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Leben mit Behinderung in Berlin: Von fehlenden Aufzügen und anderen Ärgernissen

Noch rund ein Prozent Sehkraft ist Matthias Groß geblieben. Deshalb begleitet ihn Blindenführhündin Bonja durchs Leben – und natürlich auch zur Arbeit bei den Berliner Verkehrsbetrieben.

Noch rund ein Prozent Sehkraft ist Matthias Groß geblieben. Deshalb begleitet ihn Blindenführhündin Bonja durchs Leben – und natürlich auch zur Arbeit bei den Berliner Verkehrsbetrieben.

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Gerd Engelsmann

Matthias Groß kommt uns auf dem Flur der BVG-Zentrale entgegen, allein, mit sicherem Schritt. Dass er fast blind ist, kann man schnell übersehen. Manchmal, sagt er, seien die Leute überrascht, weil er sich so gut zurecht- findet. Das gehe nur auf sicherem Terrain, erklärt er. Als wir sein Büro betreten, erhebt sich Blindenführhündin Bonja schwanzwedelnd von ihrer beigen Decke.

Herr Groß, wie sind Sie heute morgen zur Arbeit gekommen?

Ziemlich unspektakulär: Ich muss 12 bis 15 Minuten zum S-Bahnhof Köpenick laufen. Seit zwei Jahren bewege ich mich jetzt mit Bonja durch die Stadt, sie führt mich zur Treppe, zur S-Bahn, zum Sitzplatz.

Machen Ihnen die Leute Platz auf der Straße?

Eigentlich soll sich Bonja den Weg bahnen, das ist ihre Aufgabe. Aber mit Hund machen die Leute automatisch Platz. Wir haben ein gutes Lauftempo, was auch daran liegt, dass ich ihr 100-prozentig vertraue. Bonja ist wie eine Rundumleuchte – sie sieht für mich. Sie guckt ja auch nach oben und unten.

Die meisten Blinden haben einen Blindenstock. Warum haben Sie einen Hund?

Wenn ich heute an eine Baustelle komme und Bonja sage „Such Weg“, dann sucht sie für mich den Weg. Das kann ein Stock nicht. Wenn dieser Tag X kommen sollte, an dem ich gar nichts mehr sehe, kann ich mich auf Bonja verlassen.

Wie viel können Sie noch sehen?

Halten Sie sich mal zwei Fäuste ganz nah vor die geöffneten Augen – so in etwa ist das. Rechts sehe ich noch 0,8 Prozent, links 1,2 Prozent. Das klingt nicht so viel, oder?

…überhaupt nicht.

Wenn ich Sie jetzt anschaue, kann ich ihr Gesicht gar nicht sehen, ich sehe nur etwas punktuell am Rand. Aber mein Gehirn baut sich aus diesen Informationen und der Stimme und ihrem Auftreten ein Bild zusammen.

Sie sind sehend zur Welt gekommen. Welche Krankheit haben Sie?

Ich leide unter Makula-Degeneration, dabei löst sich die Netzhaut vom Auge. Eigentlich bekommen das meist Ältere, aber bei mir fing es schon mit sechs Jahren an. Die Krankheit ist erblich, meine Schwester hat das auch, meine anderen zwei Geschwister nicht.

Ist es tröstlich, Ihre Krankheit mit Ihrer Schwester zu teilen?

Nein, das nicht. Aber wir können einander helfen. Sie hat den Bruder von Bonja als Blindenführhund.

Gibt es keine Medikamente gegen die Ablösung der Netzhaut?

Nein, da fehlt der Markt. Junge Menschen wie ich sind ganz selten betroffen. Da forscht niemand.

Sie sagen das so ohne Zorn…

Über diese Phase bin ich hinweg. Ich hatte lange Zorn auf die Pharmaindustrie und habe mich immer gefragt: Warum ich? Warum nicht jemand anderes? Inzwischen lebe ich damit. Ich kann es nicht ändern. Und ich will mir mein Leben nicht von der Krankheit bestimmen lassen. Mein Leben soll die Krankheit dominieren. Ich gehe Fallschirm springen, vor Kurzem bin ich Gokart gefahren. Mit meinem Mann reise ich auch viel in der Welt herum. Er beschreibt mir, was er sieht.

