22.01.2012

Leitartikel: Fashion Week: Berlin modernisieren!

Von Carmen Böker
Hier kommt nicht jeder rein: Zutritt zum Fashion Week Zelt nur für Fachbesucher.
Hier kommt nicht jeder rein: Zutritt zum Fashion Week Zelt nur für Fachbesucher.
Foto: imago stock&people
Berlin –  

Der Berliner hat das Urbedürfnis, dabei zu sein. Bei Botschaftseröffnungen, Baustellentouren oder Bademodenpräsentationen. Ansonsten wendet er sich schmollend ab. Vorschlag zur Güte: Draußen eine Leinwand installieren und live aus dem Zelt übertragen.

Nun ist die Sache wieder vorbei, und es muss nur bis einschließlich Donnerstag noch die Sperrung der Straße des 17. Juni erduldet werden. Was eine Modemesse in exponierter Mitte-Lage, also derzeit am Brandenburger Tor, verloren hat, das wird jede Saison wieder gern durchgehechelt. Da ist sie ja allen bloß im Weg – und überhaupt, was will die hier eigentlich? Nun! Hat sich nach dem Mauerbau jemand gefragt, warum eine halbe Großstadt ohne jedes Umland und bar der Bauernhöfe eine Grüne Woche für landwirtschaftliche Erzeugnisse veranstalten muss? Natürlich nicht. Die, die sich gern beschweren, sind ja dadurch ruhigzustellen, dass sie sich das Ganze gegen Zahlung eines Eintrittsgeldes ansehen dürfen und ein Häppchen Eselssalami oder einen Schluck Spätlese dazu gereicht bekommen. Das ist bei der Fashion Week anders, da sie Fachbesuchern vorbehalten ist. Und genau deswegen wird sie ungnädig aufgenommen.

Denn der Berliner hat nun einmal das Urbedürfnis, dabei zu sein. Bei Botschaftseröffnungen, Baustellentouren oder Bademodenpräsentationen. Ansonsten wendet er sich schmollend ab. Vorschlag zur Güte: Draußen eine Leinwand installieren und live aus dem Zelt übertragen, wie es etwa bei der Kopenhagener Modewoche gemacht wird. Auch, um den Verdacht auszuräumen, drinnen würde nur für lau Champagner gekippt. Schön wär’s! Die Realität in der Zweckbauarchitektur ist um einiges nüchterner. Und die in Warteschlangen verbrachte Zeit meist länger, als die Schauen dauern. Deren Publikmachung aber könnte, zumindest im Sommer, jene kulturfreundliche Volksfeststimmung befördern, wie man sie von Open-Air-Opernübertragungen kennt. Da kommt die halbe Stadt, ob in Bayreuth oder Berlin. Und die Unerschwinglichkeit oder Unerreichbarkeit von Karten spielt ausnahmsweise gar keine Rolle.

Der durchschnittliche Besucher der Grünen Woche lässt pro Tag 110 Euro in Berlin, der Fachbesucher der während der Fashion Week im Flughafen Tempelhof stattfindenden Ordermesse Bread & Butter rund 250 Euro, so haben es die Vermarkter von Visit Berlin errechnet. Pro Saison kommt durch die Modewoche und ihre Klientel ein Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro zustande – ohne dass sie so richtig willkommen wären, denn diese Stadt tut sich trotz ihrer Historie als Modestadt ungemein schwer mit dem Sujet. Unweigerlich werden die ungemein abgegriffenen Vergleiche mit Paris und New York bemüht. Nein, Berlin ist nicht Paris, keine Stadt, in der die Mode als Handwerkskunst und Teil der Kulturgeschichte bewundert wird. Berlin ist ebenso wenig New York, eine Stadt, in der wundervolle Mode erschaffen und zugleich als Motor der Industrie angesehen wird.

Berlin verhält sich im Grunde wie Anne Hathaway in „Der Teufel trägt Prada“. Also in jenem Teil des Films, in dem die Schauspielerin als Assistentin der Chefredakteurin eines Modemagazins noch Großmutterröcke, derbe Schnürschuhe und Acryl-Zopfpullover trägt – und vor sich hinprustet, als ihre Kollegen sich zwischen einem Gürtel in Lapislazuli und einem Gürtel in Azur nicht entscheiden können. Wie unwichtig ist das denn, bitteschön? Eigentlich überhaupt nicht, antwortet ihr die Chefin eisig. „Dieses Blau steht nur für Millionen von Dollar und zahllose Jobs.“

Auch in Berlin stehen die Messen für viel Geld in einer armen Stadt. Vielleicht hilft es ja, das Ganze mal wirtschaftlich und nicht als Beschränkung persönlicher Entfaltung zu betrachten? In der Berliner Modewirtschaft sind rund 16 000 Menschen beschäftigt, die Zahl der Unternehmen in diesem Bereich ist in den 2000er-Jahren um ein Drittel angewachsen. Die Investitionsbank Berlin rechnet damit, dass der Modeumsatz noch in diesem Jahr die Marke von zwei Milliarden Euro überschreitet. Es geht also nicht nur um ein paar überkandidelte Kleider, sondern darum, dass Berlin aus dem blauen Kunstfaserpullover herauskommt. Wozu auch gehört, sich international nicht nur mit der Kreativität der Designer zu schmücken, sondern gezielt Kontakt zur – hier nun einmal kaum ansässigen – Bekleidungsindustrie zu suchen.

Diese Stadt bemüht sich weniger um Teilhabe, als es der Fall sein könnte. Die Messe Berlin GmbH wird erst im Sommer 2012 wieder im Bereich Mode aktiv. Zusammen mit den Veranstaltern der Premium will man die „Panorama“-Schau im neuen ExpoCenter am Hauptstadtflughafen abhalten, der Schwerpunkt liegt auf „modisch relevanten und gleichzeitig preislich attraktiven Marken“. Denn auch damit muss man sich abfinden: Berlin ist nicht Paris und nicht New York. Berlin steht mehr und mehr für Alltagsmode. Auch wenn man sie da nicht immer sieht.

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