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Leonardo-da-Vinci-Gymnasium: Migranten klagen über zu viele Migranten

Das Leonardo-da-Vinci-Gymnasium im Süden Neuköllns.

Das Leonardo-da-Vinci-Gymnasium im Süden Neuköllns.

Foto:

Imago/Olaf Wagner

Berlin -

Schlechter kann ein Zeugnis kaum ausfallen: Am Ende der 7. Klasse stand auf dem Zeugnis der Schülerin Hatice* sechsmal eine 5 („mangelhaft“), bei ihren Klassenkameraden Akkan* und Ali* waren es sogar jeweils neun Fünfen. Für die Leitung des Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums in Buckow waren die Folgen klar: Die drei Schüler wurden im Sommer 2012 nicht versetzt. Damit hatten sie das Probejahr auf dem Gymnasium nicht bestanden und mussten auf eine Sekundarschule wechseln. Was der Schulleiter Michael Frank wohl nicht erwartet hatte: Dass er sich für diese Entscheidung noch einmal vor Gericht würde verantworten müssen.

Doch am Donnerstag war das der Fall. Die 3. Kammer des Verwaltungsgerichts verhandelte die Klagen der drei Schüler, alle drei aus Einwandererfamilien. Diese argumentierten, ihre schlechten Noten seien das direkte Ergebnis von Diskriminierung: Der Anteil der Migrantenkinder in ihrer Klasse sei zu hoch gewesen. Er betrug 63 Prozent, in einer anderen Klassen dagegen nur 13 Prozent. Außerdem seien sie nicht ausreichend durch die Schule gefördert worden.

Das Gericht sah das allerdings anders. Die schlechten Noten seien allein auf die schulischen Leistungen der Kläger zurückzuführen – und nicht auf eine diskriminierende Situation, entschied es nach mehr als vierstündiger mündlicher Verhandlung. Nach Ansicht des Gerichts können Schüler nicht-deutscher Herkunftssprache (ndH) keinen Anspruch auf eine bestimmte Klassenzusammensetzung erheben. Auch wenn das Schulgesetz besagt, dass deutsche und ndH-Schüler gemeinsam zu unterrichten sind, bedeute das nicht, dass in einer Schule Kinder mit Migrationshintergrund gleichmäßig auf alle Klassen verteilt werden müssten. Vielmehr stehe der Schule bei der Zusammensetzung der Klassen ein Spielraum zu, der eine Vielzahl sachlicher Kriterien zulasse, so die Kammer.

Kläger kamen nicht zum Prozess

Für die Klägerfamilien, vertreten durch Anwalt Carsten Ilius, ist das eine klare Niederlage. Sie hatten gefordert, das Gericht solle die Entscheidung der Schule, die Siebtklässler nicht zu versetzen, für rechtswidrig erklären. Wobei die Schüler nicht zurück aufs Gymnasium wollten. Sie besuchen nun eine Sekundarschule und kämen gut zurecht, sagte Ilius. Sie wollten nur „rehabilitiert werden“.

Es ist auch eine Niederlage für die Open Society Justice Initiative, eine Bürgerrechtsorganisation aus den USA. Diese kämpft weltweit gegen Diskriminierung und unterstützte die Klage. Aus ihrer Sicht ist der Fall ein Beispiel dafür, dass Migranten im Berliner Bildungssystem benachteiligt werden, heißt es auf ihrer Internetseite. Laut Ilius war es das erste Mal, dass Schüler in Berlin mit dieser Begründung gegen das Nicht-Bestehen der Probezeit klagten.

Die Schulleitung kann sich dagegen bestätigt sehen. Direktor Frank hatte dem Gericht erläutert, nach welchen Kriterien die 7. Klassen zusammengestellt wurden. Ethnische Zugehörigkeit habe keine Rolle gespielt, sondern beispielsweise die Fremdsprachenwahl, die Teilnahme am Religionsunterricht und Freundschaften unter den Schülern. So sei auch zu erklären, warum in einer Klasse nur 13 Prozent der Kinder nicht-deutscher Herkunft seien und in anderen mehr als 60 Prozent. Die 13-Prozent-Klasse sei eine Lateinklasse, und Migrantenkinder wählten seltener Latein.

Die drei Schüler und ihre Eltern kamen nicht zum Prozess. Das Gericht musste sich ein Bild aus den Schülerakten machen. Demnach hatten Hatice und Akkan von ihrer Grundschule eine Gymnasialempfehlung erhalten, Ali nur eine Sekundarschulempfehlung. Doch alle drei kamen auf dem Gymnasium nicht zurecht. Sie hatten schlechte Noten, die Jungen fielen als sehr undiszipliniert und wenig leistungsbereit auf.

Es habe auch Förderangebote wie Nachhilfe gegeben, so Frank. Er wehrte sich gegen den Vorwurf, seine Schule diskriminiere Migrantenkinder. In einer Parallelklasse mit ebenso hohem ndH-Anteil wie in der Klasse der Kläger sei nur ein Schüler im Probejahr gescheitert. In der Klasse mit 13 Prozent ndh-Kindern dagegen fünf. Das zeige, dass die schlechte Leistung der drei Schüler nicht mit dem Migrantenanteil in ihrer Klasse begründet werden könne.

*Namen von der Redaktion geändert