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Ladeninhaber am BER: Die Schmerzgrenze ist erreicht

Béatrice Posch und der Sorgenfresser: Die Spielzeugladeninhaberin wollte auf dem Flughafen ein Geschäft eröffnen. Jetzt droht ihr das Geld auszugehen.

Béatrice Posch und der Sorgenfresser: Die Spielzeugladeninhaberin wollte auf dem Flughafen ein Geschäft eröffnen. Jetzt droht ihr das Geld auszugehen.

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Markus Wächter

Berlin -

Sorgenfresser heißt die Puppe mit den großen Augen. Eltern kaufen sie ihren Kindern, damit sie ihre Ängste, notiert auf einem Stück Papier, dem Kuschelmonster in den Mund stecken. Béatrice Posch verkauft den Sorgenfresser in ihrem Spielwarenladen „Die kleine Gesellschaft“ in Prenzlauer Berg. Ihre eigenen Sorgen sind mittlerweile so groß, dass sich die kleine Puppe an ihnen verschlucken würde. Posch ist eine der etwa 150 neuen Mieter, die im Terminal des Hauptstadtflughafens einen Shop eröffnen wollten. Sie trifft das BER-Debakel ganz besonders heftig, denn sie gehört zu den kleinsten Händlern.

„Durch die neue Verschiebung wird es existenzbedrohend für mich“, sagt die 41-jährige Inhaberin, die in ihrem Hauptgeschäft und einer Filiale in Mitte gerade einmal drei Mitarbeiter beschäftigt. „Der Laden auf dem Flughafen war schon per 3. Mai 2012 fertig eingerichtet, samt funktionierendem Brandschutz“, sagt Béatrice Posch. Die fünf neuen Mitarbeiter, extra eingestellt für die BER-Filiale, musste sie im Juni wieder entlassen. Jetzt wird es finanziell eng für die Händlerin, weil Kredite für die Ladeneinrichtung bezahlt werden müssen, ohne dass sie von Einnahmen gedeckt sind. Zusätzlich habe sie viel Eigenkapital investiert. Allein 6 000 Euro musste sie an Stornokosten für bestellte Ware bezahlen. „Davon wurde nichts übernommen, obwohl die Politik unbürokratische Hilfe versprochen hatte“, sagt sie.

Entschädigungszahlungen für betroffene Firmen gab es bisher nicht. Die frühere Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz (parteilos) hatte im vergangenen Jahr angekündigt, die Investitionsbank IBB werde in Not geratenen Unternehmern mit zinslosen Überbrückungsdarlehen unter die Arme greifen. Später stellte sich heraus, dass die IBB nur in ganz wenigen Fällen begrenzt helfen kann, weil sie laut Satzung Einzelhändler und Gastronomen gar nicht unterstützen darf.

Die Frist läuft ab

Besonders schlimm getroffen sind kleine Unternehmen, heißt es. Denn nur, wer viele Filialen anderswo hat, kann die Verluste zum Teil auffangen. Durch die erneute Verschiebung der Airporteröffnung rechnen Experten mit einer Welle an Schadenersatzklagen. In den Verträgen, die die Händler mit der Flughafengesellschaft abgeschlossen haben, ist Schadensersatz bei Terminverschiebungen bis zu 18 Monaten ausgeschlossen.

Doch die Frist läuft nun aus. „Sie ist an die Übergabe der Räume geknüpft“, erklärt Rechtsanwalt Ralf Leinemann, der neben Bauunternehmen auch zwei der Händler vertritt. Bei den meisten Verträgen würde die Frist im ersten Halbjahr auslaufen, weil viele Verkaufsflächen vor etwa einem Jahr an die Mieter übergeben wurden, sagt er. Danach seien Schadenersatzansprüche eindeutig. Allerdings, so Leinemann, sei gar nicht klar, ob die Klausel überhaupt wirksam ist. „Ich habe da erhebliche Zweifel“, sagt er. Der Jurist will die Regelung insgesamt anfechten. Sollten er und andere Anwälte Erfolg haben, kämen Millionenforderungen auf den Flughafen zu.

Für Mieter, die teure Maschinen anschaffen mussten, gibt es ein besonderes Problem. „Die eingebaute Technik hat vielfach schon die Gewährleistungsfrist erreicht“, sagt Nils Busch-Petersen, Geschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. Bei den Geräten, die noch nie in Betrieb waren, läuft also die Garantie ab. Und zu allem Überfluss stauben sie ein, weil auf dem Flughafen weiter gebaut wird. „Das ist für viele ein größeres Problem, als das Personal, das sie entlassen mussten“, sagt er. Zusätzlich seien einige Unternehmen bedroht, weil die Eigenkapitaldecke im Einzelhandel traditionell gering sei, sagt Busch-Petersen. „Große Filialisten können so etwas meist leichter abfedern.“

Anwalt Ralf Leinemann sieht derzeit wenig Chancen, dass der Flughafen den Händlern hilft. „Nach meinem Eindruck haben die Mieter keine große Priorität, weil die Mehrkosten auf der Baustelle zig mal größer sind“, sagt er. Dennoch, fordert er, müsse der Flughafen wenigstens die Kosten für Einrichtung und Geräte übernehmen. „Das wäre unbürokratische Soforthilfe, die die Not lindern würde.“

Flughafen-Sprecher Lars Wagner weist diese Darstellung zurück. Die Probleme der Händler würden ernst genommen. „Wir stehen mit den Mietern in Kontakt, um individuelle Lösungen zu erarbeiten“, sagt er. Ob die Flughafengesellschaft in Not geratenen Händlern finanzielle Hilfe anbieten wird, ließ Wagner aber offen.

Béatrice Posch hat nach eigenen Angaben bislang gar keine Unterstützung bekommen. „Ich hoffe auf ein Entgegenkommen“, sagt sie. An Klagen denkt sie aber noch nicht, sie hofft auf eine gütliche Einigung.


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