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Legale Hausbesetzer: Für Berliner Hauswächter wird es eng

Die Hauswächter Andre (l-r, hinten), Lydia, Josua, Peter (vorn) und Anna stehen am 08.05.2015 auf den Treppen vor ihrem Haus in Berlin.

Die Hauswächter Andre (l-r, hinten), Lydia, Josua, Peter (vorn) und Anna stehen am 08.05.2015 auf den Treppen vor ihrem Haus in Berlin.

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dpa

Die Klingel klingelt nicht. Nur ein heiseres Brummen hinter der beigen Tür, viel zu leise. „Der Postbote hämmert schon mit der Faust an die Tür“, erzählt Lydia. Er bringt noch immer Briefe für die Kinder-Tagesgruppe, die früher auf dem Gelände am Berliner Stadtrand zu Hause war. Seit ein paar Monaten bringt er auch Post für Lydia und ihre neun Mitbewohner, die sich eigentlich nicht Bewohner nennen sollen.

„Bewohner oder Mieter sagen wir nicht“, erklärt Dirk Rahn von der niederländischen Firma Camelot. Die hat die zehn jungen Leute als sogenannte Hauswächter in das denkmalgeschützte Schulhaus direkt am Dorfteich geholt. Hier leben sie mit viel Platz in einer großen Wohngemeinschaft, pflanzen Sonnenblumen vor dem Haus. Vor allem aber schützen sie das sonst leerstehende Gebäude vor Diebstahl, Vandalismus und illegalen Partys - und müssen kaum Miete zahlen.

In einer Stadt wie Berlin, wo bezahlbare Innenstadt-Wohnungen immer knapper werden, ist das Argument genug für einen Einzug. Die Hauswächter nehmen deshalb auch in Kauf, dass sie innerhalb von vier bis sechs Wochen rausgeworfen werden können - sobald das Gebäude wieder gebraucht wird.

Jede freie Fläche für Unterbringung von Flüchtlingen gebraucht

Bislang gab es so viel Leerstand in der Hauptstadt, dass Camelot für seine 60 Hauswächter schnell eine neue Bleibe fand. Doch das habe sich geändert, berichtet Rahn. „Seit dem vergangenen Jahr wird jede freie Fläche für die Unterbringung von Flüchtlingen gebraucht.“ Berlin steht massiv unter Druck: Mindestens 26 000 Asylbewerber werden in diesem Jahr in der Hauptstadt erwartet, und es gibt viel zu wenig Heimplätze und Wohnungen für sie.

Weil leerstehende Gebäude für die Flüchtlinge gebraucht würden, stelle man keine Hauswächter mehr ein, sagt eine Sprecherin der Berliner Immobilienmanagement GmbH. In den vergangenen Jahren passten regelmäßig Hauswächter auf die leerstehenden landeseigenen Gebäude auf. In der Regel sind sie günstiger als ein traditioneller Sicherheitsdienst.

In das ehemalige Bauernhaus am Lichtenrader Dorfteich werden wohl erstmal keine Flüchtlinge einziehen - es ist zu klein. Doch sollten die zehn jungen Hauswächter aus anderem Grund ausziehen müssen, ist möglicherweise keine neue Bleibe da.
Ans Ausziehen will Anna aber lieber noch nicht denken. „Man verliebt sich ja so ein bisschen in ein Haus“, erzählt die 28 Jahre alte Studentin.

Im Schulhaus am Dorfteich lebt sie mit ihrem Freund André auf rund 80 Quadratmetern. Hier falle ihr nicht so die Decke auf den Kopf wie in der Neuköllner Altbauwohnung, berichtet sie. Fünf Minuten fährt Anna mit dem Rad in die brandenburgischen Felder; es gibt einen Garten mit riesigem Sandkasten, auf dem die Hauswächter im Sommer Beachvolleyball spielen wollen.

Mit Sommerpartys müssen sie sich - zumindest im Haus - allerdings zurückhalten. Denn die Sicherheitsvorschriften sind ziemlich streng: keine Kerzen, kein Rauchen. Wer länger als drei Tage weg ist, meldet sich ab. Camelot kann jederzeit unangemeldet zum Kontrollbesuch kommen. Anna und André haben sich mit den Regeln arrangiert. Den vorgeschriebenen Feuerlöscher haben sie einfach mitten ins Zimmer gestellt, auf einen Birkenstumpf, markiert mit rotem Schild und gelben Klebepfeilen. Drumherum ein Zuhause auf Zeit. (dpa)