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Lösung für Flüchtlingscamp: Zuversicht und Zweifel auf dem Oranienplatz

Kurzfristige Freude: Der Flüchtling auf dem Oranienplatz begrüßte zunächst die Einigung mit dem Senat, als er die Details kennt, ist die Begeisterung verflogen.

Kurzfristige Freude: Der Flüchtling auf dem Oranienplatz begrüßte zunächst die Einigung mit dem Senat, als er die Details kennt, ist die Begeisterung verflogen.

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Berliner zeitung/gerd Engelsmann

Während der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im Roten Rathaus am Dienstagnachmittag die friedliche Räumung des Flüchtlingscamps verkündet, wird an den Hütten auf dem Oranienplatz fleißig gesägt und gehämmert. Zwei junge Afrikaner nageln gerade lange Holzlatten an eine Innenwand. Warum sie das tun, wenn die Flüchtlingsvertreter mit dem Senat doch gerade die Aufgabe des Camps vereinbart haben? Sonst würden sie ja nur rumsitzen, sagt einer von ihnen auf Englisch

Ja, er habe davon gehört, dass sie jetzt eine Duldung bekommen sollen. In seinem Englisch klingt das Wort wie „Dumdum“. Beide Männer müssen darüber lachen. Was das für sie bedeutet, wissen sie auch nicht so recht. Sie würden das Camp gerne verlassen, Deutschkurse besuchen, endlich arbeiten gehen. „We wait for our Dumdum and will see“, sagen sie und hämmern weiter.

Nichts unterschrieben

Nach und nach bilden sich auf dem Platz kleine Diskussionsgruppen. Inzwischen sind auch einige Journalisten gekommen, die wissen wollen, wann der Platz geräumt wird. Niemand kann darauf eine Antwort geben. Drei der anwesenden Flüchtlinge berichten zwar, dass sie der Delegation angehört hätten, die über zwei Monate mit Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) über eine einvernehmliche Räumung des Camps verhandelt hat. Auch am Montagabend habe man wieder mehrere Stunden bei einem Treffen in der Oranienstraße beisammen gesessen, sagt ein groß gewachsener Mann, der sich Mohammed Ali nennt und sagt, dass er aus dem Tschad stammt. Bei diesem Treffen sei jedoch nichts vereinbart und schon gar nichts unterschrieben worden.

Dann erzählen die Männer noch von einem weiteren Treffen mit Dilek Kolat, das es am Dienstagvormittag gegeben haben soll, kurz vor der Senats-Pressenkonferenz. Sie hätten nichts davon gewusst und seien auch nicht eingeladen worden. „I’m afraid, that some people vom Caritas signed“, sagt ein Mann, der seinen Namen mit Akeen angibt: Er fürchte, jemand von den Caritas-Leuten habe unterschrieben.

Damit meint er Vertreter jener Gruppe von Lampedusa-Flüchtlingen, die nach der ersten, noch von Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) ausgehandelten Einigung über eine Räumung des Camps Ende vergangenen Jahres vom Oranienplatz in eine Notunterkunft der Caritas in Wedding umgezogen waren. Damals waren die Zelte auf dem Oranienplatz nicht geräumt, sondern umgehend von anderen Flüchtlingen neu besetzt worden.

Am Dienstagnachmittag werden die Debatten auf dem Platz immer aufgeregter. Misstrauen breitet sich aus. Immer wieder fällt der englische Begriff „corruption“. Die, die ihn aussprechen, meinen damit, dass einzelne Flüchtlingsgruppen dem Senat Zusagen gemacht hätten, um die eigenen Chancen für ein Bleiberecht in Berlin zu verbessern.

„Wir gehen hier nicht weg“

Das gilt vor allem für die aus Afrika stammenden Lampedusa-Flüchtlinge, die derzeit wieder die Mehrheit der Camp-Bewohner stellen. Die meisten von ihnen haben in Libyen gearbeitet, gerieten dort zwischen die Fronten des Bürgerkriegs und flohen auf Booten auf die italienische Insel Lampedusa. In Italien wurden sie zwar als Flüchtlinge anerkannt, aber dennoch weitergeschickt. Je nach Fallkonstellation haben einige von ihnen mittlerweile offenbar eine rechtliche Chance, vorerst in Deutschland bleiben zu können. Andere nicht. „Wir gehen hier nicht weg, wenn es nicht ein Angebot für alle gibt“, sagt Akeen.

Inzwischen ist auch Dirk Stegemann eingetroffen, einer der deutschen Unterstützer, der von Anbeginn auf dem Oranienplatz dabei war. „Sie spielt die Leute gegeneinander aus“, wirft er der Integrationssenatorin vor. Das jetzt vorgelegte Papier sei für 80 Prozent der Betroffenen ohne Wert. „Wenn sie es nicht verbessert, akzeptieren wir es nicht.“