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Lehrermangel in Berlin: Plötzlich wollen alle Lehrer werden

In Berlin haben sich mehr als 700 Quereinsteiger als Lehrer beworben. Die Schüler wird es freuen.

In Berlin haben sich mehr als 700 Quereinsteiger als Lehrer beworben. Die Schüler wird es freuen.

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Frank Leonhardt

Vor gut drei Wochen hat Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verkündetet, dass Berlin ab sofort Seiteneinsteiger ohne Lehrerausbildung in fast allen Fächern einstellt. Das Interesse ist riesig: Mehr als 700 Quereinsteiger haben sich bei der Senatsbildungsverwaltung beworben, die ohnehin überlastete Personalstelle bewältigt die vielen Anfragen kaum.

Unter den Interessenten seien Diplom-Biologen, Stadtplaner, Germanisten mit Magisterabschluss und auch Journalisten, berichtete Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung. Besonders viele Bewerbungen gab es demnach für die Fächer Deutsch, Kunst, Englisch und Sport, auch das Fach Biologie war stark nachgefragt.

Wie es hieß, gibt es auch einige Kandidaten, die eine naturwissenschaftliche Ausbildung haben, in angesehenen Firmen arbeiten, nun aber nach einer Veränderung suchen. Unter den Bewerbern sind auch Akademiker, die jahrelang selbst eine Firma geführt haben und sich jetzt beruflich umorientieren wollen. Und vergleichsweise prekär Beschäftigte wie etwa Uni-Dozenten mit befristeten Stellen oder Künstler suchen eine sichere Anstellung und einen Arbeitgeber, der in die Rentenkasse einzahlt.

Berlin stellt mehr als 2000 Lehrer ein

Berlin stellt in diesem Jahr deutlich über 2000 Lehrer ein. Denn so viele Pädagogen wie noch nie gehen auf einen Schlag in Pension. Durch neue Regelungen zur Altersteilzeit hat sich ihre Zahl zusätzlich erhöht. Dies alles führt dazu, dass das Land nahezu jeden Bewerber nehmen muss, den es kriegen kann.

Voraussetzung ist ein Hochschulabschluss, neuerdings sogar nur noch ein Fachhochschulstudium in einem Mangelfach. Nur die Fächer Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde gelten noch nicht als Mangelfach. Vorrang haben in jedem Fach aber die ordentlich ausgebildeten Lehrer mit zweitem Staatsexamen.

Quereinsteiger müssen zunächst ein berufsbegleitendes Referendariat absolvieren: Sie unterrichten wöchentlich 19 Stunden und belegen gleichzeitig drei Seminare. Dafür gibt es zunächst ohne Berufserfahrung knapp 2800 Euro brutto. Erst nach der Ausbildung bekommt man das volle Gehalt.

Bei Schulleiterin Cynthia Segner vom Gymnasium Tiergarten rufen häufig potenzielle Seiteneinsteiger direkt an. Informatiker, die Mathematik studiert haben, aber auch Akademiker mit einem Abschluss in Philosophie. „Die fragen dann, ob sie mal ein Probepraktikum machen können“, sagte die Schulleiterin. „Viele Seiteneinsteiger haben nur ein oberflächliches Bild vom Lehrerberuf.“ Manche wüssten nicht, wie wichtig kommunikative Fähigkeiten in diesem Beruf seien und dass es nach dem Unterricht noch viele andere Aufgaben gebe wie die Korrektur von Klausuren, das Vorbereiten des Unterrichts oder Elterngespräche, sagte Segner.

Auch Brandenburg sucht

Der Lehrermangel wird verschärft, weil auch die ostdeutschen Nachbarländer zusätzliche Lehrer brauchen. Brandenburg sucht bis zu 1000 neue Pädagogen und startet nun eine Anwerbekampagne in überregionalen Medien. Bewerber aus Berlin, wo seit 2004 nicht mehr verbeamtet wird, werden mit dem Beamtenstatus gelockt.

Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gab viel Geld aus, um auf Spiegel Online zu werben. „Willst Du 18 Kinder von mir? Kleine Klassen und Meer. MV sucht Fachlehrer“, lautete der Slogan. Berlin hält sich mit Werbung noch zurück und will zunächst in der GEW-Zeitschrift inserieren und ab April eine Telefon-Hotline schalten. Mit der landeseigenen Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner ist eine Werbeveranstaltung für Bewerber aus anderen Bundesländern geplant.

Die Schulleitervereinigung der Gewerkschaft GEW hält nicht viel vom dem Quereinsteigerprogramm. Das sei eine „Bankrotterklärung“.

Auch der Lichtenberger Gymnasiallehrer Robert Rauh, Gewinner des Deutschen Lehrerpreises 2013, übte Kritik: „Erst wird monatelang über ein Lehrerkräftebildungsgesetz verhandelt, um die Qualität der Ausbildung an Universitäten und im Referendariat zu verbessern“, sagte Rauh. „Und dann wird ein ,plötzlicher’ Einstellungsbedarf festgestellt und alles wieder ausgehebelt.“