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Linksautonome Anschläge in Neukölln: Farbe und Steine gegen Backstube

Die Schiller-Backstube am Tag nach dem Anschlag. Wie hoch der Schaden ist, steht derzeit noch nicht fest.

Die Schiller-Backstube am Tag nach dem Anschlag. Wie hoch der Schaden ist, steht derzeit noch nicht fest.

Foto:

Gerd Engelsmann

Berlin -

Die Spuren der Anschlags sind nicht zu übersehen: Die Hauswand der Schiller Backstube in der Herrfurthstraße in Neukölln ist großflächig mit roter Farbe beschmiert, mehrere Fenster zerborsten. Anwohner sahen, wie vier maskierte Täter in der Nacht zu Dienstag das Geschäft attackierten. Sie riefen die Polizei, doch die vier Männer entkamen. Was hinter dem Anschlag im Schiller-Kiez steckt, ist in einem linksautonomen Internet-Forum zu lesen. In einem Bekennerschreiben heißt es, dies sei eine Aktion gegen „Kiezaufwertung“.

Opfer des Anschlags waren drei junge Unternehmer. Juliane Gerroldt, Philipp Entekhabi und Zekerijat Purkovic machten sich im April gemeinsam selbstständig. Zuerst eröffneten sie Schiller Burger, dann die Schiller Backstube, die Schiller Bar soll demnächst folgen. Die drei Jungunternehmer reagierten geschockt auf den Anschlag. „Wir wollten doch nur Burger braten und Kaffee verkaufen“, so Juliane Gerroldt (33), die für die Backstube zuständig ist. Das Bekennerschreiben sei „total krass“.

Das Schreiben, verfasst von einem Blogger mit dem Namen „unser Kiez!“, bezeichnet die Schiller Bar als „Szene Yuppie Cocktailbar für reiche Weststudentinnen“. Weiter heißt es: „Wir haben keinen Bock auf solche Kiezaufwertungsaktionen.“ Um den Anwohnern günstige Mieten zu sichern, habe man die Bar mit Farbe und Steinen angegriffen, schwadronieren die selbst ernannten Kiezschützer.

Explosive Stimmung

Juliane Gerroldt kann das alles nicht nachvollziehen. Sie erzählt, dass sie und ihre Partner all ihre Ersparnisse in die Miete und die Ausstattung der Läden gesteckt und zusätzlich noch einen Kredit aufgenommen hätten. Wie hoch der Schaden durch die Attacke ist, stehe noch nicht fest. Gefreut habe sie aber die Reaktion der Kunden. „Am Dienstag sind alle Nachbarn gekommen und haben gesagt, wir sollen nicht aufgeben“, so Juliane Gerroldt. Die Schiller-Läden seien im Kiez sehr gut angenommen worden.

Das sieht auch Gunnar Zerowsky vom Quartiersmanagement Schillerpromenade so. Er wohnt in der Herrfurthstraße. Die Läden seien beliebt, die Betreiber sehr nett. Die Aktion habe sicher eher einen gegenteiligen Effekt: Die Leute solidarisierten sich mit den Schiller-Betreibern.

Gentrifizierung sei im Schiller-Kiez nicht das vordringliche Problem, sagt Gunnar Zerowsky. Immer noch seien 40 Prozent der Anwohner Transferempfänger. Die bestehenden Mieten würden kaum steigen, nur bei Neuvermietungen werde es deutlich teurer.

Gerade das bemängelt aber ein anderer Anwohner. „Man muss ganz schön blauäugig sein, um den Grund für diesen Anschlag nicht zu erkennen“, sagt der Familienvater. Der Kiez sei im Umbruch, die Leute extrem beunruhigt. „Da kommen junge Leute, deren Eltern Geld haben, und suchen ihr großes Glück in Neukölln.“ Etwa 30 Läden hätten in der letzten Zeit neu eröffnet. „Das neue Publikum verdrängt die Alteingesessenen. Das ist nicht einfach ein Farbanschlag, die Stimmung ist noch viel explosiver.“

Luxuswohnungen nur noch an Deutsche

Tatsächlich ist im Kiez kaum eine Hauswand sauber. Von „fuck the police“ bis „Nichts unterschreiben“, ist alles zu finden. Plakate an vielen Hauswänden warnen vor der Gentrifizierung. Alles würde aufwendig saniert und als Luxuswohnungen nur noch an Deutsche vermietet, heißt es im Kiez. Manche neuen Mieter böten den alten 5.000 Euro fürs Ausziehen an. Die Zugezogenen machten sich mit einer unangenehmen Selbstverständlichkeit breit und als Alteingesessener werde man schief angeschaut.

Sie wollten die alteingesessenen Mieter nicht vertreiben, sagt Juliane Gerroldt von den Schiller-Läden. Die Lage hätten sie gewählt, weil es in der Nähe noch keinen Burger-Laden gab. Und da der vorherige Mieter, ein türkischer Bäcker, ohnehin ausziehen und mit seiner Familie in die Türkei zurückkehren wollte, hätte es eben gepasst. „Wir verkaufen Kaffee für einen Euro, das sind doch keine Starbucks-Preise. Wir sind doch keine Yuppies“, sagt sie.