Das Programm lockt mit Reggae, Afro und Tropical Beat, bis Ende November sind die Livemusik-Abende verplant. Doch möglicherweise ist schon vorher Schluss im Yaam. Der Club am Spreeufer gegenüber dem Ostbahnhof in Friedrichshain hat die Kündigung erhalten. Innerhalb von 60 Tagen, so will es der Grundstückseigentümer, das spanische Unternehmen Urnova, soll das 8900 Quadratmeter große Grundstück geräumt sein.
Siebenmal musste das Yaam umziehen, immer wurde es von Investoren vertrieben, konnte aber an anderer Stelle regelmäßig weitermachen. Nun stand das nicht kommerzielle Kultur- und Sozialprojekt erneut vor dem Aus. Der Grundstückseigentümer, das spanische Unternehmen Urnova, hatte die Kündigung geschickt. Innerhalb von 60 Tagen sollte das Gelände geräumt sein. Das ist inzwischen vom Tisch, heißt es. Das Yaam bleibt vorerst an der Spree.
Foto: dapdMan sei von der Kündigung völlig überrascht worden, sagte Yaam-Gründer und -Betreiber Ortwin Rau am Freitag. „Wir appellieren an Urnova, die Kündigung zu überdenken und das bislang gute Verhältnis zwischen Vermieter und Mieter nicht einseitig zu beenden.“ Das Yaam, das als Berlins älteste Strandbar gilt, ist seit gut acht Jahren an diesem Ort und hat sich zu einem weltweit bekannten Hotspot für karibisches Lebensgefühl entwickelt. Falls der Club jetzt weg müsse, könnte es das Ende einer 18-jährigen Erfolgsgeschichte sein, so Rau.
Für das Gelände rund um den Postbahnhof am Ostbahnhof wurde die Planung aktualisiert. So soll es dort keine Hochhäuser mehr geben, die Baudichte wird um 20 Prozent reduziert. Noch-Eigentümer Post AG parzellierte das Areal und verkaufte zwei Grundstücke: den 1842 errichteten Postbahnhof am Ostbahnhof, der weiterhin als Ort für Galas, Partys und Konzerte dienen soll. Auf einer weiteren verkauften Parzelle sollen Wohnungen entstehen. Auch auf dem östlichen Nachbargrundstück, das der Anschutz Entertainment Group gehört, sollen Wohnungen entstehen. Sie sollen im Bereich der Mercedes-Benz-Vertriebszentrale konzentriert werden. Die Firmenzentrale mit dem gut 50 Meter hohen Turm soll in diesem Frühjahr bezogen werden. Westlich der Arena O2 World entsteht derzeit ein Parkhaus mit bis zu tausend Stellplätzen. Im östlichen Bereich, an der Warschauer Brücke, will man in diesem Herbst mit dem Bau eines Einkaufszentrums beginnen. Bereits begonnen wurde zwischen Arena und Mühlenstraße mit dem Bau eines Büro- und Hotelcampus‘.
Auf dem Grundstück, für das ein rechtskräftiger Bebauungsplan existiert, sollen drei Gebäude für Büro- und Hotelnutzung entstehen. Doch nach Baubeginn sieht es derzeit nicht aus, wie auch der Anwalt von Urnova, Cato Dill, bestätigte. Er sagte, die Kündigung richte sich nicht gegen das Yaam. Aber: „Der Eigentümer möchte über sein Grundstück frei disponieren können.“
Es gehe um eine wirtschaftlich sinnvolle Nutzung des Geländes. Mit anderen Worten: Ein freies Grundstück lässt sich besser verkaufen. Urnova will laut eigener Website 26 Millionen Euro für das Areal. Laut Anwalt Dill gibt es Gespräche mit Interessenten. Gerüchte, wonach das Unternehmen Hochtief die Fläche erwerben will, bestätigte er nicht. Allerdings waren Vertreter des Baukonzerns bereits im Stadtplanungsamt von Friedrichshain-Kreuzberg, aktuell gebe es aber keine Kontakte mehr, sagte Bürgermeister Franz Schulz.
Auch der Grünen-Politiker ist überrascht von der Kündigung. „Es gab die Abmachung, dass der Club so lange bleiben darf, bis die Bagger kommen.“ Urnova-Anwalt Dill sagte: „Das ist nicht richtig. Mit dem Yaam war eine Zwischennutzung vereinbart, die jederzeit, ohne dass dies im unmittelbaren Zusammenhang mit einem Baubeginn zu stehen hat, beendet werden kann.“
Ortwin Rau, dessen Verein Kult e.V. den Club ohne staatliche Zuschüsse betreibt, klang bitter: „Berlin wirbt mit uns als Ort für erfolgreiche Integration und gute Laune, aber wenn es um unsere Existenz geht, kommt kein Signal von der Politik.“ Er meinte damit den Senat, denn an Unterstützung vom Bezirk mangelt es nicht. Nur kann der Bezirk nicht viel tun. Bürgermeister Schulz will dennoch helfen. Er will mit Urnova über eine Verlängerung des Vertrages reden. Und mit dem Senat über einen langfristigen Standort, denn: „Das Yaam ist ein wichtiger kultureller und sozialer Ort für Berlin und darüber hinaus.“ Es gebe an diesem Spreeabschnitt Flächen von landeseigenen Unternehmen, die dafür geeignet wären.
Das Kultur- und Sozialprojekt Young African Art Market, kurz Yaam, besteht seit 1994. Ursprünglich als Hilfsprojekt für Menschen aus Afrika gedacht, entwickelte sich das Yaam zum Hotspot für afrikanisches und karibisches Lebensgefühl. Es gibt Live-Musik, ein Restaurant für afrikanische und karibische Speisen, HipHop- und Graffiti-Workshops, diverse Sportangebote, eine Fahrradwerkstatt und eine Strandbar.
Dass Not auch erfinderisch macht, bewies Yaam-Macher Rau. Vielleicht, sagte er, müsse man eine Genossenschaft gründen und das Grundstück einfach kaufen? Er habe jedenfalls Kontakt zu jener Schweizer Stiftung aufgenommen, die das BSR-Grundstück an der Holzmarktstraße gekauft hat, um es den Machern des Kater Holzig für ihr Kreativprojekt aus Künstlerdorf und Club zu überlassen.
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