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Lassen sie uns über Berlin reden: Provokante Thesen eines Berliner Schulleiters

Jens Großpietsch, Schulleiter in Moabit. Er ist Raucher, raucht aber nicht in der Schule. Früher hat er Rugby gespielt.

Jens Großpietsch, Schulleiter in Moabit. Er ist Raucher, raucht aber nicht in der Schule. Früher hat er Rugby gespielt.

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berliner zeitung/lars reimann

In dieser Schule gibt es keine Tafeln, keine Klingel und der Direktor der Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule in Moabit hat noch nicht mal ein eigenes Büro. Jens Großpietsch gilt als strenger Schulleiter, ständig überprüft er, ob seine Schüler die verlangten Lernstandards erreichen. Als er 1975 als Referendar an die Schule kam, mit den 68er-Idealen, die er im Studium erworben hatte, musste er seine Vorstellung vom Unterricht „um nahezu 180 Grad“ revidieren, wie er sagt. Damals war die Schule eine Problemschule mit überdurchschnittlich vielen Familien, die von der Sozialhilfe lebten. Anfang der 80er hatte die Schule zwei Jahre lang keinen Schulleiter, 1988 gab es nur noch sieben Schüleranmeldungen. Jens Großpietsch änderte das. Inzwischen gehört die Schule zu den begehrtesten Oberschulen Berlins.

Herr Großpietsch, Sie haben bei Günther Jauch öffentlich gesagt, dass etwa die Hälfte der Berliner Lehrer falsch im Beruf sei. In ihrem Lehrerkollegium haben Sie sich damit sicher nicht beliebt gemacht.

Na ja, am nächsten Tag kam ein Kollege und sagte, es seien sogar 70 Prozent der Lehrer. Aber klar habe ich viele erboste Briefe von Lehrern und Schulleitern erhalten. Und es gab die Forderung, dass der Schulrat disziplinarisch gegen mich vorgehen möge. Aber es gab viel zustimmende Post von Menschen außerhalb des Schulsystems.

Wie begründen Sie Ihre Kritik?

Wenn man wie ich eine andere Form von Schule will als die übliche 0815-Schule, dann sind viele Lehrer darauf heute nicht vorbereitet.

Was meinen Sie mit 0815-Schule?

Da unterrichten die Lehrer Fächer und nicht Kinder. Wer nicht mitkommt, ist selbst schuld. Der Lehrer sollte aber die Stärken und Schwächen des Schülers kennen und die Stärken stärken und die Schwächen schwächen. Das Grundproblem ist, dass jeder ein Lehramtsstudium aufnehmen kann, ohne dass er in irgendeiner Form darauf hingewiesen wird, was auf ihn zukommt. Es findet kein Eignungstest statt. Erst nach Studium und Referendariat wird für einen Lehrer die Frage konkret, ob er überhaupt Lust hat, mit Kindern und Jugendlichen zusammenzuarbeiten. Erst dann zeigt sich, dass viele Lehrer für den Beruf nicht wirklich geeignet sind. Wenn die Pilotenausbildung so wäre, würde ich in kein Flugzeug steigen.

Wie war das denn, als Sie 1975 als Referendar an die Heinrich-von-Stephan-Schule gekommen sind?

Wenn man wie ich in diesen Jahren in West-Berlin auf Lehramt studierte, dann schlug das Herz ziemlich weit links. Ich hatte die Vorstellung, dass wir die Arbeiterkinder in eine glückliche Zukunft führen. Deshalb wollten viele von uns an Schulen in Arbeiterquartieren wie Moabit gehen. Gerne an Hauptschulen. Ein Zehlendorfer Gymnasium wäre für mich nicht in Frage gekommen.

Diese Lehrergeneration geht derzeit in Pension.

Ja, und wir hatten eine völlig falsche Vorstellung von den Kindern und Jugendlichen, die da auf uns zukommen. Interesse an politischen Veränderungen hatten die zum Beispiel gar nicht. Obwohl das damals in Moabit noch vornehmlich Kinder aus deutschen Familien waren, trafen wir auf eine völlig andere Kultur. Ein Beispiel: An einem Sonnabend – da war damals Schule – prügelten sich zwei Jungs aus meiner Klasse vor der Schule. In der Klasse saßen die nebeneinander und ich hab’ mir das ganze Wochenende überlegt, ob ich die jetzt auseinandersetzen muss. Als die am Montag wieder in die Schule kamen, war für die alles erledigt. Man prügelt sich halt mal.

Sie sind mehr als 25 Jahre Schulleiter hier. Wie haben Sie es geschafft, aus einer gescheiterten Hauptschule eine derart beliebte Gemeinschaftsschule zu machen?

