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Maison Courage in Prenzlauer Berg: Altberliner Kneipe muss Luxuswohnungen weichen

Politische Wirtsleute: die Betreiber Marina Martin und Thomas Resag.

Politische Wirtsleute: die Betreiber Marina Martin und Thomas Resag.

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Lars Reimann

Das Lokal steckt voller Symbolik und Erinnerungen: Beim Betreten schauen Gäste als Erstes auf eine große Zeichnung in Schwarz-Weiß. Es ist ein Porträt von Rosa Luxemburg. Davor stehen frische Blumen. Rosen für Rosa. „Sie hat viel mit unserem Leben zu tun. Wir glauben noch an ihre Ideen und den sozialen Gedanken“, sagt Inhaberin Marina Martin.

Mit ihrem Partner Thorsten Resag, beide stammen aus Cottbus, führt sie das 140 Jahre alte Lokal am Eckhaus Kollwitzstraße 2/Saarbrücker Straße 17 in Prenzlauer Berg. Über das denkmalgeschützte und efeuberankte Haus am Senefelder Platz wird seit einem halben Jahr viel geredet, weil es zum krassen Beispiel für Gentrifizierung geworden ist. Damals versuchte der Eigentümer des Hauses, der Immobilienhändler Klaus Breckner, die Wohnungen als „hochwertige Eigentumswohnungen“ zu verkaufen mit Preisen von bis zu 6 500 Euro pro Quadratmeter. Auf das Dach soll ein 300 Quadratmeter großes Penthouse gebaut werden.

Osteuropäische Bands spielten

Jetzt haben die Pläne des Investors auch das Traditionslokal Maison Courage erreicht. Ende Januar muss das Wirtspaar das Lokal schließen. „Das Maison Courage war unsere Lebensaufgabe. Nun geht ein Stück historisches Berlin verloren“, sagt Thomas Resag. Etwa 240.000 Euro hat er im Laufe der vergangenen 15 Jahre in das Lokal investiert, unter anderem für Schallschutz, Heizung und Küchenausstattung. Die Holztheke ist 130 Jahre alt, Tresen und Holzboden hat er aus historischen Baustoffen gebaut, das Lokal wirkt gemütlich.

Jede Woche spielten osteuropäische Bands Klezmer und Gypsy, dazu gab es Mojito, Bier und russischen Wodka. Das Maison Courage sollte immer mehr sein als nur eine Kneipe, sagt Thomas Resag. Gab es wirklich keine Chance, es weiterzuführen? Doch, sagt Resag. Dann hätten sie das Dreifache der heutigen Miete zahlen oder die Räume kaufen müssen – für mehr als 600.000 Euro. So viel Geld haben die beiden nicht.

Schon als das Wohnhaus aus der Gründerzeit um 1876 errichtet wurde, gab es dort eine Eckkneipe. Anfangs hieß sie Restauration Michaelis, zu DDR-Zeiten Altberliner Bierstube. Als Marina Martin und Thomas Resag das Lokal im Jahr 2000 übernahmen, nannten sie es Courage – „im Sinne von mutig und beherzt“, sagt Martin. Der Name sollte auch etwas mit Widerstand gegen die Macht des Kapitals zu tun haben.

Was nun aus dem Lokal wird, ist unklar. Ein Klamottenladen? Ein Backshop? Ein Café? Eine konkrete Planung gebe es noch nicht, teilt Breckners Büro auf Anfrage mit. Der Mietvertrag mit dem benachbarten Café Chagall laufe bis zum Jahr 2021.
Breckner gehören in Berlin weitere Immobilien, etwa das verwahrloste, von etlichen Roma-Familien überbelegte Wohnhaus in der Grunewaldstraße sowie ein unfertig saniertes Wohnhaus am Wasserturm.

Pankow prüft Kaufoption

Breckner will das Wohnhaus Kollwitzstraße 2 sanieren und das Dachgeschoss ausbauen. Möglich, dass er das Haus behalte. Ein Verkauf von Wohnungen werde derzeit geprüft, heißt es. Doch das könnte schwierig werden. Pankow hat das Gebiet Kollwitzplatz zum sozialen Erhaltungsgebiet erklärt. Dort dürfen Wohnungen nur an die Mieter verkauft werden, Luxussanierungen sind schwer zu realisieren. Im Oktober 2015 hat Breckner den Bewohnern einen Brief geschrieben. Das Haus werde „vernünftig und nicht übertrieben“ modernisiert. „Niemand muss Sorge haben, dass er seine Wohnung räumen muss.“

Seitdem haben die Bewohner nichts mehr gehört. Die meisten Mieter sind Akademiker und Angestellte zwischen 30 und 50, viele haben Kinder. Der Bezirk prüft indes, das Haus „zugunsten Dritter“ zu kaufen, sagt der Stadtrat für Stadtentwicklung, Jens-Holger Kirchner (Grüne). Dieses Vorkaufsrecht gilt in sozialen Erhaltungsgebieten. Erst kürzlich haben die Bezirke Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg diese Regelung angewandt. Nun folgt Pankow.

Das Haus Kollwitzstraße 2 könnte dann einer Stiftung, Genossenschaft oder einer Wohnungsbaugesellschaft übergeben werden, die alle sozialen Grundsätze zugunsten der Mieter einhält und sie vor Vertreibung schützt. Für ein Lokal wie das Maison Courage trifft dieser Milieuschutz aber nicht zu.