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Mehmet Aygün: Das Berliner Hasir-Imperium

Hasir-Restaurant in Kreuzberg. Weil Aygün gerne expandieren würde, müsste der Blumenladen an der Adalbertstraße, Ecke Oranienstraße weichen.

Hasir-Restaurant in Kreuzberg. Weil Aygün gerne expandieren würde, müsste der Blumenladen an der Adalbertstraße, Ecke Oranienstraße weichen.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin -

Eigentlich müsste Mehmet Aygün seine Geschichte gerne erzählen. Die Geschichte vom bitterarmen türkischen Einwanderer, der es zum vielfachen Millionär schaffte. Der mit einem Imbiss in Kreuzberg begann und dessen Familie heute acht Restaurants in Berlin gehören und ein Hotel, und der gerade zwei weitere Hotels in der Stadt baut, eines am Gendarmenmarkt und eines gegenüber der neuen BND-Zentrale.

In Istanbul besitzen die Aygüns fünf Hotels und in Antalya ein Resort. Ein weiteres eröffnet dort im April, ein Luxusresort mit 700 Zimmern, 170.000 Quadratmeter groß, größer als 23 Fußballfelder, mit einem Fluss in der Mitte, auf dem die Gäste mit einem Katamaran zum Meer gebracht werden. Langfristig ist außerdem die Gründung einer Universität geplant und weltweit sollen es mal 2000 Hotels werden. Damit läge man zwar hinter den Hilton Hotels, aber deutlich vor den Holiday Inns.

Und dann soll Mehmet Aygün ganz nebenbei auch noch den berühmten Döner erfunden haben.

Vielleicht nächstes Jahr

Man wüsste gerne etwas von ihm über seine Karriere vom Habenichts zum Global Player, von einem, der aufgestiegen ist wie kaum ein anderer türkischer Unternehmer in Deutschland. Interviewanfragen sind an seinen Sohn Aytac, 26, Geschäftsführer des Titanic-Hotels am Spittelmarkt, zu richten.

„Wir sind gerne bereit, uns mit Ihnen zu treffen, zum Beispiel im nächsten Jahr“, schrieb Aytac Aygün zuletzt. Das war in einer E-Mail am 14. August 2012. Und jetzt sagt er, dass es vielleicht im April 2014 etwas wird. Vielleicht. Es fehle ihm einfach die Zeit. Er habe bis zu siebzig Interviewanfragen am Tag, oder achtzig, lässt Mehmet Aygün durch einen engen Freund wissen, den Dönerhersteller Remzi Kaplan. Achtzig Interviewanfragen, Donnerwetter! Wer ihn treffen möchte, empfiehlt Kaplan, solle in Aygüns Lieblingssauna in Charlottenburg gehen. Aber will die Reporterin in die Sauna gehen, um einen türkischen Millionär zu interviewen?

Was macht Mehmet Aygün so zurückhaltend? Ist doch nicht ehrenrührig, zu erzählen, wie man sein Geld verdient. Und ist doch nicht geheim, was man künftig noch alles geschäftlich vor hat in der Stadt. Wo man expandieren will mit den Restaurants und Hotels. Aber vielleicht ist es unklug, seine Pläne auszuposaunen, weil es nur Gerede gibt und Unruhe schafft unter denen, die es betreffen könnte. Es gibt ja schon die Gerüchte in Kreuzberg, Aygün wolle den halben Stadtteil aufkaufen mit seinem Geld, das ist nicht gut für das Image. Vielleicht will Aygün deshalb nicht reden.

Beginnen wir also ohne ihn, am besten dort, wo alles anfing, in den inzwischen stadtbekannten Hasir-Restaurants. Es gibt mittlerweile sechs davon in der Stadt. Aygün ist in jeder seiner Filialen auf gerahmten Fotos zu sehen. Mal zusammen mit Wolfgang Schäuble, mal mit dem ehemaligen deutschen Präsidenten Christian Wulff, dem ehemaligen türkischen Ministerpräsidenten Mesut Yilmaz oder dem Filmemacher Fatih Akin. Die Reichen und Wichtigen kommen gerne in seine Restaurants in Wilmersdorf und in Mitte, und dann ist Mehmet Aygün gerne zur Stelle, um sich mit ihnen ablichten zu lassen.