Es hängt nicht nur vom Schulleiter ab. Der erste Baustein waren die zehn, fünfzehn Kollegen, die alle etwas verändern wollten. Dazu kam die Bereitschaft, neue pädagogische Ansätze auszuprobieren: stärker auf den einzelnen Schüler einzugehen, ihnen mehr Mitbestimmungsrechte einzuräumen und mehr Gruppenarbeit – weg vom Frontalunterricht. Wir haben Verschiedenes ausprobiert und haben dann geschaut, ob es was bringt. So haben wir über viele Jahre dazugelernt, eigentlich bis heute.

Gibt es so etwas an anderen Schulen nicht?

Sicherlich auch. Es ist aber immer die Frage, wie man mit den Erkenntnissen umgeht. Ob man im Kollegium offen darüber diskutiert. Das machen wir. Und wir machen noch etwas anderes: Wir versuchen, mittels statistischer Aufzeichnungen herauszubekommen, mit welchen Kenntnissen die Schüler zu uns gekommen sind und wie es nach ein oder zwei Jahren aussieht. Welche Lernfortschritte hat der Schüler zum Beispiel in der Rechtschreibung gemacht. Dann kann kein Lehrer mehr sagen, dass seine Schüler ja schon anfangs viel schlechter gewesen seien. Herauskommen kann, dass der Lernfortschritt in der einen Klasse viel größer ist als in der anderen Klasse.

Was machen Sie denn, wenn es bei einem Lehrer nicht gut funktioniert?

Mitunter stimmt das Unterrichtsprinzip selbst nicht. Deshalb haben wir das in Berlin derzeit sehr angesagte Lernbüro-Prinzip abgeschafft. Da konnten sich die Schüler aussuchen, was sie lernen wollten. Wenn Sie Lust auf Mathematik hatten, machten sie mittels kleiner Karteien und anderer Materialien selbstständig Mathematik. Jetzt machen wir wieder fachorientierten Unterricht. In Deutsch, Englisch und Mathe. Aber es kann auch am Unterricht des Lehrers liegen, der nicht funktioniert. Gerade vergangenes Schuljahr wollte ich deshalb mehrere Kollegen loswerden. Aber das geht nicht so einfach.

Was ist das Problem?

Sie können versuchen, dass diese Lehrer an eine andere Schule gehen. Das Problem ist aber, dass ich dann bis zum Schuljahresende keinen Ersatz kriege. Die anderen Kollegen müssten deren Arbeit übernehmen. Diese problematischen Lehrer müssten eigentlich aus dem Schuldienst raus, weil sie mit Kindern nicht umgehen können. Sie schaffen es nicht, mehr als zwei oder drei Kinder in einer Klasse überhaupt einzubinden oder gar zu begeistern. Sie wechseln irgendwann an andere Schulen, wo das Problem dann wieder auftritt. „Wanderpokale“ nennt man solche Lehrer.

Zur Zeit kommen sehr viele junge Lehrer an die Schule, die nicht mehr wie Sie verbeamtet werden, sondern als Angestellte arbeiten. Wie nehmen Sie diese neue Generation wahr?

Mitunter habe ich den Eindruck, dass es heute in erster Linie gute und schlechte Lehrer gibt, aber kein solides Mittelfeld mehr. Ich bin immer fassungslos, wenn ich die Bewerber bei den zentralen Lehrercastings erlebe.

Was genau macht Sie fassungslos?

Die sagen, sie wollen nur an einer Schule maximal zehn Minuten von ihrem Wohnort entfernt eingesetzt werden. Wenn so jemand umzieht, soll dann die Schule mitumziehen? Oder die sprechen vor 20 Reihen und in der dritten Reihe höre ich die schon nicht mehr. Dass die aufgeregt sind, weiß ich, aber den Stress, den die beim Casting haben, haben die später auch vor einer Klasse.

Was ärgert Sie an solchen Kandidaten?

Ich nehme Sie nicht.

Aber was ärgert Sie?

Mich ärgert, dass diese Leute so auftreten. Mit dieser Anspruchshaltung würde ich in dem Gehaltssegment in der freien Wirtschaft nirgendwo einen Job kriegen.

Was ist denn ein guter Kandidat?

Der gute Kandidat sagt, ich habe in meinem Studium mit den und den Kindern gearbeitet, ich möchte pädagogisch das und das, ich würde gerne an eine Schule, die so und so aussieht und folgende Schulen habe ich mir angeguckt. Von achtzig sind das aber einer oder zwei.

Wie hat sich die Erwartungshaltung der Eltern an die Schule in den vergangenen dreißig Jahren verändert?

Früher hieß es, die Schule macht das schon. Die Eltern haben nicht versucht, die Inhalte schulischer Arbeit mitzubestimmen. Heute mischen sie sich ein.

Gerade türkischstämmigen Eltern, von denen sie viele haben, sagt man doch nach, dass sie sich in schulische Dinge zu wenig einmischen.

