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Berliner Zeitung | Massive Finanzprobleme: Die Berliner Feuerwehr ist zu arm für schnelle Hilfe
07. October 2014
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Massive Finanzprobleme: Die Berliner Feuerwehr ist zu arm für schnelle Hilfe

Im ersten Halbjahr gab es in der Hauptstadt rund 10.000 Rettungsdiensteinsätze mehr als im Vorjahreszeitraum.

Im ersten Halbjahr gab es in der Hauptstadt rund 10.000 Rettungsdiensteinsätze mehr als im Vorjahreszeitraum.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin -

Der Krankenwagen wird in Berlin künftig länger zum Patienten brauchen. Nach Informationen der Berliner Zeitung will der Feuerwehrchef die Vorgaben, wie schnell Sanitäter am Ort sein sollen, verändern.

Der Grund für die geplante Verlängerung der Zeit bis zum Eintreffen sind unter anderem die gestiegenen Einsatzzahlen. Seit Jahren nimmt die Zahl der Alarmierungen im Rettungsdienst zu. Allein im ersten Halbjahr wurde der Krankenwagen rund 10.000 Mal mehr gerufen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres – ein Anstieg um knapp sechs Prozent. Das liegt unter anderem daran, dass die Bevölkerungszahl wächst, es mehr alte Menschen, mehr Touristen und mehr Verkehr auf den Straßen gibt. „Angesichts der gestiegenen Einsatzzahlen können wir unsere bisherigen Ziele schon länger nicht mehr erreichen“, begründet Feuerwehrsprecher Björn Radünz auf Anfrage.

Aus diesem Grund legte Landesbranddirektor Wilfried Gräfling Innensenator Frank Henkel (CDU) jetzt eine Entscheidungsvorlage über die sogenannten Schutzziele vor, womit die Zeitvorgaben bezeichnet werden. Es soll drastische Einschnitte geben. Bislang hat die Feuerwehr zwei Schutzzielklassen: Ein Rettungswagen soll in der Innenstadt (Klasse A) in 75 Prozent der Fälle innerhalb von acht Minuten ab Notruf zur Stelle sein. In den Außenbezirken (Klasse B), wo die Freiwillige Feuerwehr unterstützt, sollen wenigstens bei der Hälfte der Notrufe die acht Minuten eingehalten werden. Tatsächlich werden die Zahlen seit Jahren nicht erreicht, sondern nur zu 44 bzw. 24 Prozent.

Gräflings Plan: Künftig soll der Rettungswagen zehn Minuten Zeit haben und dafür in 90 Prozent der Fälle die Vorgabe erreichen. Die soll zudem einheitlich für ganz Berlin gelten. Die Eintreffzeiten sollen sich jetzt pauschal zusammensetzen aus zwei Minuten für Notrufannahme und Disposition und acht Minuten für Ausrücken und Anfahrt. „Für die Eintreffzeiten haben wir die Vergleichszahlen mit anderen Städten und Kommunen herangezogen. Die meisten Feuerwehren fahren nach diesen Vorgaben“, sagt Feuerwehrsprecher Björn Radünz.

Bereits am Telefon geben erfahrene Rettungssanitäter der Feuerwehr-Leitstelle Anweisungen, wie man die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes überbrücken kann. Hören Sie hier, wie ein Mann anhand der Anweisungen beim Notruf 112 um das Leben seiner Frau kämpft. Sie hat überlebt.

Der Kassenlage Rechnung tragen

Würde die Berliner Feuerwehr so weiterarbeiten wie bisher und wollte sie die bisherigen Eintreffzeiten wenigstens nur halten, bräuchte sie nach eigenen Angaben 24,5 zusätzliche Rettungswagen, mindestens sieben zusätzliche Rettungswachen und 294 zusätzliche Stellen. Das würde zusätzliche Kosten in Höhe von jährlich 17 Millionen Euro verursachen. Nach Gräflings Vorschlag würden nur 160 zusätzliche Stellen benötigt und 14 zusätzliche Rettungswagen und zwei neue Feuerwachen. Die jährlichen Mehrkosten für Rettungsdienst und Brandbekämpfung würden sich auf neun Millionen Euro belaufen. Als Preis dafür braucht der Rettungswagen zum Herzinfarktpatienten eben länger.

Dieser Vorschlag sei mit „überschaubarer Ressourcenverstärkung erreichbar“ und trage der Haushaltslage Berlins Rechnung, heißt es in einem internen Abschlussbericht jener Arbeitsgruppe, die in der Feuerwehr, die Vorlage erarbeitete. Denn würde Berlins Feuerwehr eine Idealversorgung gewährleisten, wären Investitionen von jährlich rund 100 Millionen Euro in Löschautos, Rettungswagen und 1 500 Stellen nötig.

„Die Stadt ist in der Pflicht, bei Notfällen schnelle Hilfe zu leisten. Dafür bringen die geplanten Hilfsfristen gar nichts“, sagt der innenpolitische Sprecher der Grünen, Benedikt Lux. „Im Gegenteil, sie verschleiern die Personalnot und lösen den Innovationsstau nicht.“

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