15.01.2012

Liebknecht und Luxemburg: Im Zeichen der Nelke

Von Stefan Strauss
Symbol der Arbeiterklasse: Floristin Tabea Nordengrün  (r.)verkauft am Sonntag sämtliche Nelken vor ihrem Laden. Nächstes Jahr bestellt sie mehr.
Symbol der Arbeiterklasse: Floristin Tabea Nordengrün (r.)verkauft am Sonntag sämtliche Nelken vor ihrem Laden. Nächstes Jahr bestellt sie mehr.
Foto: Paulus Ponizak
Berlin –  

Wieder gedenken mehr als 10.000 Menschen den ermordeten Kommunistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Es sind nicht nur die Alten.

Eine rote Nelke muss sein. Sie gehört dazu, jedes Jahr, wenn es um das Gedenken an die ermordeten Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht geht. Freikorps-Soldaten haben die beiden Politiker am 15. Januar 1919 erschossen.
Seit 1971 findet alljährliche das Gedenken statt. In der DDR führte es die Staats- und Parteispitze an. Aber auch nach der Wende 1989 versammeln sich weiterhin jedes Jahr im Januar Zehntausende an der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Friedhof Friedrichsfelde. Es werden kaum weniger. Am gestrigen Sonntag reichten die Angaben der Veranstalter von „weit mehr als 10.000 Besuchern“ bis zu „mehreren 10.000 Besuchern“. In den vergangenen Jahren schwankten die Zahlen zwischen 10.000 und 30.000. Aber wer sind sie, diese Unentwegten? Unverbesserliche, die der DDR nachtrauern? Kommunisten, Antifaschisten, ehemalige SED-Mitglieder?

1300 rote Nelken

Es seien überwiegend Ältere, sagt Blumenverkäuferin Tabea Nordengrün. Aber in diesem Jahr sei ihr aufgefallen, dass auch zunehmend junge Leute zur Gedenkstätte gingen. „Früher waren etwa 30 Prozent meiner Kunden an diesem Tag junge Leute, heute sind es 50 Prozent“, sagt sie. Tabea Nordengrün muss es wissen. Seit 17 Jahren öffnet die 35-Jährige an jedem zweiten Januarwochenende ab 8 Uhr ihren Blumenladen Primula an der Frankfurter Allee in Lichtenberg. Ausnahmsweise, denn im Winter ist der Laden sonntags geschlossen. Und auch rote Nelken will sonst auch keiner. 1300 rote Nelken hat die Floristin für diesen Tag im Großmarkt gekauft, früher waren es bis zu 10.000 Nelken. Doch so ein Großeinkauf lohne sich nicht mehr, sagt sie. Immer mehr fliegende Händler würden inzwischen Nelken am U-Bahnhof Lichtenberg und auf der Straße, die zur Gedenkstätte führt, verkaufen. Die rote Nelke gilt als Politblume, das Floristik-Symbol der Arbeiterklasse. In der DDR trug man sie auch als Kunststoffanstecker im Knopfloch. Tabea Nordengrün sagt, am frühen Sonntag kämen zuerst die Alten zum Blumenkaufen, meist seien es Ehepaare, die sich mit Freunden an ihrem Laden träfen. Am späten Vormittag verkaufe sie Blumen vor allem an Familien mit Kindern und an Mittvierziger. Die jungen Leute kämen gegen Mittag.

Zu ihnen gehört Maya Linke (18) aus Weißensee. Sie hat gerade die Schule beendet und leistet ein freiwilliges ökologisches Jahr. Sie sagt, sie kenne die Gedenkstätte aus ihrer Kindheit, ihre Eltern hätten sie jedes Jahr dorthin mitgenommen. Später steht sie mit ihrer Freundin am T-Shirt-Stand mit den Porträts von Che Guevara und Lenin. Maya Linke sagt: „Liebknecht und Luxemburg haben für Dinge gekämpft, die sind generationsübergreifend.“ Sie sei hier, weil sie gegen militärische Auseinandersetzungen sei und nach Alternativen zum Kapitalismus suche.

"Zeit für gesellschaftliche Veränderungen"

David Löser will „nur mal gucken“, er wohnt in der Nähe. Er ist 22 Jahre alt und Medizin-Student. Er sagt, er sei beeindruckt, wie viele Menschen gekommen seien. „Den ideologischen Charakter und die Ritualisierung finde ich allerdings bedenklich.“
Die Besucher tragen nicht nur Nelken. Sie halten auch Plakate hoch mit Aufschriften wie „Der Hauptfeind steht im eigenen Land und heißt deutscher Imperialismus“. Sie verteilen Zettel mit Aufrufen für den „Europäischen Aktionstag gegen den Kapitalismus“. Ein Mann aus Erkner, 75 Jahre alt, sagt: „Der Mord an Karl und Rosa ist nicht verjährt. Die Politik hat aus den Kriegsspielereien des Ersten und Zweiten Weltkrieges nichts gelernt.“ Eine Frau, 47, sagt: „Luxemburg und Liebknecht haben im Parlament den Mund aufgemacht.“ Es sei jetzt Zeit für gesellschaftliche Veränderungen.

Kurz nach Mittag wird es leer am Gedenkstein in Friedrichsfelde. Tabea Nordengrün hat alle Nelken verkauft. Nächstes Jahr will sie mehr bestellen. „Ich hätte noch 200 Nelken gebrauchen können.“

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