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Letzter Mieter am Barbarossaplatz gibt auf: Schöneberger Altbau muss Eigentumswohnungen weichen

Die Schwäbische Straße 7a/b (rechts) mit ihren kleinen und billigen Wohnungen fällt demnächst in Schutt und Asche.

Die Schwäbische Straße 7a/b (rechts) mit ihren kleinen und billigen Wohnungen fällt demnächst in Schutt und Asche.

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berliner zeitung/gerd engelsmann

Stefan Common ist der letzte. Seit einigen Wochen lebt der Rentner allein in einem Mietshaus in der Schwäbischen Straße 7b in Schöneberg. In den nächsten Tagen soll er einen Vertrag für eine Wohnung in der Nähe unterschreiben. Sobald Common ausgezogen ist, wird das Haus abgerissen.

Mit Commons Auszug geht ein langer Abwehrkampf gegen den Abriss zu Ende. Seit 28 Jahren lebt der frühere Technische Angestellte in der Schwäbischen 7b, einem Haus aus der Nachkriegszeit gleich am Barbarossaplatz. 2007 hatte das Immobilienunternehmen Egena das Haus sowie einen Altbau nebenan gekauft. Damit begann der Streit.

Während die Egena das „schlechte Gebäude, dessen Sanierung sich nicht lohnt“, abreißen und ein neues bauen wollte, hielten die Bewohner dagegen: Das Haus sei bis heute „funktional und gut bewohnbar“, wie Mieter Common sagt. Es sei ein Skandal, dass in Zeiten wachsender Wohnungsnot Wohnraum vernichtet werde. Zwischenzeitlich wehrten sich neun Mieter gegen eine Räumung, am Ende war es eine Handvoll, nach und nach zermürbt durch dauernde Bauarbeiten und ewigen Streit mit dem Vermieter, nahmen sie schließlich Abfindungen an und zogen aus. Nur Common ist geblieben.

Nur noch Eigentum

Wie seine einstigen Mitstreiter hing auch Common an seiner günstigen Wohnung. Sechs bis neun Euro Warmmiete pro Quadratmeter bezahlten die Mieter zuletzt für Ein- bis Dreizimmerwohnungen. Im neuen Haus wird es gar keine Miet-, sondern nur Eigentumswohnungen geben. 28 Wohnungen mit 100 bis 160 Quadratmetern sollen entstehen. Zielgruppe sind Familien, die bereit und in der Lage sind, 5500 bis 6000 Euro pro Quadratmeter zu bezahlen, wie Egena-Vorstand Alexander Kindermann sagt. „Und da reden wir nicht von Luxus, sondern von einer zeitgemäßen Ausstattung.“

In ihrer Not hatten sich die letzten Mieter an das Bezirksamt gewandt. Doch vergebens. Die Egena hatte zu einem Zeitpunkt gekauft, als der Bezirk noch den Rückbau des Barbarossaplatzes zu einem bürgerlichen Kleinod favorisierte. Bis zum Krieg war dieser Teil Schönebergs eine mittlere Wohngegend. Doch die Bomben rissen Lücken in den Gründerzeitbestand. Danach wurden diese mit schmucklosen Gebäuden mit kleinen und billigen Wohnungen gefüllt. Zwischendrin stehen sanierte Gründerzeithäuser mit teils sehr großen und vor allem teureren Wohnungen.

In diesem Gründerzeit-Stil will jetzt die Egena bauen, „Bausünden heilen und dem Kiez damit etwas Gutes tun“, wie Vorstand Kindermann es nennt. Den Kiez aufwerten und damit teurer machen, nennen es Kritiker.

Um die Verdrängung ärmerer Bewohner wenigstens zu verlangsamen, beschloss Tempelhof-Schöneberg 2013 mehrere Milieuschutzverordnungen. Eine gilt auch für den Barbarossaplatz. Für den aktuellen Fall kam die Verordnung aber zu spät. Ihr Job sei es zwar, die Mischung aus Baustilen und damit auch sozialer Schichten zu erhalten, sagt Sibyll Klotz, grüne Stadträtin für Stadtentwicklung. „Aber ich kann an dem gültigen Vertrag nichts ändern.“

Das Schicksal der Schwäbischen 7b steht also fest – die Uhland 103 im Nachbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ist schon einen Schritt weiter. An der Kreuzung Berliner Straße/Uhlandstraße verweist nur noch ein Haufen Schutt auf ein Wohnhaus, das bis vor Kurzem dort stand. Auch dies war ein Nachkriegsbau, auch dort soll nun größer und lukrativer gebaut werden. Der Investor, die Project Immobilien aus Nürnberg, plant einen Riegel aus 55 Eigentumswohnungen für bis zu 6 500 Euro. Anders als Tempelhof-Schöneberg hatte Charlottenburg-Wilmersdorf gegen die Vernichtung günstigen Wohnraums geklagt. Die Umwandlung in Eigentum sei eine unzulässige Zweckentfremdung. Im Oktober entschied das Verwaltungsgericht jedoch, dass eine Umwandlung so nicht zu stoppen sei. Das wäre nur möglich gewesen, „wenn Wohnungen im Luxussegment entstünden“, hieß es. Das sei nicht der Fall. Kurz nach dem Urteil begann der Abriss.

Mieterprotest nützt etwas

Die Klage hatte die zuständige Stadträtin, Dagmar König, vorangetrieben. Die CDU-Politikerin verzichtete auf einen Einspruch. Sie hoffe jetzt auf passendere Regelungen in der Zweckentfremdungsverbotsverordnung, sagt sie.

Dabei könnte es sein, dass die Ära von Abriss und Neubau ohnehin an Attraktivität verliert. Selbst die Egena will jetzt von dieser langjährig erprobten Methode abrücken, wie Vorstand Kindermann erklärt. „Das Geschäftsmodell läuft inzwischen schlecht. Die Leute gehen vor Gericht, und auch der Widerstand aus der Politik ist zu groß“, sagt er. Lieber wolle man der Senatslinie folgen, das heißt, verdichten oder auf vorhandene Häuser aufstocken.

Stefan Common ist am Ende doch zufrieden. Nachdem er erfolgreich gegen seine Zwangsräumung geklagt hatte, habe die Egena nicht nur eine gute Abfindung bezahlt. Sie habe auch bei der Suche nach einem neuen Domizil im Kiez geholfen. Das war ihm wichtig, weil seine alte Mutter in der Gegend wohnt. „Es bleibt zwar ein Gefühl, dass die jetzt doch gewonnen haben“, sagt er. „Doch wenn es schon so ist, nimmt man mit, was zu kriegen ist.“


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