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Lassen Sie uns über Berlin reden (VIII): „Sobald ich den Fernsehturm sehe, bin ich zu Hause“

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„Engel der Obdachlosen“ wird Jenny de la Torre manchmal genannt. Sie mag das nicht. „Ein Engel bin ich nicht, auch nicht Mutter Teresa. Ich bin Ärztin.“
„Engel der Obdachlosen“ wird Jenny de la Torre manchmal genannt. Sie mag das nicht. „Ein Engel bin ich nicht, auch nicht Mutter Teresa. Ich bin Ärztin.“
Foto: BLZ/Lars Reimann
Berlin –  

Die peruanische Ärztin Jenny de la Torre über ihre Obdachlosenhilfe, das Leben zwischen zwei Ländern und ihr erstes Wort auf Deutsch.

Frau de la Torre, was hatte der Patient, der zuletzt bei Ihnen war?

Der Mann hatte Krätze, eine typische Obdachlosenkrankheit.

Was haben Ihre anderen Patienten normalerweise?

Viele haben Läuse, Krätze und jetzt im Winter auch Schleppe, das ist eine Hautkrankheit, bei der sich Schorf auf der Haut bildet, unter dem sich Eiter sammelt.

Ekeln Sie sich vor so etwas?

Nein, das ist mein Beruf, ich habe gelernt, damit umzugehen.

Aber viele andere ekeln sich, wenn sie Verwahrlosten begegnen…

Man kann zum Beispiel die Luft anhalten oder das Fenster öffnen. In der alten Praxis am Ostbahnhof ging das nicht, da gab es kein Fenster. Manchmal musste ich rausgehen.

Die Leute haben ja nicht nur Läuse und Krätze…

Natürlich. Viele haben innere Erkrankungen, Leberzirrhose, Magengeschwüre, chronische Durchfälle, Asthma, Bronchitis, Angina. Einige Leute warten lange, bevor sie zum Arzt gehen. Wir sehen hier auch Verbände mit Maden und in Wunden eingewachsene Socken. Die Menschen sind verwahrlost. All diese Erkrankungen haben mit der Straße zu tun. Aber die seelischen Erkrankungen sind noch viel größer.

Arbeitet deshalb bei Ihnen auch eine Psychologin?

Ja, um solche Menschen zu betreuen, reicht rein ärztliche Betreuung nicht aus. Bei uns arbeiten eine Sozialpädagogin und auch zwei Anwälte, die ehrenamtlich hier sind. Wer arm ist und kein Hartz IV bekommt und deshalb schwarz fährt, hat ein juristisches Problem. Die Strafe verwandelt sich irgendwann in eine Gefängnisstrafe.

Können Sie erklären, warum Menschen obdachlos werden?

Jeder hat eine eigene Geschichte. Viele fangen vor allem mit Mietschulden an, mit Arbeitslosigkeit, mit Trennung, mit einer Entlassung aus dem Gefängnis ohne ein Resozialisierungsprogramm. Auch Gewalt spielt eine Rolle, dazu kommen Haltlosigkeit und Strukturlosigkeit. Am Ende bindet das Überleben auf der Straße so viel Energie, dass keine Energie mehr bleibt, um von der Straße wegzukommen.

Jenny de la Torre

Jenny de la Torre, Jahrgang 1954, wuchs in einem kleinen Dorf in Peru auf. Mitte der 70er-Jahre begann sie ein Medizinstudium in der Hauptstadt Lima. 1976 ging sie in die DDR, nach einem Medizinstudium in Leipzig begann sie 1983 ihre Facharztausbildung zur Kinderchirurgin an der Charité. 1994 nahm sie eine Stelle in einer Praxis am Ostbahnhof an, in der Obdachlose kostenlos behandelt wurden.

Ihr Engagement machte sie weit über Berlin hinaus bekannt, 1997 erhielt sie dafür das Bundesverdienstkreuz. Als die Stundenzahl ihrer Stelle 2003 reduziert werden sollte, kündigte sie und gründete eine Stiftung – vom Preisgeld der ihr verliehenen Goldenen Henne. Seit 2006 betreibt die Stiftung ein Gesundheitszentrum für Obdachlose an der Pflugstraße 12 in Mitte.

Seit 2006 betreiben Sie ein Gesundheitszentrum für Obdachlose in Mitte. Wie viele Leute arbeiten dort?

Dort arbeiten 31 Leute, 21 von ihnen ehrenamtlich, zehn davon sind Ärzte. Ich bin fest angestellt. Wir haben unter anderem Dermatologen und Orthopäden, eine Augenärztin und eine Zahnärztin. An einem Tag in der Woche ist eine Friseurin da, wir haben eine Kleiderkammer und einen Speiseraum, in dem zwei Mahlzeiten am Tag serviert werden. Dort hatten wir auch eine Weihnachtsfeier für die Obdachlosen, etwa 60 Leute waren da.

Bieten Sie all das an, weil Sie Klienten haben, die ihr Leben nicht allein organisieren können?

Genau. Unsere Patienten sind meistens mehrfach erkrankt, da weiß man oft nicht, wo man anfangen soll. Viele haben auch Verletzungen, oft ist Gewalt im Spiel, die Leute gehen ja auch nicht zimperlich miteinander um.

Ist es Ihr Ziel, die Leute von der Straße wegzubekommen?

Ja, das ist das Einzige, das hilft. Je länger die Leute obdachlos sind, desto kränker sind sie.

Ist es denn realistisch zu glauben, dass die Leute wieder eingegliedert werden können?