Haben Sie nicht Tag X ständig im Hinterkopf?

Nein, das wäre wie russisches Roulette. Ich versuche, den Gedanken daran in die hinterste Schublade zu stecken. Es liegt ja nicht in meiner Macht. Also genieße ich jeden Tag. Er könnte der letzte sein, an dem ich etwas sehe.

Was macht ein Beauftragter für Fahrgäste mit Behinderungen und Senioren bei der BVG?

Ich bin die Schnittstelle zwischen den Behindertenverbänden, den Fahrgästen und der BVG. Bei mir landen sowohl Beschwerden als auch Vorschläge, was besser oder anders gemacht werden sollte. Ich bin zum Beispiel Mitglied in einem Projekt, dass eine App-basierte Lösung entwickelt, um blinde Menschen im öffentlichen Raum – also auch in Bus und Bahn – zu navigieren. Wir sind zwei Beauftragte, wir sind auch dabei, wenn neue Fahrzeuge angeschafft werden, es muss ja besprochen werden, worauf alles geachtet werden muss.

Was kann ein Unternehmen wie die BVG für behinderte Menschen tun?

Die Barrierefreiheit zu fördern, zum Beispiel mit Aufzügen. Wir haben in Berlin 173 U-Bahnhöfe, davon haben 108 einen Aufzug.

Das klingt viel. Aber wenn man an einem Bahnhof ohne Aufzug wohnt, aber auf einen angewiesen ist, nützt das nichts…

Das stimmt. Wir geben unser Bestes, damit bis 2022 erst einmal alle Bahnhöfe einen Aufzug haben. Oft reicht das Angebot an Aufzügen auch nicht aus. Nehmen Sie den U-Bahnhof Alexanderplatz mit seinen drei U-Bahn-Linien. Dort gibt es Fahrstühle, mit denen braucht man gefühlt 20 Minuten, bis man oben ist. Die Situation ist sehr gewöhnungsbedürftig. Aber Fahrstühle sind ja nicht nur für Rollstuhlfahrer da, sondern auch für Menschen mit Gepäck, Kinderwagen oder Fahrrädern. Da staut es sich schon mal.

Merken Sie in Ihrer Arbeit, dass die Zahl der Touristen angestiegen ist?

Eher nicht. Klar beschwert sich schon mal ein Rollstuhlfahrer, der nicht in den Bus reingekommen ist, weil der voll war. Aber wenn ein Bus voll ist, betrifft das auch Fahrgäste, die nicht behindert sind.

Welche Behinderung macht für die BVG am meisten Aufwand?

Jede Behinderung ist anders. Ein Rollstuhlfahrer braucht einen Fahrstuhl und eine Rampe, um auf den Bahnhof zu kommen. Ein Blinder kann die Treppe nehmen, braucht aber auf dem Bahnsteig ein Blindenleitsystem, er braucht diese Rillenplatten am Boden, damit er nicht aufs Gleis fällt. Im Bus wiederum braucht der Rollstuhlfahrer eine Rampe und vor allem Platz, der Sehbehinderte wiederum muss die Möglichkeit haben, sich am Haltestangensystem durch den Bus zu hangeln. Kleinwüchsige brauchen niedrige Sitze und auch niedrig angebrachte Druckknöpfe, die wiederum auch Rollstuhlfahrer brauchen.

Gehörlose spielen keine extra Rolle?

Nein. Natürlich spielen auch Gehörlose eine wichtige Rolle, denn wir wollen ja für alle da sein. Deshalb informieren wir grundsätzlich nach dem zwei Sinne-Prinzip: Der nächste Halt wird immer angesagt und angezeigt.

Früher gab es weder Fahrstühle noch ein Leitsystem, Behinderte hatten halt Pech. Haben Sie sich oft benachteiligt gefühlt?

Einmal so richtig. Am Ende der Schulzeit mussten wir in ein Berufsinformationszentrum. Die Frau dort hat mir angeboten, ich könnte Bonbonwickler oder Besenmacher werden.

Weil Sie sehbehindert waren?

Ja, das waren die Berufe, die es in der Blindenwerkstatt gab. Das hat mich sehr geärgert. Ich hatte eine Abitur-Empfehlung. Hut ab vor meiner Mutter, die daraufhin ganz böse Beschwerdebriefe geschrieben hat, sogar an den Bürgermeister von Marzahn, wo wir damals gewohnt haben. Tenor: Mein Sohn ist zwar behindert, aber nicht dumm.