Seit 1971 in Berlin

Mehmet Aygün ist 56, er stammt aus dem Nordosten der Türkei, aus Giresun am Schwarzen Meer. Die Eltern haben ein Lebensmittelgeschäft, wo Mehmet und seine fünf Brüder schon früh aushelfen müssen. Als er elf ist, stirbt der Vater, ein für die Familie bis heute traumatisches Erlebnis, wie sein Sohn Aytac Aygün erzählt, als zumindest mit ihm ein Gespräch zustande kommt. Mehmet muss im Laden verkaufen, nebenher Fische fangen und als fliegender Händler arbeiten.

1971 geht er nach Berlin, kurz darauf folgen ihm zwei Brüder, Saim und Temel. Sie arbeiten als Taxifahrer und als Tellerwäscher, im Imbiss eines Onkels am Kottbusser Tor und dem von Kadir Nurman am Bahnhof Zoo. Lange ist das her.

Kadir Nurman, ein alter Mann, sitzt an einem Januarmorgen auf einem sorgfältig gemachten Klappbett in seiner Einzimmerwohnung in Charlottenburg und blättert in vergilbten Zeitungsausschnitten. Sie zeigen ihn in seinem Imbiss. Er hat auch Anzeigen aufgehoben, die für seinen Imbiss und seinen Döner werben. Anfangs hätten Mehmet und Temel in seinem Laden saubergemacht und später verkauft, erzählt er. Abwechselnd seien sie zur Arbeit gekommen, weil sie nur ein Hemd und ein paar ordentliche Schuhe gehabt hätten. Die Tellerwäschergeschichte.

„Nach achtzehn Monaten haben sie deutsche Mädchen geheiratet. Ich habe jedem dafür 8000 Mark geliehen. Später haben sie sich von den Frauen scheiden lassen. Sonst sage ich nichts über Mehmet Aygün, aber er soll nicht lügen.“

Lügen? Nurman ärgert es, das Mehmet Aygün behauptet, er sei es, der den Döner erfunden hat. Es ist ja eine tolle Sache, Erfinder des Döners zu sein. Drei Millionen Mal wird er heute täglich in Deutschland verkauft. Döner, das ist nicht bloß geschnittenes Fleisch in Fladenbrot. Sondern ein Wirtschaftsfaktor mit jährlich rund 3,5 Milliarden Euro Umsatz. Seit zwei Jahren gibt es sogar eine Döner-Messe. Er, sagt Nurman, habe den Döner erfunden.

Wer hat den Döner erfunden?

„Der Mehmet war damals viel zu jung“, sagt Nurman. „Der hat bei mir gelernt. Die Aygüns sind fleißige Jungs, aber die sollen nicht Dinge behaupten, die nicht stimmen.“ Nur, was soll er tun, gegen die Legende von Mehmet Aygün, dem Erfinder des Döners, die sich in der Stadt verbreitet hat? Nurman ist fast achtzig und krank. Er braucht Ruhe. Und Mehmet Aygün ist ein mächtiger Mann in der Stadt. Einer, der bestimmt, was wahr ist und was falsch. Nurman kann gegen Aygün nicht gewinnen.

1984 eröffnet Mehmet Aygün sein erstes Restaurant in der Adalbertstraße 12. Er nennt es Hasir, Stroh auf Türkisch, und Aygün serviert dort traditionelle Küche und Döner, die es damals nicht oft in Berlin gibt. Auch türkische Supermärkte gab es zu der Zeit nur wenige. Hasir wurde bei den türkischen Arbeitern und in der Community schnell beliebt.

Das Geschäft nimmt Fahrt auf, bald folgt ein zweites Restaurant in der Adalbertstraße, danach Filialen in Schöneberg, Wilmersdorf, Spandau und Mitte, dazu die Italiener Paglia – Stroh auf Italienisch – und Pascarella. Das Paglia ist ein Stehrestaurant gegenüber von Hasir in der Adalbertstraße, das Pascarella ein mondänes Grillrestaurant in der Schlüterstraße in Charlottenburg.


Das Hasir-Imperium von Mehmet Aygün auf einer größeren Karte anzeigen

Mehmet Aygün trifft sich dort mittags gerne mit dem Prominentenwirt Adnan Oral aus dem nahegelegenen Adnan, wo manchmal Angela Merkel oder Daniel Barenboim speisen. Die Restaurants laufen gut, was vermutlich auch daran liegt, dass Hasir in fast jedem Reiseführer steht. Hasir hat es als „das türkische Restaurant in Deutschland“ bis in die New York Times geschafft.

