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Leistungen in der Schule: Früh eingeschulte Kinder wiederholen öfter

Ist das Kind schon reif für die Schule? Diese Frage treibt viele Eltern um.

Ist das Kind schon reif für die Schule? Diese Frage treibt viele Eltern um.

Kein anderes Bundesland schult Kinder so früh ein wie Berlin, nämlich schon mit gut fünfeinhalb Jahren. Das beunruhigt viele Eltern und sorgt dafür, dass die Zahl der zurückgestellten Kinder seit Jahren steigt. Davon alarmiert, hatten die Regierungsfraktionen eine Studie zu den Auswirkungen der frühen Einschulung beim Institut für Schulqualität der Freien Universität Berlin in Auftrag gegeben. Die mit Spannung erwartete Auswertung stellte Institutsleiter Martin Brunner am Montag vor, einen Tag vor Ferienbeginn.

Brunner kam zu folgenden Ergebnissen: Die jüngeren Schüler, die erst nach dem 1. August eines Jahrgangs geboren wurden, müssen in der Schulanfangsphase etwas häufiger wiederholen, pardon verweilen, wie es nun offiziell heißt. Auch weisen die früh Eingeschulten zunächst in Lesen und Mathematik Leistungsrückstände von gut drei Schulmonaten auf. Allerdings waren diese Defizite bereits in der Jahrgangsstufe 3 weitgehend ausgeglichen. Dazu ist allerdings anzumerken, dass in der Jahrgangsstufe 3 jene Schüler nicht mehr auftauchen, die aufgrund ihres Entwicklungsstandes in der 2. Klasse verweilen.

Scheeres kritisiert Vorgänger

In der Jahrgangsstufe 8 dann hatten die untersuchten jüngeren Schüler tatsächlich das Niveau der älteren erreicht. Bemerkenswerte 52 Prozent der jüngeren Achtklässler besuchten ein Gymnasium, damit lag der Anteil sogar etwas höher als bei den älteren Schülern mit 48 Prozent. „Es gibt keine Benachteiligung der jüngeren Schüler hinsichtlich ihrer Bildungsbeteiligung am Gymnasium“, sagte Bildungsforscher Brunner.

Überhaupt deckten sich die Erkenntnisse nicht mit der aufgeregten öffentlichen Debatte. Weder Jungs noch Migrantenkinder würden signifikant benachteiligt. Als Datengrundlage dienten die Orientierungsarbeiten in der 2. Klasse sowie die Vergleichsarbeiten für Dritt- und Achtklässler. Anhand dieser Daten wird deutlich, dass Migrantenkinder die 2. Klasse zumindest etwas häufiger wiederholen.

Berlin hatte die frühe Einschulung mit dem Schuljahr 2005/06 als Reaktion auf den Pisa-Schock eingeführt. Gemeinsam mit dem Kita-Bildungsprogramm, der Verlagerung der Horte an die Grundschulen und dem Jahrgangsübergreifenden Lernen (JüL) sollten Kinder gezielter gefördert werden. In den ersten Jahren nach dieser Regelung war es Eltern nahezu unmöglich, ihr Kind zurückstellen zu lassen, was viele empört hat. „Diese Praxis war ein Fehler, der Elternwille ist mir eine Herzensangelegenheit“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) und kritisierte damit ihre Vorgänger.

In diesem Jahr konnten Eltern bereits auf dem Anmeldungsformular die Rückstellung beantragen. Inzwischen haben sich übrigens schon 131 von 360 Grundschulen wieder komplett von JüL verabschiedet. An der frühen Einschulung will Scheeres aber weiter festhalten. „Eine große Reform wird nicht einfach aus einem Bauchgefühl heraus über den Haufen geschmissen“, sagte sie. Es sei ja ohnehin Schulfrieden verabredet.

Am Abend wurde die Studie den Bildungspolitikern von SPD und CDU präsentiert. Die CDU wünscht, bei der Einschulung auf den Stichtag 30. Juni zurückzukehren. „Der Großteil der zurückgestellten Kinder gehört zur jüngeren Gruppe“, mahnte CDU-Bildungspolitiker Stefan Schlede. Würden sie eingeschult, wären viele jüngere Schüler beim Abitur am Gymnasium noch keine 18 Jahre alt.

Auch Parteifreunde von Scheeres wie die Neuköllner Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) fordern ein Ende der Früheinschulung und die Wiedereinführung von Vorklassen, um Migranten besser zu fördern. Davon hätten früher aber nur gut ein Viertel aller Kinder eines Jahrgangs Gebrauch gemacht, entgegnete Scheeres. Nicht wenige Grundschullehrer verweisen darauf, dass es durch die frühe Einschulung schwieriger geworden sei, guten Unterricht zu machen, die Entwicklung der Schüler sei oft sehr unterschiedlich. Scheeres betonte, dass es für Lehrer wichtig sei, den Umgang mit heterogenen Schülergruppen zu lernen. Eines ist sicher: Der Streit um die frühe Einschulung ist längst nicht beendet.