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Märkisches Viertel: Besser als sein Ruf

Auf eine gute Nachbarschaft: Am Sonnabend wurde im Märkischen Viertel bei der „Langen Tafel“ gefeiert.

Auf eine gute Nachbarschaft: Am Sonnabend wurde im Märkischen Viertel bei der „Langen Tafel“ gefeiert.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Sie will hier nicht mehr weg. „Von meinem Balkon im 7. Stock sehe ich bis zum Potsdamer Platz und zum Fernsehturm“, schwärmt Katica Rosenberg. „Und ich habe hier alles in einem Dreh“: gute Verkehrsanbindung, nette Nachbarn, Geschäfte, viel Grün. Die 64-Jährige lebt seit 1972 im Märkischen Viertel. Ihr Sohn ist hier aufgewachsen und wohnt nun selber im MV, wie die Siedlung genannt wird. „Ich habe nicht vor, hier noch mal wegzuziehen“, sagt Katica Rosenberg.

Während sie erzählt, verteilt die gebürtige Jugoslawin am Sonnabend an einem Infostand auf dem Nachbarschaftsfest der Gesobau im Märkischen Viertel Infoblätter über Pflegeangebote an Senioren. Auf dem Stadtplatz am Wilhelmsruher Damm steht eine Bühne, an langen Biertischreihen sitzen ältere Leute und Familien. Eben haben Kinder der Charlie-Chaplin-Grundschule einen Tanz zu einem hämmernden Sprechgesang aufgeführt. „Manche nennen es das merkwürdige Viertel“, dröhnte es aus den Boxen: „Wir sind hier aufgewachsen und lieben dieses Viertel.“

Für Außenstehende mag es überraschend sein. Aber man hört an diesem Tag viele Lobeshymnen auf das Märkische Viertel. Die Gesobau, der gut 90 Prozent aller Wohnungen in der Hochhaussiedlung gehören, hat zur Langen Tafel und dem Nachbarschaftsfest geladen. Kinder von sechs Schulen verteilen Spaghetti mit Soße an die Besucher, es spielen Bands, und dazwischen wird die „Viertel Box“ eröffnet, ein neuer Treffpunkt und Ausstellungsraum am Stadtplatz. Es ist der Auftakt für mehrere Jubiläumsveranstaltungen. Denn im August wird es genau 50 Jahre her sein, dass die ersten Mieter ins Märkische Viertel zogen.

Heute wohnen rund 36.000 Menschen in der Hochhaussiedlung im Norden Berlins. Es ist eine Stadt in der Stadt: Mit Häusern, die bis zu 18 Stockwerke in die Höhe ragen, aber auch niedrigeren Bauten. Mit einem Einkaufszentrum und Hallenbad, einem Kulturhaus, 18 Kitas, elf Schulen und sehr viel Grün.

„50 Jahre Märkisches Viertel – man kann das als große Erfolgsgeschichte betrachten“, sagt Reinickendorfs Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) beim Nachbarschaftsfest. Was er den Menschen hier nicht sagen muss: Das Image des Viertels ist ein anderes.

Ähnlich wie bei anderen Großsiedlungen am Stadtrand, etwa der Gropiusstadt in Neukölln oder Hellersdorf, ist gerne mal von der seelenlosen Retortensiedlung die Rede, oder vom Auffangbecken für sozial Schwache. Außerdem hat das MV mit einem speziellen Imageschaden zu kämpfen: Sidos Song „Mein Block“. Der Rapper beschreibt das Viertel darin als Ghetto, bevölkert von Junkies, Kriminellen und Prostituierten. Zehn Jahre ist es her, dass der Song rauskam. Seitdem hat das Viertel seinen Stempel weg.

Kirsten Huthmann, Sprecherin der Gesobau, arbeitet gegen dieses Image an. Beim Nachbarschaftsfest erzählt sie von den vielen engagierten Menschen im Viertel und dem kulturellen Angebot. Die Bewohner sind laut Statistik eher einkommensschwach. Doch das Viertel sei kein sozialer Brennpunkt, sagt sie. Wie in jeder Siedlung dieser Größe gebe es Probleme, aber es gebe auch viel Positives. Viele Menschen lebten sehr gerne hier. Und sie bleiben lange: im Durchschnitt 21 Jahre.

Die Mieten sind bezahlbar, viele Wünsche aber offen

Viele ziehen ins Viertel, weil die Mieten bezahlbar sind. Die Bruttowarmmiete für eine sanierte Wohnung liegt bei 7,60 Euro pro Quadratmeter. „Für das Geld kann ich sonst nur nach Marzahn ziehen“, sagt eine Mutter von zwei Kindern.

Wie die Menschen das Viertel erleben, hängt oft von der Zusammensetzung der Mieter im jeweiligen Haus und natürlich von ihrer persönlichen Lebenssituation ab. Zwei Frauen erzählen, dass es in ihrem Haus im Lift stinkt. „Da pinkeln die Leute rein.“ Auch in den Schulen herrscht keine heile Welt. Margit Bremer ist Lehrerin an der Chamisso-Grundschule. Weil die Lange Tafel das Ziel hat, ältere und junge Leute ins Gespräch zu bringen, haben ihre Schüler im Vorfeld viele Interviews mit Senioren geführt. „Sie haben das toll gemacht.“ Doch sie sagt auch, dass es die Schule oft schwer hat. Es gebe viele Problemfamilien, wo alles zusammenkommt: wenig Geld, Gewalt, Sprachlosigkeit und Bildungsferne.

Aber nur schlecht will niemand über das Viertel reden. „Ein Freibad wäre noch gut, sagt die elfjährige Juline. Und vielleicht ein Kino. Aber sie könne sich durchaus vorstellen auch als Erwachsene im Viertel zu wohnen. „Mir fehlt hier nichts.“

Da geht es ihr wie Katica Rosenberg. In den 42 Jahren, die sie hier lebt, hat sie lange Zeit in Lichtenrade und Tempelhof gearbeitet. Aber umziehen? „Das habe ich mir nie ernsthaft überlegt.“