23.09.2011

Kunst: Die Linien des Blutes

Von Ingeborg Ruthe
Kapitel VII. eine Blutlinie in Tuzla, Bosnien-Herzegowina: Nazir Nukić, seine Tochter Zumra, die durch DNA-Abgleich zugeordneten sterblichen Überreste von deren Söhnen Bajazit (Skelett) und Ahmedin (Zahn). Sie wurden ermordet beim Massaker serbisch-bosnischer Soldateska in Srebrenica, Juli 1995
Kapitel VII. eine Blutlinie in Tuzla, Bosnien-Herzegowina: Nazir Nukić, seine Tochter Zumra, die durch DNA-Abgleich zugeordneten sterblichen Überreste von deren Söhnen Bajazit (Skelett) und Ahmedin (Zahn). Sie wurden ermordet beim Massaker serbisch-bosnischer Soldateska in Srebrenica, Juli 1995
Foto: Neue Nationalgalerie
Berlin –  

Taryn Simons neues Projekt ist eine Fallstudie - ein Puzzle über den Kreislauf von Leben, Tod, Fanatismus und Gleichgültigkeit. Das erschütternde Fotoarchiv zeigt nun die Neue Nationalgalerie.

Vor ein paar Jahren konfrontierte die New Yorker Fotografin Taryn Simon Amerikas Öffentlichkeit mit den Konterfeis von unschuldig zum Tode verurteilten Menschen. "The Innocents" riss damals den Schleier herunter von der versteckten dunklen Seite der sich doch so fortschrittlich gerierenden Vereinigten Staaten. Nun reicht die 36-Jährige ein noch ambitionierteres Projekt nach, und das hat sie in der Glashalle der Neuen Nationalgalerie ausgebreitet, in hohen, rabenschwarzen Regalen.

Simons neues Projekt ist eine Fallstudie. Abermals geht es um Menschenschicksale, die allerdings nur in Fußnoten erzählt werden, weil eine richtige Erzählhandlung gar nicht herzustellen ist. Es geht ums Überleben, in ästhetischer wie politischer Hinsicht. Vier Jahre hat sie für "A Living Man Declared Dead and Other Chapters" (Ein lebendiger Mann, für tot erklärt, und andere Kapitel), in 24 Ländern recherchiert.

Entstanden ist ein Puzzle über den Kreislauf von Leben, Tod, Schrecken, Gewalt, Krankheit, Ausbeutung, Gier, Hass, Religion und Fanatismus. Welche Ausdauer, welche Zähigkeit muss diese junge Frau besitzen, um zu vollbringen, was sie hier, in einem Großarchiv des Schreckens geordnet, ausbreitet: 1000 Fotos - Porträts und Detailaufnahmen - für die sie um den Erdball geflogen ist: Von Kalkutta nach Srebrenica, von Peking nach Bagdad, von Tansania in die Ukraine. Jeweils im linken Teil der schwarzen Regale, die man auch als riesige Trauerränder sehen könnte, hängen in langen Reihen die kleinen Porträts von Menschen, denen Schlimmes widerfahren ist. Dazwischen sind schriftliche Erklärungen angebracht und rechts folgen dann - als "Fußnoten"- Karten, Textdokumente, Briefe, historische Fotos und Aufnahmen der Künstlerin, etwa von Albinos in Tansania und deren entsetzlichem Schicksal: Mit ihren Organen wurde - mit Einverständnis der bitterarmen Familien - Handel getrieben.

Familien in Blutfehde

Simon berichtet von zwei brasilianischen Familien in Blutfehde, wo jeder Dritte ermordet wurde und das Familienarchiv lauter Leerstellen aufweist. Und da ist eine mit Stricken gefesselten Wasserleiche im Ganges. Der tote Mann ist zweimal gestorben. Er gehörte zu jenen Verdammten, die in Indien, samt Kindern und Kindeskindern, für tot erklärt wurden, weil sich ein anderer Clan ihres Grund und Bodens, ihres Hab und Guts bemächtigte. Mehrfach haben diese Leute versucht, vor Gericht ihre Existenz zu beweisen, aber Korruption und überkommene Machtstrukturen verwehren ihnen ihr Recht. Die Vertriebenen leben als Untote, ohne Identität.

Mit endloser Geduld und Akribie hat die Künstlerin das Ungeheuerliche, das Unrecht dokumentiert. Die Betroffenen porträtierte sie immer vor neutral-hellem Hintergrund, ohne Umfeld, ohne erzählendes Zubehör. Somit gibt es keine Kommentare, auch keine Anhaltspunkte zu den Gesichtern. Schnappschüsse sind es nie, sondern so lakonische wie erschütternde Dokumente, akribisch aneinandergefügt. Diese Archive, die Familiengeschichten zusammenpuzzeln, sind zugleich Blutslinien mit Leerstellen - für, wie und warum auch immer, verschwundene Menschen.

Ihre Fotoserien hätten keine Botschaft, behauptet die New Yorkerin. Sie sei keine Sozialkundlerin und auch keine Abgesandte der Uno. Wichtig sei ihr nur "das Nachspüren und Erforschen von Zusammenhängen." Und doch haben diese merkwürdigen, nüchtern konstatierenden Bildkapitel eine beklemmend politische und soziale Wirkung.

Illusionslos und verloren

Das Porträtarchiv von Kindern eines Waisenhauses in der Ukraine etwa geht, fern aller Rührseligkeit, tief unter die Haut. Die Mädchen und Jungen zwischen Sechs und Sechzehn schauen illusionslos und verloren in die Kamera. Allein die Art der Frisuren schafft ein wenig Individualität, ein paar aufmüpfig gegelte Haarsträhnen, ein trotziger Pony, ein grelles Schleifchen. Nur ein einziges Kind, so liest man in den Dokumenten rechts der Porträts, bekam im Zeitraum von einem Jahr Adoptiveltern. Nach dem 16. Geburtstag müssen die Jugendlichen das Heim verlassen, viele rutschen ab in die Kriminalität, um zu überleben. Die Suizidrate ist hoch. Daneben, quasi als Fußnote, Aufnahmen von den trostlosen, armseligen Schlafsälen des Heims: streng angeordnet die schmalen Betten, braungemustert die Tagesdecken der Jungen, smaragdgrün, mit Rüschen die der Mädchen. Kein Quadratmeter Privatsphäre. Nirgends.

In Bosnien fotografierte Taryn Simon Mütter und Väter, deren Söhne Opfer des Völkermords wurden. Neben die Porträts der Lebenden setzt sie Aufnahmen von den Überresten der Toten: Knochenstückchen, Zähne. Eine Blutlinie des Grauens, das bosnisch-serbische Soldateska im Juli 1995 angerichtet hatte.

Aus düsteren, aber leider universal zu lesenden Familiengeschichten sind stille, seltsam distanzierte Porträts entstanden, eine absurde Ordnung im Chaos des Unrechts, oft über drei, vier Generationen hinweg. Simon dokumentiert Missstände, Korruption, Verbrechen - ohne direkt anzuklagen. Gerade der distanzierte, nüchterne Stil der Bildtableaus aber reißt Abgründe auf. Dieser Stil fragt, warum die Welt das alles duldet. Die Antwort ist: aus Gleichgültigkeit. Sie ist das schlimmste aller Verbrechen.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50. Bis 1. Januar 2012. Di- Fr 10-18/Do bis 22, Sa+So 11-18 Uhr. Der Katalog (800 S., 1000 Abb.) kostet im Shop 60 Euro.

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