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Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg: Ein Dieb, ein Video und die Frage nach den Menschenrechten

Der Standbetreiber hält den Dieb fest.

Der Standbetreiber hält den Dieb fest.

Foto:

Screenshot Youtube Apachefightsupporter

Berlin -

Ein junger Mann kauert auf einer Bierbank. Hinter ihm steht ein Verkäufer in einem weißen Kittel, er hält den jungen Mann mit einer Hand am Nacken fest. So fest, dass dieser vornübergebeugt auf seinen Oberschenkeln liegt. Seinen Daumen drückt der Verkäufer in den Hals des Mannes. Dieser schreit und windet sich, versucht sich aus der Umklammerung zu befreien. Mehrere Menschen rufen dazwischen, die Situation ist chaotisch, droht zu eskalieren.

Brötchen oder Tageseinnahmen?

Diese Szene ereignete sich am Dienstagnachmittag in der Markthalle Neun in Kreuzberg. Aufgenommen hat die Auseinandersetzung eine junge Frau. Sie postete das Video kurze Zeit später auf ihrer Facebookseite, wo es schon bald wieder verschwand. Am selben Abend tauchte der Clip bei Youtube auf, hochgeladen auf dem Kanal „Apachefightsupporter“, offenbar der Videokanal der Filmerin. Darunter erklärt sie die Szene: „Er hatte Hunger, klaute ein Brötchen, was ich dann für ihn bezahlte. Doch weder sein Flehen noch Bitten brachten die Arbeiter in der Markthalle Neun Berlin Kreuzberg dazu, aufzuhören ihn zu würgen. Er übergab sich, weinte, flehte, bettelte, aber alle waren sich einig: Das ist menschlich korrekt. Mal drückte der eine kräftig zu, dann wie im Schichtwechsel der andere.“ Seit Freitag ist der Kanal und das Video nun gesperrt.

Dieb aus Markthalle Neun in Kreuzberg wird festgehalten
23.04.2015, Berlin-Kreuzberg: Ein Dieb wird auf frischer Tat ertappt und unsanft von einem Standbetreiber am 21.04.2015 in der Markthalle Neun festgehalten. Eine Frau filmt die Szene und stellt das Video ins Netz. Eine Welle der Entrüstung rollt durchs Internet. Von Misshandlung und Boykott der Markthalle ist die Rede. Laut Gesetz hat sich der Standbetreiber allerdings korrekt verhalten.

„So geht das nicht!"

Immer wieder fordert die Filmerin in dem Youtube-Video den Verkäufer auf, den jungen Mann loszulassen. „So geht das nicht! Sie dürfen ihn nicht in so einem Polizeigriff halten. Das Recht haben sie nicht. Sie würgen ihn. So hält man keinen Menschen fest. Ich werde auf Youtube zeigen, wie ihr mit den Menschenrechten umgeht“, ruft sie, während sie die Kamera im Hochformat auf die Szene richtet. „Ich habe den Jedermanns-Paragraphen, ich kann Straftäter festhalten“, kontert der Verkäufer ohne von dem Mann abzulassen. Dabei ruft er der Filmerin sinngemäß zu, dass sie da, wo sie herkäme, wahrscheinlich anders behandelt werden würde. Die Polizei ist zu diesem Zeitpunkt schon gerufen – jedenfalls laut Gesprächen der Anwesenden.

Video setzt erst später ein

Am Donnerstagnachmittag postete die Markthalle Neun eine Stellungnahme zum dem Vorfall auf ihrer Facebookseite. Darin entschuldigen sich die Betreiber für den Vorfall und betonen, dass Gewalt und Rassismus bei ihnen keinen Platz finden und erklären, dass es sich keineswegs nur um den Diebstahl eines Brötchens handelte: „Am 21. April wurden einem unserer Anbieter in der Markthalle Neun die gesamten Tageseinnahmen aus der Standkasse geklaut. Es handelte sich also nicht um den Diebstahl eines Brötchens, wie es ungeprüft und falsch in der Presse heißt. Der Täter war auch nicht minderjährig, wie teilweise behauptet wird. (...) Erst als er den Widerstand aufgegeben hatte, setzt das verbreitete Handyvideo ein. Der Standbetreiber hat den Verdächtigen mit einem Griff im Nacken festgehalten.“