Özcan Mutlu, der von den Grünen gerade als Bundestagskandidat aufgestellt wurde, kennt Mehmet Aygün nach eigenen Angaben sehr gut. Er hat schon als Kind in den Hasir-Restaurants gegessen, und er ist jetzt gerne dort zu Gast. Mutlu will uns etwas über Aygün erzählen, aber Mitte Januar ändert er plötzlich seine Meinung.

Schade. Wir hätten gerne erfahren, was dran ist an den Gerüchten über Aygüns Ausbreitung in Kreuzberg. Und wie man als Stadtpolitiker reagiert in einem Stadtteil, wo die sozialen Verhältnisse ohnehin aufgeladen sind. Da müsste ein Bundestagskandidat, noch dazu von den Grünen, doch eigentlich Stellung beziehen. Aber Mutlu sagt am Telefon: „Ich will mich als bekannter Politiker nicht auch noch einmischen.“ Und schweigt.

Verschwiegene Gemeinde

Man läuft die Adalbertstraße vom Kottbusser Tor aus hinunter und ist mitten drin im bunten, wilden Leben von Kreuzberg. Gleich links befindet sich das Kreuzberg-Museum, rechts gegenüber Trigger-Copy, wo man früher verbotene Schriften aus der autonomen Szene bekam, nebenan sitzt das Reisebüro Beytar, das aus der Hausnummer 10 wegzog, als Aygün dort sein zweites Hasir-Restaurant eröffnete.

Im Süßwarengeschäft Kiliçôglu gegenüber liegen im Schaufenster klebrige, glänzende Teigrollen, nebenan im Souterrain ist der Fischladen Karadeniz, um die Ecke das Farbgeschäft Kazca, alles alteingesessene türkische Läden. Alle kennen Mehmet Aygün. Aber keiner der Besitzer ist bereit, sich über Mehmet Aygün zu unterhalten.

Nur Bircan Er spricht. Er ist Geschäftsführer des Blumenladens Dilek in der Adalbertstraße, Ecke Oranienstraße, direkt neben dem Hasir-Restaurant in der Hausnummer 10. Die Moonday GmbH von Mehmet Aygün hat das Gebäude gekauft und dem Blumenladen zum Jahresende 2012 gekündigt, allerdings ist mehr noch nicht passiert.

Dilek ist ein Symbol im Kiez, es gibt das Geschäft seit dreißig Jahren, es hat 24 Stunden am Tag geöffnet. „Jeder hier weiß, dass die Aygüns ihre Restaurants erweitern wollen“, sagt Bircan Er. „Wir haben aber einen gültigen Mietvertrag bis 2022, mit einer Option, weitere fünf Jahre zu verlängern. Ich glaube nicht, dass die schon einen Schritt weiter gekommen sind.“

Bircan Er sitzt in dem winzigen Hinterzimmer des Blumenladens, schiebt seine Baseballkappe nach hinten und erzählt, dass er sich nachbarschaftlich immer gut mit den Aygüns verstanden habe, „schließlich sind wir Landsleute. Aber jetzt, wo die uns raus haben wollen, haben die mit den üblichen Sticheleien angefangen. Unser Müll stinke, solche Sachen. Dabei haben wir nur das Laub von den Blumen. Und die haben ihre Restaurantabfälle!“ Kürzlich habe Saim Aygün ihn gefragt, ob er sich schon nach was anderem umschaue, erzählt Bircan Er. Er sagt das ganz gelassen. „Unser Anwalt sagt, dass die Aygüns uns nichts anhaben können.“

Kein Aygün-Hostel an der Oranienstraße

Im Bezirk ging nach dem Verkauf des Gebäudes bereits ein Antrag von Aygüns Leuten auf Umbau zu einem Hostel ein, eines seiner 2000 Hotelprojekte. Aber das wurde mit dem Hinweis auf das Milieuschutzgebiet verboten, so ist von Bürgermeister Franz Schulz zu erfahren. „Die Umwandlung in eine Beherbergungsstätte“, sagt er, „hätte einen Erdrutsch an der Oranienstraße ausgelöst, weil andere Eigentümer ähnliche Wünsche haben.“ Aber womöglich sind solche Verbote ja nur Verbote auf Zeit.