Das ist es schon. Ich habe vor Kurzem einen Fotografen getroffen, bei dem ich die ganze Zeit überlegt habe, woher ich ihn kenne. Er hat mich schließlich gefragt: Erkennen Sie mich nicht? Das war mal mein Patient, und inzwischen ist er selbstständig. Wenn das kein Geschenk ist! Solche Geschichten kann man aber nicht in Zahlen fassen.

Was bekommen Ihre Patienten bei Ihnen?

Neben der Behandlung vor allem Zuwendung. Wir kommen nicht mit erhobenem Zeigefinger. Hier finden sie Partner, die auf Augenhöhe mit ihnen arbeiten. Natürlich gibt es auch Leute, die wir kaum erreichen.

Wie beurteilen Sie die staatlichen Hilfsangebote für Obdachlose?

Gut, dass es sie gibt. Aber es gibt diese Hilfe nicht sofort, und sie hat einen bürokratischen Ablauf. Natürlich hat auch ein Obdachloser Anspruch auf soziale Leistungen. Aber dafür muss er einen Ausweis haben, eine Adresse, er muss Unterlagen ausfüllen, vielleicht Scheidungspapiere vorlegen und seine Mittellosigkeit nachweisen. Bis es Geld gibt, dauert es aber mindestens sechs Wochen. Was macht der Obdachlose in der Zeit? Was, wenn er krankt wird? Wovon lebt er? Inzwischen bekommen wir sogar von den Ämtern Leute, weil sie ihnen im Moment auch nicht helfen können.

Sie meinen, dieses Zentrum ist ein Baustein, den diese Gesellschaft auch braucht?

Ich denke schon. All das ist eine Reaktion auf die Not. Was ich gesehen habe am Ostbahnhof, als ich angefangen habe – ich bin sprachlos gewesen, in welchem Zustand Menschen leben können. Ich dachte, in Deutschland kann niemand aus dem sozialen Hilfesystem fallen. Ich dachte, dass jeder ein Recht hat, Hilfe zu bekommen, ein Dach über dem Kopf, eine Krankenversicherung und Geld. Aber es sind so viele, die aus dem System fallen.

Haben Sie Patienten, die freiwillig auf der Straße leben?

Ich kenne zwei, drei Leute, die das tun, aber das sind echte Aussteiger. Die anderen, die sagen, sie leben freiwillig auf der Straße, sagen das, um ihre Würde zu behalten. Wer so lebt, tut meist so, als sei das freiwillig. Anders ist das sonst nicht zu ertragen.

Wenn Sie jemand anschnorrt – geben Sie dann Geld?

Je nachdem… Wenn ich ein bisschen Zeit habe, dann ja. Aber ich kann natürlich nicht bei jedem anhalten. Wen ich kenne, den grüße ich und rede mit ihm.

Wollten Sie schon immer Ärztin werden?

Ja, ich habe schon als Kind Ärztin werden wollen, um anderen zu helfen.

Warum haben Sie Peru verlassen und sind in die DDR gekommen?

Als ich mein Medizinstudium begann, schickte eine Kommilitonin eine Postkarte aus Rostock. Sie hatte über die DDR-Botschaft ein Stipendium bekommen. Wir waren mehrere, die sagten: Das machen wir auch. Am Ende wollten die anderen nicht mehr, nur ich blieb dabei.

Konnten Sie Deutsch, als sie 1976 in die DDR kamen?

Nur ein einziges Wort: Milch. Das hatte ich irgendwo gelesen und mir gemerkt, es war dem Englischen so ähnlich. Ich habe dann zuerst am Herder-Institut in Leipzig Deutsch gelernt.

Haben Sie auch gesächselt?

Ja, sogar richtig. Als ich später nach Berlin an die Charité kam, hieß es, ich solle erstmal Deutsch lernen.

Wollten Sie nie zurück nach Peru?

Doch, natürlich wollte ich so schnell wie möglich zurück. Nach dem Studium bin ich auch nach Peru zurückgekehrt. Aber ich hätte Jahre gebraucht, um dort als Ärztin anerkannt zu sein. Also bin ich nach Deutschland zurück. Ich habe es später noch einmal versucht – wieder vergeblich.

Haben Sie eigentlich die deutsche Staatsbürgerschaft?

Nein, ich bin Peruanerin. Peru ist meine Heimat, da sind meine Eltern, meine Geschwister. Aber Deutschland ist auch meine Heimat. Ich liebe es genauso. Ich denke, man merkt erst wie viel einem etwas bedeutet, wenn es nicht da ist. Wenn ich in Peru bin, vermisse ich Deutschland.

Was vermissen Sie da?

Alles, meine Freunde, das ist ja meine Welt. Aber wenn ich dort Deutsche sehe, freue ich mich immer, ich denke dann: Oh, das sind Deutsche, schaut mal, ich bin hier. Aber die kennen mich ja gar nicht. Ich habe zwei Länder.

Mögen Sie Berlin?

Ja. Sobald ich den Fernsehturm sehe, bin ich zu Hause. Die Stadt ist schön, ich weiß, mit welcher Laune ich wohin gehen kann. Auch die Umgebung ist wunderschön.

Haben Sie sich in all den Jahren Ihrer Arbeit verändert?

Nein, ich glaube nicht. Ein Bekannter, der mich 20 Jahre nicht gesehen hatte, sagte vor Kurzem, ich sei genau wie früher. Aber ich bin erfahrener geworden im Beruf und als Mensch natürlich auch.

***

Das Gespräch führten Claudia Fuchs und Julia Haak.

Alle Interviews aus unserer Reihe "Lassen Sie uns über Berlin reden" finden Sie auf berliner-zeitung.de/reden

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