Die Berliner Polizei hat diese Schilderung der Markthallen-Betreiber bestätigt. Der Täter sei kein Kind, sondern ein 25-jähriger Mann, der die Tat bei der Vernehmung zugegeben habe und gegen den nun Anzeige erstattet worden sei, so Polizeisprecherin Kerstin Ziesmer. Inzwischen ist er wieder auf freiem Fuß. Bevor die Filmerin die Szene aufnimmt, habe der Dieb sich „massiv gewehrt“ und wollte wieder und wieder von der Bank aufstehen.

Der Dieb hat bisher laut Polizei keine Anzeige gegen den Standbetreiber erstattet, der ihn an dem Dienstagnachmittag gegen 16 Uhr festgehalten hat. Der Standbetreiber habe sich korrekt verhalten, so Ziesmer. Er habe den Dieb weder geschlagen, gewürgt oder misshandelt.

Der "Jedermann-Paragraph"

Die Polizeisprecherin beruft sich auf den Paragraphen 127 der Strafprozessordnung, besser bekannt als der "Jedermann-Paragraph". Darin heißt es: „Wird jemand auf frischer Tat betroffen oder verfolgt, so ist, wenn er der Flucht verdächtig ist oder seine Identität nicht sofort festgestellt werden kann, jedermann befugt, ihn auch ohne richterliche Anordnung vorläufig festzunehmen.“

Christian Zorn, Leiter vom Antigewalt-Projekt des Landeskriminalamtes warnt indes davor, eine Festnahme als Laie und damit als Ungeübter und Unausgebildeter durchzuführen. "So etwas kann hochgefährlich werden, da solche Situationen hochemotional und unkontrollierbar werden können, sagt Zorn. "Je höher die Demütigung und der Gesichtsverlust, was der Festgenommene für sich reklamiert, desto höher kann auch dessen Gewaltbereitschaft sein."

Bei einer Festnahme sind die Faktoren virulent, die aus Gewaltbereitschaft eine Gewaltanwendung entstehen lassen können. Der Festgenommene kann sich dadurch gereizt und provoziert fühlen, womit er sein späteres Gewaltverhalten vor sich und anderen rechtfertigt. Bürger sollten nicht Hilfssheriffs spielen, sondern im Sinne deeskalierenden Verhaltens von einer selbst durchgeführten Festnahme aus Gründen der akuten Selbstgefährdung absehen. Sie sollten sich stattdessen die Personenbeschreibung des Täters einprägen, so dass dieser im Nachhinein von der Polizei ermittelt werden kann.

Der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß macht sich nach solchen Vorfällen Sorgen um die Kiezqualität. Mehrere Gewerbetreibende hätten von ähnlichen Erlebnissen und Übergriffen berichtet. „Es ist ein Problem, wenn kleine Ladenlokale aus Sorge vor Überfällen nur noch öffnen, wenn man an der Tür klingelt. Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen, sonst gilt schnell das Recht des Stärkeren“, sagt Stöß.

Hohe Wellen im Netz

Das Video schlägt im Netz hohe Wellen. Inzwischen ist es schon mehr 11.000 Mal (Stand: 23.04.2015: 17 Uhr) angeklickt worden, unzählige Kommentare reihen sich unter dem Facebook-Eintrag der Markthalle Neun – die meisten zeigen sich solidarisch mit dem Dieb, rufen zum Boykott des Streetfood-Markts auf und sprechen von „Misshandlung“.

Fest steht, dass der Standbetreiber sich laut Gesetz korrekt verhalten hat.

Die Frau, die die Szene gefilmt hat, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.



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