18.11.2011

Losglück: Mit etwas Glück zum Traum in Weiß

Von Benedikt Paetzholdt
Das Kleid passt schon, kirchlich geheiratet wird aber erst nächstes Jahr.
Das Kleid passt schon, kirchlich geheiratet wird aber erst nächstes Jahr.
Foto: Kaveh Rostamkhani
Berlin –  

Eine Hartz-IV-Empfängerin gewinnt ein Brautkleid. Dafür hätten sie und ihre Ehemann in spe sehr lange sparen müssen.

Für Kerstin Jungnickel geht ein Traum in Erfüllung: Sie wird im kommenden Jahr ganz in Weiß in einer Kirche heiraten. Wie für viele andere Frauen gehört das für die 43-Jährige zu einer romantischen Hochzeit unbedingt dazu. Ob sich der Wunsch auch erfüllen lässt, war jedoch lange unklar. Die Mutter von drei Kindern ist Hartz-IV-Empfängerin und konnte sich ein schickes Brautkleid eigentlich nicht leisten.

Dass der Traum von der Märchenhochzeit nun doch wahr wird, hat sie dem Losglück zu verdanken. Das Café „inneHALT“ der Berliner Stadtmission hatte aus einer Geschäftsauflösung eines befreundeten Ehepaares zwanzig hochwertige Brautkleider geschenkt bekommen. 19 davon werden zu einem Preis von je 200 bis 300 Euro verkauft, eines davon wurde für eine Verlosung freigegeben.

Voraussetzung: Nur eine Hartz-IV-Empfängerin konnte das Kleid gewinnen. Als Kerstin Jungnickel von der Aktion hörte, füllte sie die Bewerbungsunterlagen sofort aus. Weil sie aber noch nie etwas gewonnen hat und nicht glaubte, dieses Mal Glück zu haben, zögerte sie - ihre Kinder warfen die Bewerbung schließlich in den Briefkasten.

„Du siehst einfach wunderbar aus“

Am vergangenen Mittwoch kam dann der Anruf von Schwester Inge Kimmerle, der Leiterin des Cafés. Ironie des Schicksals: Einen Tag zuvor hatte Kerstin Jungnickel ihren Freund Maro standesamtlich geheiratet. Schwester Inge ist froh, dass das Los auf diese Frau gefallen ist. „Besser hätte das Schicksal gar nicht entscheiden können.“ Am gestrigen Donnerstag entschied sich die Mutter von drei Kindern dann für eines der zwanzig Kleider und trug es schon einmal zur Probe. Ihre Töchter Katharina und Isabelle trugen die Schleppe.

Ihr frisch vermählter Ehemann, der von der Aktion gar nichts wusste, kam aus dem Staunen nicht heraus. „Du siehst einfach wunderbar aus“, schwärmte er. Dass es Pech bringt, wenn der Mann seine Gattin vor der Trauung im Hochzeitskleid sieht, glauben die beiden nicht, zu groß ist die Freude über das Geschenk. Seit zwei Jahren sind die beiden ein Paar, nachdem sie zuvor gute Freunde waren und jeweils in einer anderen Beziehung lebten. Trotz aller Liebe wollte das Paar nicht im November kirchlich heiraten. Erst im Frühling oder Sommer will der Wachschützer seine Ehefrau vor den Traualtar führen - wenn auch das Wetter stimmt.

Paar hätte lang sparen müssen

Um das Neuköllner Ehepaar und die drei Kinder festtauglich einzukleiden, hätte die Familie lange sparen müssen. Selbst bei einem qualitativ weniger hochwertigen Kleid hätte die Familie allein dafür rund 300 Euro aufbringen müssen, viel Geld für sie. Als Wachschützer verdient Maro Jungnickel rund 850 Euro netto im Monat, die gelernte Altenpflegerin Kerstin Jungnickel, die ihre schwer kranke Mutter pflegte und deshalb ihre Arbeit aufgab, erhält vom Jobcenter dazu einen geringen Betrag an Hartz-IV überwiesen. Monatlich stehen der fünfköpfige Familie weniger als Tausend Euro zur Verfügung.

Wie die kirchliche Hochzeit aussehen soll, darüber hat sich das Ehepaar noch keine großen Gedanken gemacht. Klar ist nur, dass es keine Party mit vielen Gästen geben wird. Bei der standesamtlichen Trauung waren neben dem Brautpaar nur die Kinder, die Geschwister und eine Freundin dabei. Das gesparte Geld wollen die Jungnickels lieber anderweitig ausgeben - zum Beispiel, um mit den Kindern etwas zu unternehmen. Das Geld reicht weiterhin nur knapp. Zurzeit überwiegt jedoch die Freude über das Brautkleid und die Hochzeit in Weiß.

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