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March for Science: Wie Berliner Forscher gegen Fake News kämpfen

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March for Science: Am 22. April ist auch in Berlin ein großer Protestmarsch für die Wissenschaft geplant.

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AP

Es muss Mitte September gewesen sein. Als es noch niemand für möglich hielt, dass Donald Trump US-Präsident werden könnte. Da leugnete Trump in der heißen Phase des Wahlkampfs den Klimawandel. Peter Kappeler und etwa 50 andere Forscher saßen an diesem Tag gerade im Berliner Wissenschaftskolleg zusammen – zum Auftakt ihres Aufenthalts in dem Dahlemer Institut. Das Kolleg bietet Wissenschaftlern aus aller Welt die Gelegenheit, sich für ein knappes Jahr ihrem Fachgebiet zu widmen.

In dieser Runde ging den Professoren jedoch ganz anderes durch den Kopf. Der 57-jährige Biologe und seine Kollegen waren sich einig: Wir müssen etwas tun. Nur was? Sie überlegten, eine Petition zu starten oder einen offenen Brief zu schreiben. „Für viele war das aber nicht ausreichend. So ein einzelner stummer Protest hat in den meisten Fällen zu nichts geführt“, berichtet Kappeler.

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In dieser Zeit zeigten Trump und seine Vertrauten, dass sie wissenschaftlichen Daten nicht trauen, sie ignorieren oder unbegründet infrage stellen. Doch es war nicht nur die Entwicklung in den USA, die Kappeler und seine Kollegen beunruhigte. In der Türkei wurden viele Universitätsdozenten entlassen und zum Teil inhaftiert. In Ungarn soll eine der renommiertesten Universitäten der Hauptstadt geschlossen werden. „In den letzten Monaten hat sich viel Frust über verschiedene Nachrichten aus unterschiedlichen Ecken der Welt angesammelt“, sagt Peter Kappeler. „Sie haben gemeinsam, dass in vielen Fällen Wahrheiten verdreht werden und dass alles, was mit Wissenschaft zu tun hat, lächerlich gemacht oder gar unterdrückt wird.“

Im Februar kam dann in den USA die Idee für einen March for Science auf, ein Marsch für die Wissenschaft. Sie kam wie gerufen und verbreitete sich rasant. In 520 Städten weltweit sollen nun am 22. April Demonstrationen stattfinden. Das Datum ist nicht zufällig gewählt – der 22. April ist Tag der Erde. Die Idee kommt vom sogenannten Women’s March, einer großen Demonstration für Frauen- und Menschenrechte. Auch dafür ging der Anstoß in den USA aus und wurde in Städten weltweit aufgegriffen. Beim Wissenschaftsmarsch sind nun allein in Deutschland Aktivisten in 21 Städten dabei, unter anderem in Heidelberg, Leipzig, München und Berlin.

Für Jule Specht, Psychologin an der Humboldt-Universität (HU) Berlin, ist der Marsch ein wichtiges Bekenntnis für die Gesellschaft, aber auch für die Forschergemeinde selbst: „Damit zeigen wir, dass wir viele sind und gemeinsam an einem Strang ziehen“, sagt Specht. „Wir sehen immer mehr, dass die Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt ist, also in der Türkei, in Ungarn und den USA. Und ich finde es wichtig, dass man die Notwendigkeit freier Wissenschaft damit unterstützt und zeigt, dass diese Freiheit ein hohes wichtiges Gut ist und das über Ländergrenzen hinweg.“

Keine gute Idee

Doch was genau bedeutet Freiheit für die Wissenschaft und warum ist sie so wichtig? „Die Stärke der Wissenschaft ist es, die Gesellschaft und das Denken voranzutreiben. Sie funktioniert nur, wenn Forscher die Möglichkeit haben, sich mit Fragen zu beschäftigen, die aus wissenschaftlicher Sicht bedeutsam sind“, erklärt die Psychologin. „Diese Freiheit kann zum Beispiel eingeschränkt werden, wenn die Politik bestimmte Vorstellungen hat, wie Wissenschaft arbeiten soll und welche Erkenntnisse wichtig sind. So kann die Forschung ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen.“ Von solchen Beispielen habe sie immer mehr gehört und gelesen, da die Forschergemeinschaft international gut vernetzt ist. „Und das macht mich selbst betroffen.“