Für arabische Eltern galt das auch lange. Aber das hat sich sehr verändert. Da wird vieles hinterfragt. Gerade das Interesse an reformpädagogischen Angeboten hat zugenommen. Die Eltern reden viel miteinander. Früher war der Ruf einer Schule gut oder schlecht und es hat sieben, acht Jahre gedauert, bis sich rumgesprochen hatte, dass es nicht mehr so gut oder schlecht ist.

Wie haben Sie die Zeit wahrgenommen, als nach 1989 die Lehrer aus dem Osten in das Gesamtberliner Schulsystem kamen?

Nach ’89 sollte ich Schulleiter in Ost-Berlin beraten. Im wesentlichen waren das Sport- und Naturwissenschaftslehrer, die schienen unverdächtig. Da gab es ein paar Schlüsselerlebnisse. Die haben in erster Linie handfeste Fragen gestellt. Zum Beispiel: Welche Taschenrechner sollen wir für die Schüler kaufen? Unsere Antwort war: Na die, die am billigsten sind. Damit konnten die gar nicht umgehen, weil in der DDR nur ein Modell eingesetzt wurde. Der SR1. Gleichzeitig kam anstatt der DDR-Einheitsschule das gegliederte Schulsystem aus Haupt-, Realschule und Gymnasium. Das heißt, die hatten plötzlich eine Konzentration von Schülern, die sie so noch nie erlebt hatten. Die wurden nach zwanzig Jahren Berufserfahrung in eine Situation gestellt, die pädagogisch völlig neu war.

Zum Alltag eines Schulleiters: Was machen Sie am liebsten?

Am liebsten unterrichte ich.

Und was machen Sie gar nicht gerne?

Die Hälfte der offiziellen Sitzungen, die außerhalb der Schule stattfinden. Mindestens die Hälfte.

Sie sind ein Fan der autonomen Schule?

Ich finde es in Ordnung, dass eine Schule in ihren Ergebnissen rechenschaftspflichtig ist. Aber diese tausend Regularien, mit denen Schulen überhäuft werden, die sind völlig unbrauchbar. Mein Vorschlag an die Schulsenatorin ist, dass man drei Schulen nimmt, möglichst auch unsere, die keine Verordnungen zugeschickt kriegen und nicht zu zentralen Konferenzen müssen. Nichts. Die arbeiten einfach vor sich hin. Dazu nimmt man drei andere Schulen, an die setzt man Schulrechtler und achtet darauf, dass alles nach der letzten Verordnung läuft. Drei Jahre später gucken Fachleute von außen, wie sich die Schulen entwickelt haben.

Gute Idee. Können Sie aber erstmal drei Beispiele aus den tausend Verordnungen nennen?

Alle naselang wird der Rahmenplan geändert, in dem steht, was den Schülern beigebracht werden soll. Zum Beispiel in Mathe. Aber es gibt nicht einmal einen Mindeststandard. Also was jeder, der die Schule verlässt, können soll. Von Umgangsformen und Pünktlichkeit mal abgesehen wären das Grundwortschatz, Grundrechenarten und Basiswissen in Geschichte. Das gibt es in Berlin überhaupt nicht.
Wieso nicht?Der wird einfach nicht formuliert.

Werden Lehrer eigentlich bequem, weil sie quasi unkündbar sind?

Es gibt ja diesen Spruch: Vormittags habe ich recht, nachmittags habe ich frei, aber diese Zeiten sind mit zunehmenden Ganztagsschulen vorbei. Dazu kommt die Inklusion, also der gemeinsame Schulbesuch von behinderten und nichtbehinderten Kindern. In Berlin passiert da gerade der Super-GAU.

Was passiert denn?

Die Mittel werden immer weiter gekürzt. Die Vorstellung, dass ein Lehrer mit einem ADHS-Kind oder einem emotional-sozial gestörten Kind lernt umzugehen, die finde ich in Ordnung. Aber wenn jemand Tourette-Syndrom hat oder Autist ist, dann kann ich von einem Kollegen nicht erwarten, dass er da Fachmann oder Fachfrau ist. Wenn da die Begleitung gekürzt wird, und die ist an unserer Schule in diesem Schuljahr um 50 Prozent gekürzt worden, dann geht das nicht mehr. Ein Schüler, der rundum eine Betreuung braucht, weil er nahezu orientierungslos durch die Schule irrt, den kann man nicht alleine lassen. Der hat zehn Stunden Betreuung, aber der ist über dreißig Stunden in der Woche hier. Wenn man da kürzt, macht man das Projekt kaputt. Das ist für mich unbegreiflich.

Das Gespräch führten Annett Heide und Martin Klesmann.

Hier finden Sie alle Interviews der Serie Über Berlin Reden.