn von Steinen verschlossene Skelette ausgedruckt werden können. Für Ausstellungsmacher würden sich ganz neue Möglichkeiten für die Präsentation bieten. Weinhold wird sie ihnen erklären und am Abend für einige Stunden wieder ganz Künstlersein.
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