Für Deutschland ist sie optimistisch. „Ich habe das Gefühl, dass das Vertrauen in die Wissenschaft bei uns sehr hochgehalten wird“, sagt Specht. „Aber wir sollten auch nicht abwarten, bis die Wissenschaftsfreiheit hier eingeschränkt ist.“

Bei Twitter und Facebook gibt es zahlreiche Aufrufe von Organisatoren des Wissenschaftsmarsches in den einzelnen deutschen Städten. Viele Forscher haben sich als Unterstützer öffentlich positioniert. Doch es gibt auch Kritik aus den eigenen Reihen.

So kommentierte der Geologe Robert Young kürzlich in der New York Times, dass der Marsch für die Wissenschaft keine gute Idee sei. Er stelle den politischen Frauenmarsch nach – und bestärke damit nur die skeptischen Konservativen in ihrer Meinung, dass Forscher eine Interessengruppe seien und Wissenschaft für ihre eigenen Zwecke politisieren.

20 Menschen kümmern sich um die Logistik

Auch der Berliner Biologe Martin Ballaschk äußert in einem Blogeintrag Zweifel daran, was ein Wissenschaftsmarsch bewirken könne und ob es sinnvoll sei, für den Erhalt des akademischen Systems in seiner jetzigen Form zu protestieren. Schließlich gebe es viele Probleme wie eine „ungebrochene Elfenbeinturm-Mentalität“, eine allgemeine Frauenfeindlichkeit und einen „psychisch ausgebrannten Nachwuchs in prekären Abhängigkeitsverhältnissen“. Sein Vorwurf: Die meisten Wissenschaftler hätten es über Jahrzehnte verschlafen, der Bevölkerung die Wichtigkeit ihres Tuns nahezubringen.

Jule Specht dagegen findet, dass sich in den vergangenen Jahren viel getan hat. „Uns als Forscherinnen und Forschern wird auch klargemacht, dass das zu unseren Aufgaben gehört. Wir sind aber längst noch nicht so weit wie andere Länder, wo die Erfahrungen in der Wissenschaftskommunikation beispielsweise bei Bewerbungen wichtig sind“, sagt die HU-Forscherin.

Was aus ihrer Sicht noch nicht so gut klappt, ist die Interaktion mit der Öffentlichkeit. „Dabei ist das über die sozialen Medien so gut möglich wie nie.“

Aber es ist nicht nur das Abkapseln, das den Wissenschaftlern vorgeworfen wird, sondern auch wie der Forschungsprozess funktioniert. Er ist oft kleinteilig und aufwendig – und das Ergebnis ist nie endgültig. „Es ist wie ein großes Puzzle. Jeder Wissenschaftler liefert einen kleinen Teil an Informationen, die dann zu einem großen Ganzen zusammengefügt werden“, sagt Vladislav Nachev. Der Biologe ist Postdoktorand an der HU und gehört zum Berliner Organisationsteam des Wissenschaftsmarsches. Etwa 20 Frauen und Männer, vor allem aus der Wissenschaftscommunity, haben sich in den vergangenen Wochen um Logistik und Planung gekümmert.

Ein kleines Puzzlestück

„Als Forscher arbeitet man langsam, diskutiert Ergebnisse und kommt dann zu einer Erklärung, die immer vorläufig ist. Aber selbst, wenn wir nicht wissen, ob das fehlende Stück in unserem Puzzle hellblau oder dunkelblau ist, dann wissen wir trotzdem, dass es nicht rot ist“, erklärt Nachev. Einige Politiker hätten diesen Prozess für sich missbraucht und behauptet, dass Wissenschaft keine Antworten gibt – und stattdessen die geliefert, die sie gern haben wollen.

Für Nachev und das Organisationsteam ist die Freiheit der Wissenschaft ein Gut, das die gesamte Gesellschaft teilt. Deshalb hoffen sie auf viele Teilnehmer, egal ob Wissenschaftler oder nicht. Jule Specht will am Sonnabend dabei sein, ebenso wie Peter Kappeler und seine Kollegen vom Wissenschaftskolleg. Sie haben sich sogar schon T-Shirts drucken lassen.