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Lehrermangel in Berlin: Auch Quereinsteiger können gute Lehrer sein

Dirk Zellmer hat vor gut zehn Jahren als Seiteneinsteiger an einem Oberstufenzentrum begonnen. Heute ist er dort als regulärer Lehrer angestellt.

Dirk Zellmer hat vor gut zehn Jahren als Seiteneinsteiger an einem Oberstufenzentrum begonnen. Heute ist er dort als regulärer Lehrer angestellt.

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AKUD/Lars Reimann

Berlin -

Über 1 500 Akademiker ohne Pädagogikstudium haben sich inzwischen bei der Bildungsverwaltung beworben, um als Lehrer eingestellt zu werden. Als Quereinsteiger wollen sie ein neues Berufsleben beginnen. Die Bildungsverwaltung zu Bewerbungen aufgerufen. Doch ist es sinnvoll, dass Menschen ohne pädagogische Vorbildung die teils schwierigen Berliner Schüler unterrichten? Einige Berliner Oberschulen jedenfalls weigern sich bereits, Seiteneinsteiger zu übernehmen.

Pit Rulff ist Schulleiter des Oberstufenzentrums Druck- und Medientechnik in Wittenau. Seit 2001 hat er wiederholt Quereinsteiger an seine Schule geholt. Seine Erfahrungen seien „äußerst gemischt“, sagt Rulff. Die eine Hälfte sei geeignet, die andere eher nicht.

Der erste Quereinsteiger, den Rulff vor 13 Jahren eingestellt hatte, musste die Schule bereits nach vier Monaten verlassen. Noch innerhalb der Probezeit. Es gab arge Disziplinprobleme, die Schüler hörten dem frisch gebackenen Lehrer nicht zu, selbst der Personalrat von der Gewerkschaft stimmte der Entlassung zu. Ehemalige Kollegen erinnerte der Mann, der offenbar keinen Zugang zu den Schülern fand, entfernt vom Typ her an den Komiker Helge Schneider. Rulff verweist darauf, dass vielen Quereinsteigern die Methodik der Unterrichtsgestaltung weitgehend unbekannt sei. „Niemand würde in ein Flugzeug steigen, wo Quereinsteiger auf den Pilotensitzen steuern,“ sagte Rulff.

Ein anderer Quereinsteiger ist schon lange Jahre an der Schule tätig. Dirk Zellmer – ein offener, freundlicher Typ – bildet inzwischen als Fachseminarleiter sogar selbst Lehrer aus. „Wer mit einem mulmigen Gefühl in eine Klasse geht, der ist einfach falsch“, sagt Zellmer, inzwischen 48 Jahre alt. „Ein Lehrer sollte eine natürliche Autorität ausstrahlen und Schüler nicht von oben herab behandeln.“ Die Persönlichkeit sei wichtig. Natürlich ist es an einer Berufsschule anders als an allgemeinbildenden Schulen. Denn hier sind die Schüler schon etwas älter und haben die Berufswahl im Blick. Da kann jemand mit Berufserfahrung besonders Eindruck machen.

Nach dem Abitur wollte Zellmer partout nicht Lehrer werden. Er studierte entgegen sämtlicher Ratschläge Geografie und schloss als Diplom-Kartograph ab. Er arbeitete zunächst in einer Design-Agentur und später an der Freien Universität als Klimaforscher, wo er Gutachten schrieb und auch mit Studenten arbeitete. Gerade Familienvater geworden, sollte es dann zu Forschungszwecken länger nach Nordafrika gehen. Auslandsaufenthalte passten ihm da aber gerade nicht. Deshalb bewarb sich Zellmer kurzentschlossen; am Wittenauer OSZ wurde jemand für den damaligen Bildungsgang „Landkartentechnik“ gesucht. Das passte. Seit 2003 arbeitet er dort, netto verdiente er lange weniger als die oft verbeamteten Kollegen.

Zellmer betont, seinen Unterricht nicht nach Schema F zu machen, auch denke er mitunter unternehmerischer als Studienräte. „Ostereier-Pädagogik gilt es generell zu vermeiden.“ Damit meint er Lehrer, die auf der Suche nach der richtigen Antwort die Schüler mit vielen Fragen nerven, bis sie die einzig richtige Antwort, das Osterei eben, gefunden haben.

Ein berufsbegleitendes Referendariat schloss Zellmer vergangenes Jahr erst ab, lange war das nicht möglich. Drei andere Kollegen brachen dieses Referendariat wegen Überlastung vorzeitig ab. Zellmer ist nun regulärer Lehrer für Druck- und Medientechnik sowie für das Fach Geografie. Ein Problem bei der massenhaften Einstellung von Quereinsteigern sieht auch er. Bewerber, die sich nicht bewähren, könne man kaum mehr los werden. Da Quereinsteiger übernommen werden, sobald sie nach berufsbegleitendem Referendariat das Zweite Staatsexamen auch nur mit Note 4 bestehen, könnten sogar normale Junglehrer mit besseren Noten ihnen gegenüber das Nachsehen haben, warnt auch Schulleiter Rulff.

SPD-Politikerin für Verbeamtung

Viele Schuleiter aber fragen sich, wie Neulinge die vielfältigen Herausforderungen wie den individuellen Unterricht, die nötige Sprachförderung oder den Umgang mit behinderten Schülern bewältigen wollen. Die Neuköllner Schulstadträtin Franziska Giffey (SPD) warnt davor, dass künftig nicht perfekt Deutsch sprechende Quereinsteiger Mathe unterrichten sollen. „Auch Seiteneinsteiger müssen den Zugang zu den Kindern finden“, sagt sie. Unter den Bewerber für Mangelfächer waren viele nichtdeutsche Quereinsteiger. Um mehr ausgebildete Lehrer hier zu halten, müsse Berlin wie die anderen Bundesländer wieder verbeamten – oder mehr Tarifgehalt zahlen, forderte Giffey.