Warum waren Sie nicht auf einer Sehbehindertenschule?

Ich wollte nicht weggeschoben werden. Heute nennt man das Inklusion (er lacht). Meine Lehrerin und der Direktor haben gesagt: Lasst es uns versuchen. Also saß ich immer in der ersten Reihe, und wenn die Lehrer etwas an die Tafel geschrieben haben, haben sie das laut mitgesprochen für mich. Und Kopien hab ich immer in A3 bekommen, mit Lupe konnte ich das dann lesen. Ich wollte lieber einer von allen sein. Und ich hatte Begleiter, die mir geholfen haben.

Da hinten liegt ein iPhone, Sie haben einen Rechner im Büro. Das geht alles trotz Ihrer Behinderung?

Sogar sehr gut. Die 99 Prozent Sehkraft, die mir fehlen, kann ich durch Technik fast ersetzen. Mein Telefon sagt mir, wer anruft. Mein Rechner hat ein Vergrößerungsprogramm, mit dem ich lesen kann, ich habe ein Bildschirmlesegerät, das Geschriebenes vom Papier auf den Rechner vergrößert. Ich kann Sachen diktieren. Dazu kommt, dass ich ein super Team habe, das mir jederzeit helfen würde.

Bevor Sie Behindertenbeauftragter wurden, waren Sie dreimal bei den Paralympics, haben dort drei Medaillen gewonnen – einmal sogar Gold – und etliche Titel in Deutschland und Europa. Blind und Laufen, wie geht das?

Naja, ich kann ja noch ein bisschen sehen und die Bahnmarkierung schemenhaft erkennen. Und geradeaus zu laufen, ist nicht so schwer. Problematisch sind die Kurven im Stadion, wenn man die Linien überläuft, wird man disqualifiziert. Daher bin ich dann die letzten Jahre auch mit einem Begleitläufer gestartet.

Wie kamen Sie zur Leichtathletik?

Durch den Schulsport. Ich habe einen Schulrekord nach dem anderen aufgestellt. Als ich 16 war, hat mein Sportlehrer gesagt: So ein Talent kann man nicht sausen lassen. Also hat er mich in ein Auto gesetzt und zu einem Sportverein gefahren.

Und Sie waren extrem gut, oder?

Stimmt. Mein Trainer hat immer gesagt: Du machst in erster Linie Sport, und nicht Behindertensport. Für einen Behinderten hatte ich ein sehr hohes Niveau, jemanden zu finden, der schneller war, ging nur auf internationalen Wettkämpfen. Seit 2009 halte ich den Weitsprung-Weltrekord bei den Gehandicapten – mit 7,47 Meter.

Warum haben Sie aufgehört?

Der Sport war 15 Jahre lang die Nummer eins in meinem Leben, ich habe streckenweise 10 Mal pro Woche trainiert. Als ich meinen Mann kennengelernt habe, hat sich alles verschoben.

Bei Ihren letzten Paralympics 2012 haben Sie keine Medaille gewonnen. Waren Sie nicht traurig?

Überhaupt nicht. Für einen Abschied sind die Paralympics toll. Ich konnte die Stimmung noch einmal richtig genießen und einen guten Abschied vom Leistungssport nehmen. Bei deutschen Meisterschaften sitzen nur 100 Leute im Stadion – Mutti, Vati und der Trainer.

Fehlt Ihnen der Sport nicht?

Nein. Ich mache ja noch Sport, aber nur für mich. Und ich habe den Hund. Bonja ist wie ein Kind, ich bin viel draußen mit ihr. Und wenn sie krank ist, sorge ich mich auch um sie wie ein Kind.

Wie lange kann Bonja bei Ihnen bleiben?

Zehn Jahre. Zwei Jahre hat die Ausbildung gedauert, also ist sie dann 12. Im Amtsdeutsch heißt es: „Das Hilfsmittel wird nach zehn Jahren ersatzvoll ausgetauscht.“ Das hat mich total geärgert. Bonja ist doch kein Hilfsmittel. Sie lebt.

Das Gespräch führte Claudia Fuchs.



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