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Leiter der Unterkunft in Karlshorst will weitermachen

Treskowallee 8. Seit Monaten sind die Flüchtlinge in der Turnhalle untergebracht.

Treskowallee 8. Seit Monaten sind die Flüchtlinge in der Turnhalle untergebracht.

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Christoph Wiedemann hat letzte Nacht kaum geschlafen. Er verbrachte sie in der Flüchtlingsunterkunft in der Karlshorster Treskowallee – war zurückgekehrt an jenen Ort, an dem er Ende Februar bei gewalttätigen Auseinandersetzungen schwer verletzt worden ist. Wiedemann, der Leiter des Heims in einer Turnhalle der Hochschule für Technik und Wirtschaft, trug damals einen Schädel- und einen Nasenbeinbruch davon. Der 32-Jährige musste ins Krankenhaus und operiert werden. Die Spuren sind in seinem Gesicht deutlich zu sehen. Aber er sei auf dem Wege der Genesung, versichert er. Bleibende Schäden müsse er nicht befürchten.

Seine Erinnerung an die Nacht vor drei Wochen ist ganz klar und detailliert, bis zu jenem Zeitpunkt, an dem ihn ein Wurfgeschoss von hinten traf. Am 25. Februar kurz vor Mitternacht war in der Flüchtlingsunterkunft ein Streit eskaliert. Wiedemann erzählt, er habe die Sache zu klären versucht. Gleichzeitig bemühten sich einige Flüchtlinge um Schlichtung und Beruhigung der Gemüter. Offenbar sei ein Geflüchteter, ein Iraner, zuvor von den Sicherheitskräften beleidigt und beschimpft worden, möglicherweise waren da auch schon Tätlichkeiten im Spiel. Das müssten jedoch die Ermittlungen klären.

Er habe die Streitenden zurückhalten wollen, sagt Wiedemann. Aber plötzlich machten sich die Sicherheitskräfte an einer Europalette zu schaffen, und kurz darauf flogen auch schon die Holzlatten. „Die Flüchtlinge erwiderten die Provokation“, erinnert er sich. Wiedemann ging dazwischen – und an das Folgende hat er keine Erinnerung. Aber inzwischen konnte er ein Smartphone-Video sehen, das auch an die Polizei weitergeleitet wurde. Er, so Wiedemann, erkenne darauf, dass mutmaßlich einer der Sicherheitsleute den Gegenstand geworfen habe, der ihn traf. Es war wohl ein massiver Aschenbecher. Kurz war Wiedemann bewusstlos.

Aussage des Opfers

„Ich gehe noch immer davon aus, dass die Gewalt von den Sicherheitskräften ausgegangen ist“, fügt Wiedemann hinzu. Das hatte die Betreibergesellschaft der Unterkunft, die Sozdia-Stiftung, bereits kurz nach dem Ereignis mitgeteilt und grundsätzliche Kritik am Einsatz von Sicherheitsunternehmen in Flüchtlingsheimen geübt. Am vergangenen Freitag nun war Wiedemann so weit wiederhergestellt, dass er mit seiner Aussage zu den Ermittlungen beitragen konnte.

Er will an seine Arbeit in der Treskowallee zurück, sobald die Ärzte ihm grünes Licht geben. „Es gibt keinen Grund, nicht weiterzumachen“, sagt er. Ihn habe vielmehr sehr beeindruckt, wie solidarisch sich die Flüchtlinge in dieser schwierigen Situation verhalten hätten. Sie leisteten dem Schwerverletzten Erste Hilfe, während sich die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma zwischenzeitlich vom Tatort verdrückten. Sozdia hat die Zusammenarbeit mit der Sicherheitsfirma inzwischen gekündigt, die wiederum ein Subunternehmen mit der Arbeit in der Treskowallee beauftragt hatte. Ein neuer Vertrag mit der Ardor GmbH ist geschlossen.

Wiedemann will vor allem für ein Ziel weiterarbeiten: „Die Flüchtlinge müssen raus aus der Turnhalle“, sagt er und erzählt von seiner Erfahrung in der Nacht zum Mittwoch. Es sei in solchen Gemeinschaftsunterkünften fast unmöglich, Ruhe zu finden, sagt er. Die meisten der Bewohner, die seit dem vergangenen November hier untergebracht sind, würden an einem chronischen Schafdefizit und an der Ghettosituation leiden. „Das führt zu Anspannungen.“

Ein eigenes Haus

Michael Heinisch, der Vorstandschef der Sozdia-Stiftung, teilte diese Einschätzung, als er am Mittwoch eine Bilanz der Ereignisse zog und einen Forderungskatalog an die Landespolitik präsentierte. „Die Unterbringung in Turnhallen muss auf sehr kurze Zeit begrenzt werden, Tage oder maximal wenige Wochen“, forderte Heinisch. „So wie jetzt – monatelang – ist das nicht hinnehmbar.“ Die Unterbringung müsse in vielfältiger Form erfolgen, vor allem dezentral. Dass sich dies angesichts des akuten Drucks wohl nur mittelfristig realisieren lässt, weiß Heinisch.

Für die von Sozdia betriebenen Heime hat er aber auch schon kurzfristig einiges geändert. „Wir haben in unserem neuen Vertrag ganz klar definiert, dass die Sicherheitskräfte nicht die Herren des Heims sind, sondern Dienstleister für die Bewohner, gebunden an die Weisungen der Heimleitung“, sagt Heinisch. Der Einsatz von Subunternehmen sei ausgeschlossen. Alle Mitarbeiter müssen über ein umfassendes behördliches Führungszeugnis verfügen. Vor allem will Sozdia selbst ein Konzept entwickeln, um die Sicherheitskräfte in Dialogführung und den Methoden gewaltfreier Konfliktlösung zu schulen. In Zukunft will die Stiftung selbst Sicherheitspersonal für seine Heime einstellen, informierte Heinisch.

Noch ganz am Anfang steht ein großes Projekt. Sozdia will ein Haus in einem Wohngebiet bauen. Von Flüchtlingen für Flüchtlinge. „Wir wollen zeigen, wie Integration gehen könnte“, sagt Heinisch. Seine Vorstellung: Die Flüchtlinge könnten während des Hausbaus die deutsche Sprache lernen, sich beruflich qualifizieren, was für die meisten unabdingbar ist, und einige könnten am Ende dann sogar in dem Gebäude wohnen.