Es gibt noch ein paar Versuche, mit Leuten, die Mehmet Aygün kennen, ins Gespräch zu kommen. Aygün war zweimal Präsident des hiesigen türkischen Fußballklubs, in den Jahren 1991 und 1996. Und er ist Mitglied der türkisch-deutschen Handelskammer. Aber es ist immer wieder dasselbe: Entweder sagen mögliche Gesprächspartner mit den fadenscheinigsten Begründungen ab, oder das Gespräch besteht am Ende nur aus nichtssagenden Floskeln. Als hätte die ganze Welt Sorge, etwas zu sagen, das Aygün nicht in den Kram passt. Als wären sie alle von seinem Wohlverhalten abhängig. Als stünde er über ihnen wie ein Patriarch.

Mehmet Aygün jedenfalls ist um gute Presse bemüht, für wohlwollende Artikel stellt er sich bereit. Ein Fotograf, der ihn kürzlich abgelichtet hat, musste versichern, seine Fotos nur für positive Artikel über Aygün zur Verfügung zu stellen.

Mitte Januar meldet sich überraschend Peter Wiese von „Wiese Genusskommunikation“ und erklärt, dass er die Pressearbeit für Familie Aygün übernommen hat. Er vermittelt tatsächlich einen Interviewtermin, allerdings nicht mit Mehmet Aygün. Sein Bruder Saim und sein Sohn Aytac seien zum Gespräch bereit.

Eine Stunde später als verabredet erscheinen die beiden Mitte Februar in der Lobby des Hotels Titanic. Bis dahin versuchen Wiese und Mareike Görtz – sie ist Operation Manager der Moonday GmbH, unter der die Restaurants und Hotels firmieren –, die Wartezeit nicht zu lang werden zu lassen.

Mareike Görtz schwärmt ausgiebig und in höchsten Tönen von den Hotels in der Türkei und erzählt vom „gesunden Wachstum der Firma“. Die Frage nach dem Geheimnis der rasanten Expansion des Unternehmens und seines Geschäftsvolumens unterbricht kaum ihren Redefluss: „Es sind ja insgesamt sechs Brüder, und wenn man das wieder runterbricht auf sechs, ist das nicht mehr ganz so viel. Man muss aber auch sagen, dass die Familie sehr viel und sehr hart arbeitet. Die sind jeden Tag in ihren Geschäften dabei und greifbar.“

Eine große Familie

Saim Aygün, Familienmitglied und Geschäftsführer der Restaurants, erzählt die gleiche Geschichte: „Wir sind eine große Familie. Wir haben Geschäfte gemacht. Wir kennen viele Landsleute.“

Aber die Hotels sind ein großes Projekt, da ist viel Geld im Spiel?

„Wir sind aber sechs Brüder.“

„Was Saim auch sagen will“, springt Mareike Görtz behende ein, „ist, dass die Brüder sich gegenseitig ergänzen. Auf der einen Seite Hotel, auf der anderen Seite Gastronomie, da spielt alles zusammen.“ Und da sei ihr Fleiß und ihre Strebsamkeit.

Fleiß und Strebsamkeit. Es gibt Gerüchte, die sagen, das Geschäftsvolumen betrage 400 Millionen Euro. Geben Sie Zahlen heraus, über Mitarbeiter, Umsatz, Gewinn? „Das macht unsere Verwaltung.“ Nur antwortet die Verwaltung später auf eine Anfrage nicht.

Das Gespräch dreht sich im Kreis. Auf die letzte Frage an Aytac Aygün, warum es Monate gedauert hat, um ins Gespräch zu kommen, antwortet der junge Hotelmanager, der eigentlich Arzt werden wollte: „Wie Sie heute gesehen haben, haben wir einen sehr straffen Zeitplan.“ Aygün erneuert seine Bereitschaft, sich gerne einmal medial zu präsentieren. „Wie wäre es zur Eröffnung der neuen Hotels? Ja. Im Frühling 2014 würden wir gerne noch mal mit Ihnen sprechen.“

Fragt sich, worüber? Dass die Familie Aygün ihrem Traumziel, einmal 2000 Hotels zu besitzen, dann weitere drei Häuser näher sein wird. Schön für sie.



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