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Linken-Abgeordneter gegen Bewerbung: Wolf kritisiert Wowereits Olympia-Pläne

Harald Wolf hält nichts von Olympia in Berlin.

Harald Wolf hält nichts von Olympia in Berlin.

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Markus Wächter / Waechter

In zwei Wochen wird der Senat formal sein Interesse bekunden, 2024 oder 2028 Olympische Spiele auszurichten. Ob Berlin sich bewirbt, entscheidet sich frühestens im Dezember, doch die Gegner sind bereits aktiv. Vorneweg die frühere Grünen-Politikerin Judith Demba, die schon Berlins Bewerbung für Olympia 2000 bekämpfte und damals ein umstrittenes Video drehte. In der Schlussszene wiegt ein Vermummter einen Pflasterstein in der Hand und droht in Richtung IOC-Mitglieder: „We will wait for you“. Was heute kaum jemand mehr weiß: Der spätere Wirtschaftssenator Harald Wolf von den Linken hat das Video 1992 zusammen mit Judith Demba beim IOC abgegeben.

Herr Wolf, erinnern Sie sich an den Tag in Lausanne?

Ja, das war ganz lustig. An dem Tag, als Berlin seine offizielle Bewerbung für Olympia 2000 abgegeben hat, sind wir da auch runtergefahren. Wir waren zu zweit. Als wir beim Pförtner sagten, wir seien aus Berlin, sind wir problemlos in das IOC-Gebäude reingekommen. Drinnen teilten wir dann mit, wir wollten Bewerbungsunterlagen übergeben. In dem Moment kam einer aus der offiziellen Berliner Delegation die Treppe runter und erkannte uns. Wir sind das Video und das Begleitschreiben aber noch losgeworden.

Haben Sie das Video noch?

Nein.

Glauben Sie, die Aktion hat zur Niederlage Berlins beigetragen?

Das glaube ich schon. Nicht unbedingt das Video, aber die NOlympia-Bewegung insgesamt. Es gab ja über zwei Jahre eine intensive Auseinandersetzung in der Stadt. Dazu kam eine dilettantische Bewerbung, die konnten ja nicht einmal die Bestechung der IOC-Mitglieder richtig organisieren. Das Thema hat die Stadt extrem polarisiert. Das dürfte dem IOC kaum gefallen haben.

Später waren Sie fast zehn Jahre Wirtschaftssenator. Haben Sie die Aktion je bereut, hat sich ihre Haltung zu Olympia geändert?

Ich halte es nach wie vor für falsch, dass Berlin sich um Olympische Spiele bewirbt.

Warum?

Das ist eine hochdefizitäre Veranstaltung. Statt in Olympia zu investieren, muss Berlin andere Prioritäten setzen. Wichtiger sind neue Schulen und Kindertagesstätten, bezahlbare Wohnungen oder eine bessere Verkehrsinfrastruktur.

Da wäre ein Olympisches Dorf mit 5 000 Wohnungen doch nachhaltig? Und müssen die Sportstätten nicht ohnehin saniert werden?

Die Wohnungen brauche ich jetzt. Ich kann doch die Fläche nicht bis 2024 oder 2028 für ein Olympisches Dorf konservieren. Und eine Sanierung der Sportstätten sollte von den Bedürfnissen vor Ort abhängig gemacht werden, nicht von den viel zu hohen Standards des IOC. Wer glaubt, man könne mit dem IOC bescheidene Spiele organisieren, der macht die Rechnung ohne den Wirt.

IOC-Präsident Thomas Bach hat Reformen angekündigt. Sie glauben ihm nicht?

Diesen Apparat wird man nicht innerhalb von ein, zwei oder drei Jahren reformieren können, wenn er überhaupt reformfähig ist.

Die Stadt sollte sich gar nicht erst mit dem IOC einlassen?

Schauen Sie sich den sogenannten Host City Contract an, den jede Austragungsstadt unterschreiben muss. Ich halte den für verfassungsrechtlich bedenklich. Man tritt Souveränitätsrechte an das IOC ab, also an eine private Organisation. Die Stadt übernimmt alle Risiken und das IOC verdient. Das IOC ist nicht gemeinnützig, sondern ein profitorientiertes Großunternehmen, an dem Großsponsoren wie Coca Cola mit ihren Exklusivrechten dranhängen. Das ist keine feine Veranstaltung.

Und was machen Sie, wenn die Linke nach den Abgeordnetenhauswahlen 2016 in einer rot-rot-grünen Koalition wieder mitregieren könnte?

Wir würden mit unserer klaren Haltung in die Koalitionsverhandlungen gehen.

Ein striktes Nein ist doch keine Verhandlungsposition. Zudem müsste eine Bewerbung dann längst abgegeben sein, der Zug wäre abgefahren.

Jetzt werben wir erst einmal für unsere Position. Wenn es 2016 noch eine Berliner Bewerbung geben sollte, muss man sehen, dass man aus der Sache wieder herauskommt. Wer die Spiele 2024 ausrichtet, wird vom IOC ja erst 2017 entschieden.

Sind Sie für eine verbindliche Volksbefragung zu Olympia? Sollte dafür die Landesverfassung geändert werden, wie SPD-Fraktionschef Saleh vorgeschlagen hat?

Eine Verfassungsänderung halte ich allein aus Zeitgründen für unrealistisch. Als wir unter Rot-Rot Volksentscheide einführten, dauerte der gesamte Prozess weit über zwei Jahre. Der Senat sollte jetzt erst einmal das Parlament über sein Olympiakonzept informieren.

Wenn Sie noch mit Klaus Wowereit regieren würden: Hätten Sie ihm von der Bewerbung abgeraten?

Ich hätte Klaus Wowereit dringend abgeraten. Nach dem Flughafen-Debakel und der Niederlage beim Tempelhof-Volksentscheid jetzt ein Scheitern beim nächsten Großprojekt riskieren? Politisch klug ist das nicht.

Der Senat hätte Hamburg den Vortritt lassen und es gar nicht erst versuchen sollen?

Die knappen Mittel dort zu investieren, wo die Stadt es dringend braucht, statt in teure Spiele – wer hätte dem Senat eine solche Haltung verübeln sollen?

Das Gespräch führte Regine Zylka.



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