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Kulturhaus in Brandenburg: Keimzeit in der Kulturfabrik Fürstenwalde

Selten: Klaus-Peter Oehler auf der Bühne. Im Alltag sorgt der Programmmacher dafür, dass Keimzeit oder Konstantin Wecker auf diesen Brettern auftreten.

Selten: Klaus-Peter Oehler auf der Bühne. Im Alltag sorgt der Programmmacher dafür, dass Keimzeit oder Konstantin Wecker auf diesen Brettern auftreten.

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Berliner Zeitung/jens Blankennagel

FÜRSTENWALDE -

Und dann steht er doch auf der Bühne. Klaus-Peter Oehler ist eigentlich eher ein Tiefstapler und kein Angeber. Einer, der sich gern offensiv bescheiden gibt und immer wieder die gute Arbeit seiner Mitarbeiter hervorhebt. Dabei ist er der Chef und damit der wichtigste Macher der Kulturfabrik Fürstenwalde (Oder-Spree). Das ist nicht irgendein Kulturhaus: Es macht für eine eher wenig beachtete Stadt am Rande des Berliner Speckgürtels ein wirklich beachtenswertes Kulturprogramm.

An diesem Tag inspiziert Oehler den hübschen Saal im Keller, denn es steht das erste Konzert des neuen Jahres an. Und das wird traditionell von der Band Keimzeit bestritten – der bundesweit bekanntesten Band aus Brandenburg. „Bei uns haben Keimzeit ihr allererstes Akustik-Konzert gegeben“, erzählt Oehler. „Extra für uns, denn die Bühne ist zu klein für die ganze Band. In unseren Saal passen gerade mal 200 Leute.“

Viele kommen immer wieder

Das ist eine Größenordnung, bei der Bands wie Keimzeit oder der Sänger Konstantin Wecker normalerweise nicht unbedingt anreisen, weil die Künstler viel zu bekannt sind und der kleine Saal ihre Gage kaum einspielen kann. „Doch wer ein Mal bei uns war, ist meist begeistert von der Atmosphäre und vom Publikum und kommt gern wieder“, sagt Oehler. Solche Wiederkommer sind der Autor Wladimir Kaminer, die Bands Rainbirds und Purple Schulz, die Liedermacherin Barbara Thalheim oder der Kabarettist Uwe Steimle.

Im Keller testet Cheftechniker Daniel Schnieber gerade die Anlage – zum ersten Mal nach der Winterpause. Aus dem Boxen plätschert ein fröhlich-leichter Rap von Cro. Derweil steigt Oehler auf die Bühne, denn er will zeigen, dass die eigentlich gar nicht so klein ist, sondern recht tief. Der Techniker flutet die Bühne mit sattem blauen und roten Licht – und plötzlich ist Oehler, der Mann hinter dem Programm, für einen Moment der Star auf der Bühne. Auch wenn der Saal leer ist.

Oehler erzählt, dass die Kulturfabrik in Wirklichkeit ein kleiner Konzern ist. „Die Konzerte sind eigentlich nur ein Nebengeschäft“, sagt er. „Die eigentliche Kernaufgabe sind die sechs soziokulturellen Einrichtungen des Hauses.“ Die 23 Festangestellten sowie die freien Mitarbeiter kümmern sich in erster Linie um den Kinderladen, das Jugendzentrum, den Frauenladen, die künstlerischen Werkstätten und die beiden Museen. Doch die meiste Außenwirkung haben natürlich die Veranstaltungen, durch die auch bekannte Künstler in eine Stadt wie Fürstenwalde kommen.

Der Ort hat ein grundsätzliches Problem – wie so mancher östlich von Berlin. Denn beim Vormarsch der Roten Armee auf Berlin wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs in Fürstenwalde vieles zerstört. Es gibt aber architektonische Leuchtpunkte der Historie, wie den Dom, der neben dem in Brandenburg/Havel der einzige im Lande ist.

Das Fürstenwalder Gemäuer war zwar auch zerstört, wurde aber saniert, in einer gelungenen Kombination aus Alt und Modern. Gleich gegenüber das Museum, das auch von der Kulturfabrik betrieben wird. Nicht weit entfernt das ebenfalls sehr schön sanierte ehemalige Rathaus, in dessen Keller sich das Brauereimuseum befindet – ebenfalls betrieben von der Kulturfabrik.

Einen Nachmittag lang lässt sich in der Stadt also vieles erkunden und an fast jedem Wochenende gibt es Kultur in der Kulturfabrik. Die befindet sich zwischen Dom und Museum in einem rustikalen Brauereigebäude. Dort wollen Oehler und seine Leute dafür sorgen, dass Fürstenwalde – nur knapp 40 Bahnminuten vom Berliner Alex entfernt – keine reine Wohnstadt für Pendler ist, sondern auch Kultur bietet. Der Ort hat mehr als 31 000 Einwohner. Andere Städte wie Schwedt haben weniger, aber trotzdem ein Theater.

„Ein Irrenhaus“

Nicht so Fürstenwalde. Hier steht und fällt die Kultur mit der Kulturfabrik. „Wir setzen auf Vielfalt und Kontraste“, sagt Oehler. „Es geht es immer darum, die Leute vom Fernseher und Carmen Nebel wegzulocken.“ Deshalb fragt er beharrlich bei prominenten Künstlern an. „Bei Konstantin Wecker hat es vier Jahre gedauert, bis der Termin stand.“

Und wenn er mit einem Promi mal etwas Gewinn einfährt, holt er davon ein experimentelles polnisches Theaterprojekt in die Stadt – wie gesagt: Vielfalt und Kontraste.

Oehler ist gelernter Schweißer, und hat Kulturwissenschaften an der Berliner Humboldt-Uni studiert und promoviert. Lange Zeit leitete er in Berlin die kleine Akademie für Kultur und Bildung, die den Künstlern nach der Wende beibrachte, wie sie eine Steuererklärung machen müssen und wie Marketing und Management funktioniert.

All dieses Wissen um Kultur und Vermarktung hilft ihm dabei, ein gutes Programm zu machen. Seit er 2008 die Kulturfabrik übernahm, hat sich die Zahl der Besucher vervierfacht und die Zahl der öffentlichen Kulturveranstaltungen stieg von 19 auf fast 50.

„Aber mehr geht nicht“, sagt er. „Unsere Leute arbeiten jetzt schon fast jedes Wochenende. Wir machen Kultur und sind natürlich ein Irrenhaus. Wer bei uns arbeitet, muss schon ein wenig verrückt sein.“